Die Presseschau von Donnerstag, dem 19. März 2020

Ausgangssperre: Viele Zeitungen berichten ausgiebig über die neue Situation. In den Krankenhäusern bereitet man sich indes auf den Krisenfall vor. Und auch in der Wirtschaft schrillen alle Alarmglocken. Nur beklagen viele Zeitungen, dass Belgien eigentlich gar nicht die nötigen Mittel hat, um der Wirtschaft zu helfen.

Fast leere Straßen in Gent (Bild: James Arthur Gekiere/Belga)

Fast leere Straßen und Plätze in Gent (Bild: James Arthur Gekiere/Belga)

„Ausgangssperre, Tag 1“, titelt La Dernière Heure. „Jetzt erleben wir die Ausgangssperre“, schreibt sinngemäß L’Avenir. Viele Zeitungen zeigen auch Fotos von leeren Geschäftsstraßen, leeren Plätzen, leeren Stadtzentren. „Trostlose Ebene“, schreibt Le Soir. Das ist eigentlich ein Zitat des französischen Schriftstellers Victor Hugo, der so das Schlachtfeld von Waterloo beschrieb.

„Die Belgier werden jetzt auf eine harte Probe gestellt“, schreibt das GrenzEcho auf Seite eins. Und das gilt insbesondere für Familien. „Die Kinder sind im Haus, daneben ist Home-Office angesagt, da kann die Atmosphäre schnell säuerlich werden“, bemerkt L’Avenir. „Belgien stellt sich Fragen und organisiert sich“, schreibt La Libre Belgique.

Das neue Normal

„Kümmert Euch und nehmt aufeinander Rücksicht“, empfiehlt Het Nieuwsblad in seinem Leitartikel. Jetzt ist das „Zuhausebleiben“ das neue Normal. Noch scheint das gut zu funktionieren. Auf die Dauer wird das aber an den Nerven zerren. Vor allem in den Stadtzentren, wo die Menschen auf engsten Raum zusammenleben müssen. Da ist jeder Einzelne gefragt: Das Radio auf volle Lautstärke zu drehen oder den ganzen Tag mit der Bohrmaschine herumzuwerkeln, das geht nicht! Denken Sie an Ihre Nachbarn! Wenn das nicht passiert, dann gibt das auf Dauer ein Unglück!

Präventive Vorbereitung auf das Schlimmste

An der eigentlichen Corona-Front bereitet man sich in der Zwischenzeit auf den medinischen Krisenfall vor. „Die Krankenhäuser sind in höchster Alarmbereitschaft und stellen sich auf den Höhepunkt der Epidemie ein“, warnt La Libre Belgique auf Seite eins. In den nächsten Tagen muss damit gerechnet werden, dass immer mehr Patienten in die Krankenhäuser und Intensivstationen strömen. „Die Welle kommt am Sonntag oder Montag“, schreibt La Libre Belgique. Und das kann im schlimmsten Fall schmerzliche Entscheidungen nötig machen.

Die Schlagzeile von De Standaard lässt den Leser erschaudern: „Auf den Intensivstationen schließt man nicht aus, dass man sich irgendwann zwischen jungen und alten Patienten entscheiden muss“, schreibt das Blatt. „Muss Belgien bald auch wie Italien schwierige Entscheidungen treffen?“, fragt sich auch De Morgen, und dann ein Zitat: „Gebt jungen Patienten im schlimmsten Fall den Vorrang vor älteren“. So steht es in einem Leitfaden, der für die Ärzteschaft an der Löwener Uniklinik erstellt wurde und der auch als Vorlage für andere Universitätskrankenhäuser dienen soll. „Wir hoffen, dass wir diese Order nie umsetzen müssen“, sagt ein Mediziner.

Egoismus in Reinform

„Aber noch hält der Deich“, meint De Morgen. Denn genau das ist unser Gesundheitssystem: eine Brandmauer gegen Katastrophen wie diese. Oft wurden die Kosten unseres Gesundheitssystems als „zu hoch“ kritisiert. Jetzt können wir froh sein, dass wir all diese angeblich zu teuren Krankenhausbetten haben. In Italien ist der Deich gebrochen, in Spanien im Grunde auch. Bei allen Defiziten und Fehlentwicklungen, die natürlich auch nicht ausbleiben: Wir sollten uns gesegnet fühlen, dass wir in einem Land leben, das über ein robustes Gesundheitssystem verfügt.

