Kommentar: Die Heldenrolle

Einen Monat dauert er schon, der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Und damit länger, als wohl nicht nur in Moskau erwartet wurde. Die Welt schaut auf Wladimir Putin, der als einziger diesen Krieg beenden kann. Und auf Wolodymyr Selenskyi, der dem Aggressor die Stirn bietet. Daraus ein Heldenepos machen wäre verkehrt, meint Stephan Pesch im Kommentar.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Je größer die Ohnmacht desto ausgefallener die Einfälle: Laut „Focus“-Kolumnist Jan Fleischhauer hat ein Bekannter von ihm eine Bürgerinitiative gegründet. Das Ziel: den Berliner Straßenabschnitt vor der russischen Botschaft umzubenennen in „Wolodymyr Selenskyj Platz“. Ein Schildbürgerstreich. Selbst wenn er Aussicht auf Erfolg hätte, würde das Wladimir Putin und seinen Außenminister Sergei Lawrow wohl kaum beeindrucken.

Der übrigens auch in Russland populäre frühere Komödiant Selenskyi dürfte aber auch von den beiden inzwischen ernst genommen werden. In Windeseile hat er den Status eines Freiheitskämpfers erlangt, eines Superhelden. Einem Fotografen des flämischen Magazins „Knack“ sagte eine junge Ukrainerin: „Selenskyi ist unser Spider-Man.“ Unter der russischen Aggression ist zwischen dem Präsidenten und den Ukrainern ein geheiligter Bund entstanden.

Mit dem Schachzug, sich seit Kriegsbeginn als einer der ihren zu zeigen, unrasiert, im olivgrünen T-Shirt, mit eindringlichen Appellen macht Selenskyi all das richtig, was Putin durch seine kalte Distanziertheit und ungelenken Anschuldigungen verkehrt macht.

Selenskyi als Anti-Putin. Dessen nachweislich falsche Propaganda spielt mit antiwestlichen und großrussischen Phantasmen. Selenskyi spricht nicht nur das eigene Volk an. Per Videokonferenz richtet er sich direkt an die Volksvertretungen wichtiger strategischer Partner, trifft zielsicher den Nerv mit passgenauen Narrativen und Hilferufen.

Der Journalist und Schriftsteller Paul Ingendaay, vor ein paar Tagen noch bei der lit.cologne, formulierte es in der Frankfurter Allgemeinen so: Selenskyi beschämt nicht nur Putin, sondern auch uns. So sehr, dass wir ihn auf ein Podest heben müssen, von dem er nicht wieder herunterkommt? Es sei denn, dass er stürzt? Man braucht sich nur die glorifizierende Titelseite des „Spiegel“ anzuschauen (im Kontrast zum verhassten Putin eine Woche vorher). Oder die „Stern“-Schlagzeile vom „mutigsten Mann der Welt“.

Vor dem Krieg wurde Selenskyi kritischer beäugt. Die politische Bilanz nach seinem fulminanten Amtsantritt 2019: durchwachsen. Dazu tauchte sein Name in den Pandora Papers über Steueroasen und Offshore-Konten auf – wie bei vielen anderen Politiker weltweit. Nur stand sein Name doch für Integrität. Zumindest seit Selenskyi ab 2015 in die Rolle eines einfachen Geschichtslehrers geschlüpft war, der über Nacht zum Präsidenten seines Landes wird – mit dem Anspruch, die allgegenwärtige Korruption zu bekämpfen – aber an allerlei Unzulänglichkeiten scheitert.

Die Politsatire „Diener des Volkes“ sagt hinter dem etwas flachen Plot viel Tiefgründiges aus über die Ukrainer und ihre Gesellschaft. Sie ist allemal sehenswert, die erste Staffel gibt es noch in der Arte-Mediathek. Und als Ergänzung eine interessante französische Doku zu Selenskyis Werdegang auf auvio.

Uns Westlern entgehen bei „Diener des Volkes“ ganz sicher jede Menge Anspielungen. Anderes erklärt sich von selbst: Als der Serien-Präsident mal streitsüchtigen Abgeordneten, mal wütenden Demonstranten mit den Worten Einhalt gebietet: „Putin wurde gestürzt!“ sind alle baff. Er kommentiert das mit: „Unglaublich, das klappt immer.“ Wenn es so einfach wäre.

Diese Rolle hatten wohl auch die Ukrainer vor Augen, als sie den Schauspieler und (mittlerweile) Medienunternehmer Selenskyi zu ihrem echten Präsidenten machten. Mit tatkräftiger Unterstützung des Oligarchen Ihor Kolomoisky, dem unter anderem der Fernsehsender gehört, auf dem die Serie ausgestrahlt wurde. Mehr Reality-TV geht nicht.

Die Heldenrolle hat ihm Putins Angriffskrieg gebracht. Ob Selenskyi dafür geboren ist, wie es Sean Penn, ein anderer Schauspieler, nach einem Doku-Dreh im Kriegsgebiet bewundernd anerkannte? Hier gibt es kein Drehbuch. Hier fällt keine Klappe. Das ist keine Politsatire. Und auch keine Heldengeschichte.

Stephan Pesch

4 Kommentare
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Der ukrainische Präsident ist zumindest ein glaubwürdiges Vorbild, weil er Leib und Leben riskiert. Wesentlich glaubwürdiger als das High-Society-Girl Greta Thunberg.

  2. Dieter Leonard

    Sollte der BRF irgendwann auf dieser Seite berichten, Außerirdische seien auf der Erde gelandet, wird der Geschichtenerzähler aus dem Eimerscheider Hinterwald es mit Sicherheit schaffen, einen Bogen zu Greta Thunberg zu spannen. Wetten?

    Zu sehr ist der eifler Weltenerklärer von der rührigen Klimaaktivisten getriggert, da sie ihm vor Augen führt, wie peinlich seine inhaltsleeren Luftblasen und sein Sesselaktionismus doch in Wirklichkeit sind.

    Greta Thunberg wird es niemals schaffen in ihrem Handeln und in Scholzens Augen glaubwürdig zu wirken.

    Man kann über den Sinn sicherlich streiten, aber immerhin ist sie mit dem Weltumsegler Boris Hermann in einem wenig komfortablen Segelrennboot während 14 Tagen zu einer UN-Klimakonferenz über den Atlantik nach NewYork geschippert.

    Für Herrn Scholzen wäre wohl das Übersetzen mit einem Ruderboot über den Bütgenbacher See eine unzumutbare Herausforderung.

  3. Marcel Scholzen eimerscheid

    Guten Abend Herr Leonard.

    Bitte äußern Sie sich doch zum Thema. Ich habe Sie anscheinend total aus dem Konzept gebracht.

    Mich würde interessieren, ob Sie den ukrainischen Präsidenten für einen Held halten oder nicht. Ich bitte um Ihren Standpunkt. Danke.

    Ich halte eher das gesamte Volk der Ukraine für einen Held. Die Bevölkerung trägt die ganze Last dieses Krieges und nicht nur eine Person.

  4. Christian Voigt

    Herr Scholzen,
    Wenn ihnen das Thema so wichtig ist, dann werfen Sie bitte nicht alles im selben Sack. Andere im Nachhinein zurechtzuweisen wirkt dann unglaubwürdig, ist man aber von Ihnen gewohnt.