14 Hitzerekorde. An 14 Tagen in diesem Jahr wurden die jeweils höchsten Temperaturen gemessen seit Beginn der Aufzeichnungen. Die letzten zwei Rekorde wurden in dieser Woche geknackt: Es waren der wärmste 13. und 14. August seit 1833. Das Königliche Meteorologische Institut geht davon aus, dass dieser Sommer in die Annalen eingehen könnte als der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen.
Der wärmste, und wohl auch einer der mörderischsten, leider im wahrsten Sinne des Wortes. Während der ersten Hitzewelle im Juni wurden 2.000 Todesfälle mehr gezählt als normalerweise. Eine Übersterblichkeit von 48 Prozent, der höchste Wert in Westeuropa. Am Samstag, dem 27. Juni 2026, starben laut Statbel 651 Menschen. An einem einzigen Tag. Das macht diesen Tag statistisch zum zweittödlichsten Tag des 21. Jahrhunderts in Belgien; übertroffen wurde diese Zahl nur während der Corona-Krise. Die zweite und die dritte Hitzewelle wurden noch nicht endgültig ausgewertet.
Wer das für bloße "statistische Zahlenspielchen" hält, der sollte sich mal die Erfahrungsberichte der Hilfskräfte anschauen, die fast schon albtraumhafte Szenen schilderten, bei denen Senioren in völlig überhitzten Räumen kollabierten und oft erst Tage später gefunden wurden.
Währenddessen haben vor allem in Südeuropa beispiellose Waldbrände gewütet. Zehntausende Hektar Natur gingen buchstäblich in Rauch auf, in Frankreich, in Spanien, in Griechenland. Doch nicht nur dort: Gleich nebenan im Hürtgenwald wütet ein Feuer mit, wie es hieß, "historischer Dimension in NRW". Hinzu kommen dann noch die Bilder von Rhein, Donau, Loire, Rhône und Po mit extrem niedrigen Wasserständen. Vielerorts wird die Schifffahrt massiv behindert, und mehrere Kernkraftwerke mussten wegen der Hitze und des Wassermangels ihre Leistung drosseln oder ganz abgeschaltet werden.
Folgende Situation also: Tausende Tote, quasi unzählige Hektar Wald verbrannt, spürbare Auswirkungen auf die Wirtschaft und auf die Energieversorgung. Klingt doch eigentlich nach einem Szenario, bei dem eiligst ein Krisentreffen auf der EU-Ebene anberaumt werden müsste. Aber... Nein! Da sah man wohl keinen Handlungsbedarf...
Gleiches gilt im Übrigen auch in Belgien. Schon bevor die Kammer in die Sommerpause ging, weigerte sich Premierminister Bart De Wever lange Zeit beharrlich, über die Krise auch nur irgendwas zu sagen. Geschweige denn jetzt. Die Brüsseler Rue de la Loi ist quasi ausgestorben. All diejenigen, die sich sonst für jede Petitesse in die Medien drängeln, haben plötzlich nichts zu sagen... Stopp! Nein! Einer hat sich geäußert.
König Philippe nämlich. Auf ihn ist Verlass, wenn es darum geht, die Dinge beim Namen zu nennen: Belgien habe eine Hitzewelle von "beispielloser Intensität und Dauer" erlebt, sagte das Staatsoberhaupt in seiner Ansprache zum Nationalfeiertag. Und es seien wieder einmal die Schwächsten, die den höchsten Preis zahlen: die Senioren, Menschen in prekären Lebensverhältnissen und jene, die ganz auf sich allein gestellt sind. Und dann bezeichnete Philippe auch noch die "globale Erderwärmung" eines der wichtigsten Probleme unserer Zeit.
Allesamt Worte also, die offensichtlich in der aktuellen Föderalregierung niemand über die Lippen bekommt. Könnte es vielleicht daran liegen, dass die Klimakrise dem einen oder der anderen einfach ideologisch nicht ins Konzept passt? Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Bei MR und N-VA hört man immer wieder auch prominente Stimmen, die gegen den angeblichen "Klima-Dogmatismus" oder die "Klima-Hysterie" wettern. Und, wie sagte so schön Christian Morgenstern? Was nicht sein darf, das kann nicht sein.
Und das ist der Punkt: Der Kulturkampf, der spätestens nach der Trump-Wahl noch weiter Fahrt aufgenommen hat, er hat längst auch die Klimadebatte vergiftet. Die Problematik gilt als "grünes" Thema, und ist deshalb für die konservative Seite schlichtweg tabu. Und diese ideologische Engstirnigkeit geht so weit, dass man selbst dann noch das Offensichtliche nicht sehen will, wenn es vor der Haustüre steht. Oder, um es konkret zu sagen: Selbst, wenn sie schon Opfer und Schäden verursacht, gibt es dennoch keine Krise.
Und auch das ist keine bloße Unterstellung. Der renommierte Klimaforscher Jean-Pascal Van Ypersele erzählte in einem Interview mit der flämischen Wochenzeitschrift eine Geschichte, die man erst verdauen muss: Er habe kürzlich einen hochrangigen belgischen Minister gefragt, warum die Zahl der Hitzetoten nach zwanzig Jahren voller Warnungen immer noch steige. Die Antwort des Ministers: "Ach, das sind doch hauptsächlich alte Leute, oder?".
Das ist also die Klimapolitik der aktuellen Föderalregierung? Jetzt, wo überdeutlich wird, dass wir unsere Gesellschaft dringend an die neue Realität anpassen müssen, dass wir Klimaanlagen in Krankenhäusern und Altenheimen brauchen, ebenso wie Erfrischungsmöglichkeiten und Kältebereiche im öffentlichen Raum, dass wir auch unsere Hilfskräfte und vor allem Feuerwehr und Zivilschutz stärken müssen, angesichts solcher Herausforderungen verweist man auf das bloße Schicksal? "Der Elefant im Raum", würde der Angelsachse jetzt sagen: Ein unübersehbares, gewaltiges Problem oder Thema, das im Raum steht, über das aber niemand sprechen möchte. Man könnte es aber auch noch viel einfacher sagen: "Das ist blanker Zynismus".
Roger Pint