Die Presseschau von Montag, dem 23. März 2020

Die Coronavirus-Pandemie hat das Land weiter fest im Griff. Und damit auch die Zeitungen, die sich in ihren Leitartikeln unter anderem mit den Problemen bei den Schutzmasken und Detektionstests befassen. Auch die wirtschaftlichen Maßnahmen und das Verhalten von Bürgern und Politikern stehen im Fokus.

Pflegepersonal (Bild: Piero Cruciatti/AFP)

Illustrationsbild: Piero Cruciatti/AFP

„Mangel an richtigen Masken erzürnt Pflegepersonal“, titelt heute Le Soir. „Sorgen wegen Mangels an Masken“, schreibt auch La Libre Belgique. Die Engpässe bei angemessener Schutzausrüstung für medizinisches Personal beschäftigen heute auch die Leitartikler.

Fakt ist: Wenn das Coronavirus einmal besiegt ist und die Wirtschaft sich wieder normalisiert hat, werden die „Masken-Affäre“ und die „Test-Affäre“ parlamentarische Untersuchungen nach sich ziehen, ist sich Le Soir sicher. Bei den Masken geht es darum, dass Millionen von Schutzmasken für medizinisches Personal erst spät geliefert wurden, angeblich wegen Betrugs. Die gelieferten Masken sind nun außerdem nicht so gut, wie erwartet. Bei den Tests auf das Virus ist das Problem, dass in Belgien bislang viel zu wenige Patienten überhaupt auf Covid-19 getestet wurden. In Südkorea zum Beispiel oder auch in Deutschland ist die Testquote deutlich höher. Irgendwann werden dafür die Verantwortlichen ausgemacht werden müssen, glaubt Le Soir.

Warum fehlte es so früh in der Krise und kontinuierlich seit ihrem Ausbruch an Masken? Warum wurde nicht beschlossen, von Anfang an systematisch zu testen, um eine wirksamere Eindämmung zu erreichen? Warum wurden nicht alle Reisenden aus Krisenländern sofort bei der Einreise getestet? Die beiden Probleme hängen auch zusammen: Wenn nicht systematisch getestet wird, ist es eigentlich umso wichtiger, dass gute Schutzausrüstung verfügbar ist. Dafür müssen jetzt die Sondervollmachten der Regierung Wilmès prioritär eingesetzt werden. Die Verantwortlichen können später noch ermittelt werden, meint Le Soir.

Der Mangel an Masken in Belgien ist wirklich skandalös, findet auch La Libre Belgique. Aber jetzt ist keine Zeit für Polemik. Vertrauen wir lieber auf seriöse Wissenschaft und seien wir sehr vorsichtig, was Gerüchte angeht. Natürlich ist es schlimm, zu sehen, dass es immer noch Länder gibt, die die Pandemie auf die leichte Schulter nehmen. Und es ärgert enorm, wenn Mitbürger sich nicht an die Notfallregeln halten. Aber hören wir lieber darauf, was die Experten sagen: Unsere Krankenhäuser sind bereit und bereiten sich weiter vor. Es ist entscheidend, dass sie das nötige Schutzmaterial bekommen – und zwar massenweise. Vertrauen wir darauf und passen indes gut auf uns auf, schlägt La Libre Belgique vor.

„Payback time“

Es ist Payback time, stellt De Standaard fest. 2008 hat der Staat die Banken gerettet, jetzt soll es andersherum geschehen. Belgien hat wie auch andere Staaten und die Europäische Zentralbank die fiskalpolitische Bazooka ausgepackt: Mit 50 Milliarden Euro an Krediten sollen die Banken notleidenden Unternehmen unter die Arme greifen. Und dabei größtenteils das Risiko tragen.

Die Banken sind vorbereitet und haben die letzten Jahre Rücklagen aufgebaut. Aber natürlich werden wir die Rechnung alle gemeinsam begleichen müssen. Denn das Problem der Wirtschaft ist nicht, dass so viele Menschen krank werden, sondern dass so viele Menschen nicht mehr arbeiten. Besonders mit Blick nach Italien und Spanien wissen wir, dass wir vorsichtig sein müssen.

Aber bei den drakonischen Maßnahmen geht es nicht nur darum, Leben zu schützen. Es geht auch darum, die Bevölkerung zu beruhigen. Ein Beispiel sind die Schulschließungen. Das ist eine der sichtbarsten Maßnahmen. Wissenschaftlich ist ihr Nutzen aber fraglich. Die Frage ist: Dürfen wir jetzt, da wir die gesundheitlichen Auswirkungen der Krise noch gar nicht kennen, schon die Kosten-Nutzen-Frage stellen?, fragt sich De Standaard.

Der Frust des Bart De Wever

Gazet van Antwerpen widmet sich dem Frust der Parteivorsitzenden in Zeiten von Corona. N-VA-Chef Bart De Wever hat der Regierung von Sophie Wilmès nicht sein Vertrauen ausgesprochen. Aber jetzt bleibt ihm trotzdem nichts anderes übrig, als die ganzen Maßnahmen aus Brüssel gutzuheißen. Mit Frust muss er zusehen, wie die Regierung Lob von allen Seiten einheimst. Die Vorbereitung des Gesundheitssystems, die wirtschaftlichen Maßnahmen, die Ausgangssperre und ihre Durchsetzung, die Grenzschließungen – all das geht in den Augen der Öffentlichkeit in die richtige Richtung.

Dieses Land ist in der Krise, aber es wird alles getan, um sie beherrschbar zu halten. Die politische Zukunft Belgiens ist da erst einmal die geringste unserer Sorgen. Für Parteivorsitzende mit großen Ambitionen ist das frustrierend, aber für das Land hoffentlich auch heilsam, hofft Gazet van Antwerpen.

Hohle Gesten und gute Schritte

Bleiben Sie in ihrer Wohnung!, fordert Het Nieuwsblad eindringlich – um den menschlichen und wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Wer sich nicht an die Regeln der Ausgangssperre und der sozialen Distanzierung hält, bringt mehr Menschen als nur das Krankenhauspersonal in Gefahr. Ob Radfahrer in großen Gruppen, Fußballspieler in Parks oder Feierwütige im ganzen Land – am Wochenende hat sich ein Teil der Gesellschaft von seiner schlechten Seite gezeigt. Wenn diese Leute dann abends auf dem Balkon stehen und applaudieren, ist das nicht mehr als eine hohle Geste, giftet Het Nieuwsblad.

Gibt es nicht auch etwas Gutes in dieser erzwungenen Entschleunigung?, fragt L’Avenir. Sich mit dem Nötigen begnügen, unsere ungebremste Konsumsucht vergessen, unnötige Reisen unterlassen, lokale Produkte kaufen, weniger die Umwelt verschmutzen, lokale Netzwerke wieder aufbauen. Im Endeffekt lassen wir gerade eine Reihe schlechter Angewohnheiten hinter uns. Vielleicht bewegen wir uns so in Richtung einer größeren Harmonie mit unserem Planeten. Es wird mit Sicherheit mehr nötig sein, als dieses Virus, um die Menschheit in ihrer Beziehung zur Natur wieder zu Verstand zu bringen. Aber jeder Schritt ist gut, glaubt L’Avenir.

Peter Eßer

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