Die Presseschau von Mittwoch, dem 18. März 2020

Das alles beherrschende Thema ist nach wie vor der Kampf gegen das Coronavirus. Der Nationale Sicherheitsrat hat die ohnehin schon drastischen Maßnahmen noch einmal verschärft, was in den Zeitungen insgesamt Zustimmung stößt. Doch lancieren einige Blätter auch einen flammenden Appell: "Rettet die Wirtschaft!".

Premier Sophie Wilmès verkündet die verschärften Maßnahmen (Bild: Bert Van Den Broucke/Belga)

Premier Sophie Wilmès verkündet die verschärften Maßnahmen (Bild: Bert Van Den Broucke/Belga)

„Lockdown light“, titeln De Morgen und Het Belang van Limburg. „Um 12:00 Uhr wird dichtgemacht“, so die Schlagzeile von Le Soir. „Das Soziale Leben kommt zum Stillstand“, schreibt nüchtern De Standaard.

Der Nationale Sicherheitsrat hat am Abend die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus noch einmal drastisch verschärft. Ab heute Mittag, 12:00, und bis zu 5. April gilt eine Ausgangssperre, wenn auch mit Ausnahmen. Dennoch: Die wichtigste Botschaft ist wohl die, die man auch auf vielen Titelseiten lesen kann: „STAY HOME!“, titelt L’Echo in übergroßen Blockbuchstaben. „Bleiben Sie zuhause!“, schreiben auch De Tijd und La Dernière Heure auf Seite eins.

„Lockdown à la belge“

Aber, es ist eben (noch) kein totaler Lockdown. Man könnte es als „eingeschränkte Mobilität“ bezeichnen. Gazet van Antwerpen bringt es auf den Punkt: „Wir dürfen nur noch unter strengen Auflagen vor die Türe“, schreibt das Blatt. Het Laatste Nieuws listet auf seiner Titelseite die wichtigsten Maßnahmen auf: „Tele-Arbeit ist Pflicht, alle Geschäfte müssen schließen“, das allerdings mit Ausnahmen: Lebensmittelgeschäfte und Apotheken zum Beispiel bleiben offen, „Höchstens 30 Minuten im Supermarkt, Reiseverbot, Versammlungsverbot“.

Das ist schon nicht ohne. Und dessen ist sich auch Premierministerin Sophie Wilmès durchaus bewusst. „Wir haben aber keine andere Wahl“, zitiert Het Nieuwsblad auf Seite eins die Premierministerin. „Räumlich getrennt, aber dennoch vereint“, titelt La Libre Belgique leicht pathetisch. L’Avenir fühlt sich offensichtlich an den Zweiten Weltkrieg erinnert: „Es ist wie der 18-Tage Feldzug, nur werden wir diesmal nicht kapitulieren“, schreibt das Blatt auf Seite eins.

„Es ist ein softer Lockdown, noch keine Kernschmelze“, konstatiert Gazet van Antwerpen in ihrem Leitartikel. Belgien entscheidet sich für den Mittelweg; zwischen Italien und Frankreich, wo wesentlich striktere Maßnahmen gelten, und, auf der anderen Seite, den Niederlanden, Großbritannien und den USA, die zunächst auf das Prinzip der Herdenimmunität gesetzt hatten. Wichtig ist in jedem Fall, dass in Belgien alle Machtebenen an einem Strang ziehen.

„Es ist ein Lockdown à la belge“, meint Het Belang van Limburg. Der Nationale Sicherheitsrat hat strenge Maßnahmen ergriffen, aber nicht so streng, wie sie in Italien oder Frankreich gelten. Premierministerin Sophie Wilmès weigerte sich denn auch, das Wort „Lockdown“ überhaupt in den Mund zu nehmen. Dennoch: Die Maßnahmen sind schon durchaus drastisch. Aber, es geht nicht anders. Wenn ein, wenn auch „milder“ Lockdown nötig ist, um das Virus einzudämmen, nun, dann müssen wir das eben durchziehen.

