Das Fußballgewissen: Kommentar zur umstrittenen WM in Katar

An diesem Sonntag beginnt sie nun, die umstrittene Fußball-WM in Katar. So oder so wird das größte Sport-Spektakel der Welt in den nächsten vier Wochen von viel wichtigeren Nöten ablenken. Darin steckt die widersprüchliche Kraft des Fußballs.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Das Magazin „11 Freunde“ steht nicht im Verdacht, den Auswüchsen des modernen Fußballs unkritisch gegenüberzustehen. In seinem Sonderheft zur WM in Katar kommt die Whistleblowerin Bonita Mersiades zu Wort. Als Kommunikationschefin ihres Verbandes sollte sie die australische Kandidatur für 2022 voranbringen, ehe sie als womöglich zu kritisch geschasst wurde. Ihr nüchternes Fazit: „Katar hatte die meiste Kohle.“

Mersiades gibt zu, die WM im Fernsehen gucken zu wollen. Sie sei von Kind an Fußballfan und habe irgendwann gemerkt, dass sie die Liebe zum Spiel von der Fußballpolitik und ihren Machthabern trennen müsse. Sonst drehe man durch. So weit, so irrational.

Ganz so einfach ist es nicht. Fußball ohne Politik und ohne Machtspiele, den gibt es nicht, zumindest nicht auf diesem Niveau. Stellt sich also die Frage, ob ich das als Fußballfan ausblenden und mit meinem Gewissen vereinbaren kann.

Es bringt heute nichts, darauf zu verweisen, dass diese Frage vor zwölf Jahren hätte beantwortet werden müssen. Nach der Entscheidung für Katar schien die größte Sorge der Westeuropäer, das Public Viewing bei Glühwein veranstalten zu müssen. Da hatten aber auch noch nicht die vielen Arbeitsmigranten ihr Leben auf WM-Baustellen gelassen.

Über eine Soft-Power-Strategie mit Sportevents, Vereinsbeteiligungen und Sponsorships (unter anderem in Paris, London, München und ja nicht zuletzt auch in Eupen und Malmedy) hat sich Katar auf die Weltkarte gesetzt. Damit rückten aber auch andere Dinge in den Fokus wie eben die Ausbeutung von Arbeitsmigranten in den Golfstaaten, wie die Nähe zu Islamisten oder wie die Missachtung der Rechte von Frauen und von LGBTQIA+.

Internationale Arbeitnehmerorganisationen registrieren immerhin kleine Schritte zum Guten. Und es ist gut und wichtig, dass die Missstände thematisiert und, wenn wir Belgiens außenpolitischer WM-Vertreterin Hadja Lahbib Glauben schenken dürfen, angesprochen werden. Selbst eine Nachbereitung soll es geben, wenn das Turnier vorbei ist.

An „Sündenfällen“ hat es nicht gefehlt in der FIFA-Geschichte: Ganz weit zurück die WM 1934 im faschistischen Italien. Oder die WM 78 unter der argentinischen Militärjunta. Oder auch das nicht ganz unschuldige „Sommermärchen“ 2006, die WM 2010 in Südafrika, die im korruptionsgeschüttelten Brasilien 2014. Und in der Rückschau noch unverständlicher: die WM 2018 in Putins Russland.

Auch ohne umstrittene Weltmeisterschaften gäbe es genügend Gründe, sich vom durch und durch kommerzialisierten Fußball abzuwenden, ihn guten Gewissens zu boykottieren. Als alles umspannendes Phänomen lässt er sich nur schwer ignorieren. So mag der eine oder andere seinen Frieden im selbstgewählten WM-Verzicht finden. Wer dennoch guckt, muss dafür aber noch lange kein Menschenrechtsverächter sein.

In anderen Weltregionen gibt es die hier geführte WM-Diskussion so gut wie gar nicht. Sie spiegelt ja auch die Gesellschaft wider, in der sie geführt wird, und erfüllt so schon einen nützlichen Zweck.

Das Magazin „11 Freunde“ hat sich bei der Titelseite für sein WM-Heft bei einem Klassiker der Popgeschichte inspiriert: dem Plattencover von „The Dark Side oft the Moon“ von Pink Floyd. Für die WM in Katar wird daraus „The Dark Side of Football“. Und statt eines dreieckigen Prismas streut ein gläserner WM-Pokal den weißen Lichtstrahl in die Farben des Regenbogens. Das Magazin „11 Freunde“ wird wohl kaum in Katar gelesen. Aber als Statement für die eigene Leserschaft ist es graphisch und inhaltlich ein Volltreffer.

Stephan Pesch

5 Kommentare
  1. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Guter ausgewogener Kommentar.

    Und wenn die WM vorbei ist, kommen die westlichen Moralapostel mit dem nächsten Problem. Die finden immer wieder was neues. Hauptsache man kann den Zeigefinger heben und eine politisch korrekte Moralpredigt halten.

  2. Dieter Leonard

    … sagt der größte Moralapostel in diesem Forum.

  3. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Herr Leonard

    Sie verwechseln Moral mit Spaß.

  4. Alexander Hezel

    Immer die gleiche Taktik aus Eimerscheid: Irgend einen hämischen Unsinn raushauen (mit immer den selben Dauerleier-Schlagwörtern à la ‚Pöstchenjäger‘, ‚Profiteure‘, ‚Moralapostel‘ etc.) und wenn Gegenrede kommt heißt es dann wahlweise: ‚Ich hab doch nur Spaß/“Humor“ gemacht‘ oder ‚Ich lass‘ mir meine Meinungsfreiheit nicht verbieten‘.

    So kann man natürlich jeden noch so hirnrissigen Humbug schön ad absurdum relativieren…

    Und zum eigentlichen BRF-Kommentar kommt dann noch der übliche Taschenspielertrick ‚Whataboutism‘, in dem dann auf alle anderen zukünftigen Probleme dieser Welt verwiesen wird und so das, worum es eigentlich geht (die WM im Katar), herabgemindert und in den Hintergrund gestellt wird – so erspart man sich, inhaltlich argumentieren zu müssen.

    Und da jetzt wahrscheinlich der „kluge Hinweis“ aus Eimerscheid kommt, ich solle doch selbst beim Thema bleiben – ich zeige lediglich auf, mit welchen immergleichen Tricksereien manche Kommentatoren Leierkastenkommentierung/-bashing betreiben und die Leute für dumm verkaufen versuchen.

  5. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Herr Hezel.

    Wo ist das Problem ? Zum Thema sagen Sie wirklich nichts. Warum antworten Sie überhaupt ?