Kommentar: Keine Zeit zu verlieren!

Auch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft hat mit dem 1. September wieder die Schule angefangen. In diesem Jahr drei Tage nach dem Schulstart in der Französischen Gemeinschaft, die ihren Schulkalender umgekrempelt und die langen Sommerferien gekürzt hat. In der DG wartet man ab. Dabei gibt es doch keine Zeit zu verlieren.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Wie wäre es mit etwas Länderkunde? In Singapur, bei den „Pisa-Strebern“, endet das Schuljahr Mitte November und die „großen Ferien“ gehen bis Jahresende. In Finnland, einem weiteren Musterschüler, haben die Kinder von Anfang Juni bis Mitte August frei. Böse Zungen würden sagen: den Rest der Zeit über ist es da ja auch dunkel. In Lettland haben die Kinder sogar 13 Wochen Sommerferien. In Japan, dessen Bildungssystem auch regelmäßig in der OECD-Spitzengruppe auftaucht, sind es zehn – allerdings übers ganze Jahr! Das gute Abschneiden im Leistungstest bei allen vier Ländern muss wohl von anderen Kriterien abhängen.

Die Reise um den Globus zeigt: Zeitpunkt und Dauer der Ferien hängen von saisonalen Gegebenheiten und von Traditionen ab. In Indien richten sie sich nach dem Monsun, in unseren Breiten früher nach der Heuzeit! „Früher“ ist das Stichwort. Mit dem Argument, dass etwas immer schon so war, sind viele Reformen im Keim erstickt worden. Oft wider besseres Wissen.

Dass die bis zu neunwöchigen Sommerferien für unsere Verhältnisse zu lang sind, werden Eltern bestätigen, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Kinder „beschäftigen“ sollen. Und wenn beim Nachwuchs das Wort „Schule“ kaum Begeisterungsstürme auslöst, gestand doch einer der Grundschüler im BRF-Beitrag zum Schulanfang, auch er habe gefunden, „dass die Ferien mal enden konnten.“

Ob die Schüler in den gut zwei Monaten vieles von dem Erlernten wieder vergessen haben, wie ein Argument zur Kürzung lautet, sei dahingestellt. Dagegen spricht die Feriendauer in den eben genannten Musterländern.

Beim neuen Ferienkalender in der Französischen Gemeinschaft, der nur der auffälligste Aspekt einer grundlegenden Unterrichtsreform ist, geht es ja auch weniger um die kürzeren Sommerferien als um die bessere Verteilung der so freigesetzten Ferienwochen auf den Rest des Schuljahres – nach dem Rhythmus: sechs bis acht Wochen Schule, zwei Wochen frei. Das wird einhellig als lernfördernd angesehen.

Auch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft weiß man das natürlich – und war in der Entscheidungsfindung auch schon weiter. Vor Jahren scheiterte es nach politischer Darstellung daran, dass es abträglich wäre, einen anderen Ferienrhythmus als die frankophonen Nachbarn anzuwenden. Schon für Familien, deren Kinder beiderseits der Sprachengrenze in die Schule gehen. Nun hat die Fédération Wallonie-Bruxelles Nägel mit Köpfen gemacht – und auf einmal scheint das Argument nicht mehr so wichtig.

Worauf warten? Ach so, „erstmal gucken, wie es bei den anderen läuft“ – und dann noch „in den Dialog treten mit den Akteuren“. Diese „Akteure“ hatten bei einer Online-Umfrage der DG zu 56 Prozent den bisherigen Schuljahresrhythmus für „angemessen“ gehalten. Der damalige Unterrichtsminister beschrieb das Stimmungsbild als „recht gemischt“.

Und jetzt? Sicher, das Unterrichtswesen hat noch mit wichtigeren Problemen zu kämpfen – allen voran dem Lehrermangel und auch die beschlossene Herabsetzung des Kindergartenalters auf zweieinhalb Jahre muss nach ihrer Verschiebung ja noch umgesetzt werden.

Wenn die Wallonen uns schon überholt haben, wäre es aber an der Zeit, klar zu sagen, was man will – und feste Daten draufzusetzen, statt auf morgen zu vertrösten.

Übrigens: in Singapur wird Anfang September der „Tag der Lehrer“ gefeiert. Und dann geht’s … in die Zwischenferien.

Stephan Pesch