Kommentar: Wenn Du Frieden willst, bereite Krieg vor

Die Nato-Mitgliedsstaaten haben sich auf ein neues strategisches Konzept geeinigt. Damit reagiert sie auf die vielen geopolitischen Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts und gerade auch des letzten halben Jahres. Es war auch allerhöchste Zeit dafür, findet Boris Schmidt in unserem Wochenkommentar.

BRF-Redakteur Boris Schmidt (Bild: Achim Nelles/BRF)

BRF-Redakteur Boris Schmidt (Bild: Achim Nelles/BRF)

Es ist eines der im militärisch-geostrategischen Zusammenhang wohl bekanntesten lateinischen Zitate. Zu lesen ist es unter anderem über dem Eingang des Kulturzentrums der Armee in Madrid – genau der Stadt also, die wohl auf viele Jahre hinaus für eine epochale Neuorientierung der Nato stehen wird. Die Rede ist von „Si vis pacem para bellum“. Wörtlich übersetzt: „Wenn du Frieden willst, bereite Krieg vor.“

Das ist genau das Prinzip, das seit Ewigkeiten hinter dem Prinzip Abschreckung und Verteidigung steht. Also hinter dem, was die Nato auch in ihrem neuen Strategiepapier als erste ihrer Kernaufgaben bezeichnet.

Abgeschreckt werden sollen natürlich vor allem Russland und China. Daneben gibt es zwar noch diverse andere autoritäre Regime auf der Welt – aber keines von ihnen stellt aktuell auch nur im Entferntesten eine so unmittelbare beziehungsweise mittelfristige Bedrohung unseres Gesellschaftsmodells dar wie diese zwei. Dass die Nato Russland als „die bedeutendste und direkteste Bedrohung für Frieden und Stabilität im euroatlantischen Raum“ bezeichnet, ist in diesem Sinn nichts weiter als eine nüchterne Feststellung des Ist-Zustands. Gleiches gilt für die Aussage, dass die Volksrepublik China durch ihre selbst formulierten Ziele und mit Zwang verbundenen Strategien eine Herausforderung darstellt für unsere Interessen, unsere Sicherheit und unsere Werte. Daran ändert auch das laute Protestgeschrei aus Peking nichts mehr, Taten sprechen lauter als Worte.

Um es einmal ganz klar und unmissverständlich auf den Punkt zu bringen: Eine friedliche Koexistenz mit diesen Regimen hat nur dann auch nur irgendeine Aussicht auf Bestand, wenn wir in der Lage sind, besagten Frieden notfalls mit massiver Waffengewalt zu sichern. Was passiert, wenn man dazu nicht in der Lage ist, sieht man ja gerade beispielhaft an der Ukraine. Und womöglich in nicht allzu ferner Zukunft in Taiwan.

Diese Lektion haben auch Finnland und Schweden gelernt, deren Nato-Beitritt jetzt hoffentlich nichts mehr im Weg steht. Abgesehen davon, dass sie selbst damit deutlich unverdaulicher werden für den selbsternannten Nachfolger von Zar Peter dem Großen, ist dieses Gipfelergebnis auch noch aus einem anderen Grund positiv: Diese Erweiterung dürfte es der Nato nämlich um Einiges einfacher machen, die drei baltischen Staaten gegen einen russischen Überfall zu verteidigen. Und angesichts der geografisch höchst exponierten Lage Litauens, Lettlands und Estlands ist jeder Verteidigungsvorteil bedingungslos zu begrüßen.

Gleiches gilt für die geplante permanente Verstärkung der Ost- beziehungsweise Südostflanke der Nato und die massive Aufstockung der schnellen Eingreiftruppe. Dass er für seine Träume von der Rückholung ehemaliger Moskauer Kolonien auch auf amerikanische oder andere westliche Soldaten schießen müsste, ist eine unmissverständliche Botschaft an Putin. Und eine unmissverständliche Botschaft an die östlichen Nato-Partner. Denn die wissen, dass sie sich im Verteidigungsfall vor allem auf die Amerikaner und deren Einfluss auf den Rest der Nato-Staaten verlassen müssen. Denn die Aktien von Berlin, Paris, Rom und diverser anderer Europäer stehen im Osten Europas aus nachvollziehbaren Gründen nicht sonderlich hoch.

Und gerade das sollten sich die Europäer auch als Lektion des Nato-Gipfels hinter die Ohren schreiben: Wenn sie irgendwo auf der Welt ernst genommen werden wollen, dann sollten sie schleunigst von hehren Absichtserklärungen zur praktischen Umsetzung übergehen, was politische Einigkeit und den Aufbau einer eigenen militärischen Abschreckungskapazität betrifft. Denn ansonsten könnte es eines Tages ganz schnell „Gute Nacht, Marie“ heißen, wenn sich Washington politisch beziehungsweise geopolitisch neu orientieren sollte.

Boris Schmidt

3 Kommentare
  1. Jürgen Margraff

    Si vis pacem, para bellum – Was tut jemand der einigermassen intelligent ist bei der Frage : „Was soll ich tun, meine Gegner rüsten auf, sie sind jetzt noch schwach, werden aber zukünftig mit jedem Jahr stärker & ich durch deren Sanktionen kann nicht mehr an die nötige Technologie ran, um meine Streitkräfte zu stärken, also werde ich mit der Zeit schwächer & die stärker. Warte ich bis sie zu mir aufgeschlossen bzw mich überholt haben? Oder was?“ Wladimir ist vielleicht ein Autokrat wie er im Buche steht, aber ein Schwachkopf ist er nicht. Er wird sich & seinem Generalstab eben diese Frage stellen… Die Antwort ist eindeutig. Wir MÜSSEN nicht nur aufrüsten, wir MÜSSEN das auch schnellstens über die Bühne bringen, sonst kann es ZU spät sein für die Abschreckung und wir werden zum Handeln gezwungen und das mit miserablen Karten.

  2. Guido Scholzen

    Rüsten für den Frieden.
    Vor einem Jahr noch spuckten die grünen Weltverbesserer mit Gift und Galle, wenn die solche Sprüche hörten.

  3. Lutz-René Jusczyk

    In dem Punkt haben die Grünen in der Tat eine 180°-Wende vollzogen.
    Ohne Übertreibungen kann man in diesem Kontext von einem Paradigmenwechsel sprechen.
    Ich werte das aber durchaus positiv, zeigt es doch, dass sie in der Lage sind, dazuzulernen und von ihren ideologisch geprägten Extrempositionen abzurücken.
    Ein nächster Schritt wird sicher ein Umdenken in Sachen Energiewende sein, denn mit einem Mal wird deutlich, dass der gesamte Ansatz auf der Nutzung billigen Gases beruht. Wenn der Hauptlieferant ausfällt, gerät alles ins Stocken.
    Die ganzen „grünen Tabus“, wie eine Verlängerung der Laufzeiten von Kohle- und Kernkraftwerken, Fracking oder die Erschließung weiterer Erdölvorkommen in der Nordsee, werden durch die harte Realität zur Disposition gestellt.