„Home, safe home“

„Es ist gerade noch kein Lockdown“, kann auch Het Nieuwsblad nur feststellen. Und der eine oder andere hätte sich vielleicht noch deutlichere Verhaltensregeln gewünscht. Die vorherigen Maßnahmen haben eigentlich schon gezeigt, dass man keine Grauzonen lassen sollte. Zumal in Belgien, wo ja viele nach dem Motto leben: Was nicht verboten ist, ist erlaubt. Strengere Maßnahmen waren in jedem Fall mehr als nötig. Hätten wir es bei den bisherigen Maßnahmen belassen, dann wären laut Experten mindestens noch zwei Monate nötig gewesen, um die Krankheit unter Kontrolle zu bringen. Solange können wir, kann das Gesundheitssystem, kann die Wirtschaft nicht durchhalten. Jetzt müssen sich nur noch alle an die Regeln halten. Deswegen der Aufruf: Bleibt zuhause, das ist von lebenswichtiger Bedeutung. Für jeden von uns!

„Bleibt zuhause“, so auch der Appell von Le Soir: „Home, safe home“. Zuhause ist es immer noch am sichersten. Doch das gilt eigentlich für Belgien insgesamt. Die Behörden haben ihre Maßnahmen bislang perfekt dosiert. Um die Menschen an die Situation zu gewöhnen und damit einen zu brutalen Schock und Panik zu vermeiden, hat man sich dazu entschlossen, die Maßnahmen stufenweise zu verschärfen. Und das Ganze ohne bedeutungsschwangere Reden, wie man sie in anderen Ländern gesehen hat, sondern nüchtern vorgetragen von der Premierministerin, umringt von den Ministerpräsidenten der Gemeinschaften und Regionen. Wenn viele Belgier auch besorgt sein mögen angesichts der Krankheit, sie können zugleich beruhigt sein, in einem Land wie Belgien zu leben.

De Morgen sieht das ganz genauso. Natürlich ist auch in Belgien nicht alles perfekt gelaufen. Natürlich wurde manchmal gezögert, wurden zuweilen Fehler gemacht. Nur: Wer intellektuell aufrichtig sein will, der sollte auch mal über die Grenzen in andere Länder schauen. Dann würde er feststellen, dass man fast überall das Gleiche beobachten konnte: zögerliche Reaktionen, punktuelle Engpässe, ähnliche Fehler. Das macht die Irrtümer nicht ungeschehen, aber zumindest nachvollziehbar. Jetzt aber einfach nur reflexartig auf die belgischen Behörden zu blicken und „Chaos“ zu rufen, das ist ebenso falsch wie destruktiv.

„Koste es, was es wolle“

„Aber vergesst bei alledem die Wirtschaft nicht“, werfen da einige Zeitungen ein. Natürlich hat die Gesundheit der Bürger oberste Priorität, nur hinterlässt das Virus auch in der Wirtschafts- und Finanzwelt eine Schneise der Verwüstung, bemerkt etwa De Tijd. Was wir hier sehen, das ist ein beispielloser Schock. Die Lage wird sich erst beruhigen, wenn die Zahl der Infektionen wieder zurückgeht. Wann das sein wird, das wissen wir nicht. In der Zwischenzeit muss der Staat aber Rettungsbojen auswerfen, an die sich die absaufenden Unternehmen klammern können. Die Banken haben zwar Hilfe versprochen, aber sie selbst dürften auch nicht völlig immun sein gegen diese Corona-Krise.

„Wir müssen die Wirtschaft retten – Koste es, was es wolle“, so auch der Appell von La Libre Belgique und La Dernière Heure. Frankreich hat 300 Milliarden Euro an Nothilfen in Aussicht gestellt, Deutschland sogar 500 Milliarden. Das muss der Maßstab sein. Auf Belgien heruntergerechnet sprechen wir also von einer Summe von bis zu 70 Milliarden. Wer sich jetzt einer Haushaltsdisziplin unterwirft, der schießt sich selbst in den Fuß. Wenn der Staat hier nicht entschlossen eingreift, dann würde das Land geschwächt wie noch nie.

„Wie viele Unternehmen werden am Ende auf der Strecke bleiben, wie viele Arbeitsplätze sterben?“, fragt sich besorgt L’Echo. Das Coronavirus wirkt wie eine Pausentaste, jetzt hat erstmal die Volksgesundheit Priorität. Danach wird man aber die Wirtschaft wiederaufrichten müssen. Hoffentlich nutzen wir diese Gelegenheit, um auch mal das System insgesamt zu hinterfragen, die Lehren aus der Krise zu ziehen. Eine Lektion könnte die folgende sein: Unser kurzfristiges Handeln, unsere Just-in-Time-Mentalität, das bringt uns um! In Zukunft sollten wir weiter denken, als die Nase reicht.

Roger Pint

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