Wenn man all das so liest und hört: „Haben die Jugendlichen immer noch nicht den Ernst der Lage kapiert?“, wettert La Dernière Heure. Gestern gab es wieder Bilder von jungen Menschen, die in Parks zusammenstanden, als wäre nichts gewesen. Diese Leute verwechseln vermeintliches Heldentum mit galoppierender Dummheit. „Wir werden ja ohnehin nicht dran sterben“, hört man die Jugendlichen sagen. Mag sein. Aber sind sie sich immer noch nicht darüber im Klaren, dass sie dazu beitragen, dass sich das Virus weiterverbreitet und die Krankenhäuser volllaufen? Egoismus in Reinform ist das! „Reißt Euch doch endlich mal zusammen!“.

Und daneben auch weiter eine wirtschaftliche Krise

Neben der rein sanitären Krise gibt es ja auch noch eine wirtschaftliche. Und was für eine. Ganze Sektoren wanken. „Die Rechnung wird sich auf 14 bis 16 Milliarden Euro belaufen“, titelt L’Echo. Das ist die Schätzung des flämischen Arbeitgeberverbandes Voka. „Und die Föderalregierung macht demgegenüber nur eine Milliarde frei“, so die anklagende Schlagzeile von Het Laatste Nieuws. „Weitere Milliarden sind aber in der Pipeline“, bemerkt De Tijd. Die Regierung arbeitet schon an neuen Rettungsmaßnahmen.

„Uns droht die Mutter aller Rezessionen“, warnt Het Belang van Limburg. Im Moment sind unsere Gesellschaften fast wie ein Vogel für die Corona-Katze. Wir werden einen Marshallplan brauchen, glaubt Le Soir. Das Problem ist nur, dass es diesmal nicht, wie nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Land gibt, das vergleichsweise verschont geblieben ist und das Geld auf den Tisch legt. Diesmal müssen wir das alleine schaffen.

„Coûte que coûte“

„Rettet die Wirtschaft!“, so der fast verzweifelte Appell von De Tijd. Natürlich gibt es erste Hilfsmaßnahmen vom Föderalstaat und auch von den Regionen. Das wirkt aber allenfalls wie das Knattern von Gewehren, wenn man doch eigentlich eine Panzerfaust nötig hat. Andere Länder haben bedeutend schwereres Geschütz aufgefahren. Dass wir das nicht können, das sind wir aber selbst schuld – beziehungsweise unsere politisch Verantwortlichen. Die haben es in den letzten Jahren sträflich versäumt, die Haushaltslöcher zu stopfen und die Staatsschuld abzubauen.

Het Laatste Nieuws ist besonders scharf: „Coûte que coûte“, hört man auf frankophoner Seite. Koste es, was es wolle müssten die Auswirkungen der Krise abgefedert werden. „Koste es, was es wolle“? Und wer bezahlt am Ende? Klar müssen wir unseren Unternehmen und Geschäften helfen. Doch Belgien ist leider nicht Deutschland oder die Niederlande. Diese Länder haben einen Puffer. Wir nicht! Weil unsere Politiker jahrelang ihren Job nicht gemacht haben.

Applaus für unsere Helden

Doch es gibt auch Licht in diesen düsteren Zeiten. Het Belang van Limburg zeigt auf Seite eins eine Krankenpflegerin, eine Kassiererin, einen Postboten, einen Busfahrer und einen Feuerwehrmann. „Sie halten das Land über Wasser“, schreibt das Blatt.

„Applaus für die Helden der medizinischen Hilfe“, schreibt Gazet van Antwerpen. Am Abend haben so ein bisschen überall im Land die Menschen von ihrem Balkon aus die Pflegekräfte beklatscht.

„So muss es sein!“, meint La Libre Belgique fast gerührt. Ärztinnen und Ärzte, Krankenhauspersonal, alle anderen Gesundheitsprofis, sie engagieren sich Tag und Nacht, helfen, wo sie helfen können. Jeden Tag sollten wir ihnen Applaus spenden. Mit nur einer Botschaft: „Danke!“.

Roger Pint

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Ein Kommentar
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Einen neuen Marshallplan braucht Belgien nicht. Es gibt genug Kapital in Belgien. Gebracht wird eher gutes Krisenmanagement und Good Governance dh gute Regierunfsführung, woran es in den letzten Jahren gefehlt hat. Die Politiker Belgiens waren bis zuletzt beschäftigt mit Machtkämpfen aller Art dh hauptsächlich mit sich selbst. Die Probleme des Landes spielten nur eine untergeordnete Rolle.

    Angenommen diese Krise kostet 20 Milliarden Euro. Die Staatsverschuldung würde steigen auf vielleicht 105 Prozent. Finanzieren könnte man dies durch eine hundertjährige Anleihe ähnlich wie Großbritannien im Ersten Weltkrieg. Und zum Glück sind die Zinsen niedrig. Das macht alles einfacher.

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