Die Presseschau von Mittwoch, dem 28. November 2018

Bei der belgischen Bahn läuft es weiterhin nicht so, wie es soll. Das sorgt für Schlagzeilen und Kommentare. Die Leitartikler thematisieren außerdem die Entlassung einer RTL-Journalistin, eine strittige Ernennung bei Publifin und die Implant-Files.

Schaffner vor einem Zug der SNCB

Illustrationsbild: Siska Gremmelprez/Belga

„SNCB lässt 60 Millionen Euro Bußen verjähren“, titelt Het Laatste Nieuws. „SNCB muss beim Minister antreten“, so die Schlagzeile von Het Nieuwsblad. Die belgische Bahn ist neben Titelgeschichten auch Gegenstand einiger Leitartikel. Am Dienstag veröffentlichte die Bahn die Ergebnisse einer Umfrage bei Kunden über die Zufriedenheit bei der Bahn. Die Zufriedenheit ist auf ein historisches Tief gesunken.

De Tijd kommentiert: Nachdem sich die neue Bahnchefin Sophie Dutordoir ein paar Monate Einarbeitungszeit gegönnt hatte, stellte sie im Oktober vergangenen Jahres drei Prioritäten ihrer Arbeit vor: Die Reisenden sollen sicher, pünktlich und komfortabel an ihr Ziel gebracht werden, die Züge sollen gut in Schuss sein, den Kunden soll ein gutes Service an den Bahnhöfen geboten werden. Ein Jahr später sieht die Bilanz sehr mager aus. Eigentlich nichts von den gesteckten Zielen wurde erreicht.

Für Dutordoir liegt die Schuld dafür bei anderen: bei den Menschen, die auf die Gleise laufen. Bei den Saboteuren und Kupferdieben. Bei den SNCB-Bonzen, die zu wenig Geld in neues Material investieren, bei der Regierung, die zu wenig Milliarden zu Verfügung stellt, bei Infrabel, das einfach mit Gleisarbeiten beginnt, ohne die Bahn darüber zu informieren. Das Schwarze-Peter-Spiel bei der Bahn hat Dutordoir schnell und gut gelernt, frotzelt De Tijd.

Politik muss SNCB helfen

Het Nieuwsblad stellt fest: Auch Sophie Dutordoir scheint es nicht zu schaffen. Sie hatte ihren Posten bei der SNCB angetreten mit einem Ruf, der viel Hoffnung weckte. Sie hatte sich Lorbeeren verdient. Doch an der SNCB scheint auch sie sich die Zähne auszubeißen. Die Bahn ist zu wichtig, um es bei dieser Feststellung zu belassen. Die Bahn ist ein wichtiger Faktor bei der Zukunft unseres Verkehrswesens. Deshalb ist jetzt die Politik gefragt. Sie muss aufhören, die Bahn als Spielwiese ihres politischen Pöstchengeschachers anzusehen. Jetzt geht es darum, Visionen zu entwickeln, und diese Visionen dann mit erreichbaren Zielen zu verwirklichen, fordert Het Nieuwsblad.

Het Laatste Nieuws schlägt in die gleiche Kerbe und meint: Nach den Wahlen im kommenden Jahr hat die SNCB eine neue Chance verdient. Die künftige Regierung sollte aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Die Bahn braucht einen schlagkräftigen Minister. Die aktuelle Regierung hat die Bahn mit Ministern aus der zweiten Reihe abgespeist. Jacqueline Galant und ihr Nachfolger François Bellot haben nicht das Gewicht wie zum Beispiel ein Vize-Premier Alexander De Croo. Aber der hat nur Proximus und Bpost bekommen, bemängelt Het Laatste Nieuws.

Keine Solidarität unter Journalisten

RTL hat die Journalistin Emmanuelle Praet entlassen. Praet hatte in ihrer Talksendung den so genannten Gelbwesten vorgeworfen, die von ihnen kritisierten hohen Umweltsteuern selbst herbeigeführt zu haben, weil sie Ecolo gewählt hätten. Diese Äußerung von Praet hatte zu einem Sturm der Entrüstung geführt. La Dernière Heure kommentiert: Als US-Präsident Trump einem CNN-Journalisten die Akkreditierung für das Weiße Haus entzogen hatte, da war der Aufschrei groß. Nicht nur in den USA, auch bei uns in Belgien. Denn der Präsident, so hieß es damals, würde die Pressefreiheit einfach nicht ertragen.

Jetzt wird bei uns Emmanuelle Praet entlassen, weil ihre Äußerungen eine politische Partei stören. Erleben wir jetzt die gleiche Empörung wie im Fall des CNN-Journalisten? Das kann man nicht sagen. Von großer Solidarität in Belgien ist nichts zu spüren. Wobei ein Detail sicher nicht unbedeutend ist: Emmanuelle Praet gibt offen zu, dass sie die Politik der Rechten gut findet. Anscheinend muss man die richtige, also linke politische Meinung vertreten, um in diesem Land als Journalist auf die Solidarität der Kollegen zählen zu können, kritisiert La Dernière Heure.

L’Echo schreibt zur Lütticher Interkommunalen Publifin: Fast zwei Jahre nachdem der Skandal bei Publifin ausgebrochen ist und ein Jahr, nachdem mit großem Pomp neue Strukturen bei Publifin angekündigt wurden, muss festgestellt werden: Bei Publifin hat sich eigentlich nichts geändert. Die Ankündigung, dass die Bürgermeisterin von Verviers, Muriel Targnion, neuer Boss von Publifin werden soll, ist dafür der Beweis. Targnion ist nämlich eine enge Vertraute von Stéphane Moreau. Zur Erinnerung: Stéphane Moreau ist die Spinne im Netz von Nethys, dem operativen Arm von Publifin. Dass allein schon Moreau die Strippen weiter ziehen darf, ist eigentlich Hohn. Das jetzt auch noch eine Vertraute von ihm quasi seine oberste Chefin wird, schlägt dem Fass den Boden aus, findet L’Echo.

Implantate sind keine Autos

Le Soir beschäftigt sich mit einem neuen Kapitel aus den so genannten „Implant-Files“. 2017 haben Hersteller von medizinischen Implantaten 25 Millionen Euro in Belgien ausgegeben, um bei Ärzten für ihre Produkte zu werben. Le Soir kommentiert: Wenn wir uns ein Auto kaufen, dann vergleichen wir zunächst mehrere Modelle. Bei unserem Körper sind wir nicht so wählerisch. Da vertrauen wir einfach dem, was uns der Arzt als Implantat vorschlägt. Ohne zu vergleichen.

Das ist verständlich, denn für einen Vergleich fehlt uns schlicht das Wissen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns auf das Urteil der Ärzte verlassen können. Und dass diese Ärzte hohe Standards anlegen an die Wahl der Implantate, die sie in unseren Körper setzen. Die Enthüllungen der Implant-Files legen nahe, dass das nicht immer der Fall ist, bedauert Le Soir.

Kay Wagner

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