Kommentar: Wie lange wollen wir noch warten?

Gut eine Woche nach dem russischen Überfall auf die Ukraine gehen die Kämpfe unvermindert weiter und haben an Rücksichtslosigkeit zugenommen. Nach ukrainischen Angaben wurde nun das größte Atomkraftwerk in Europa unter Beschuss genommen. Das weckt dunkle Ahnungen und Ängste. Gleichzeitig keimen unter der Bedrohung des Krieges alte Diskussionen um die Energieversorgung auf.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Als in dieser Woche die ersten Freiwilligen spontan mit Hilfsgütern und mit viel Idealismus im Gepäck in Richtung polnisch-ukrainische Grenze starteten, fühlten wir uns unwillkürlich an die Zeit erinnert, wo von hier in Friedenszeiten Hilfstransporte losfuhren – in den Osten von Belarus, das damals noch Weißrussland genannt wurde. Von dort stammten die meisten der sogenannten Tschernobyl-Kinder, von denen es hieß, dass sie besonders litten unter den Folgen der schlimmen Reaktorkatastrophe von 1986 im damals noch sowjetischen Kernkraftwerk.

Dieser „größte anzunehmende Unfall“ war für viele ebenso wie der 2011 von Fukushima ein Schlüsselerlebnis, was die Wahrnehmung von Atomkraft angeht. Das keck hinzugefügte „Nein danke“ hatte sich Jahre zuvor schon eine dänische Studentin ausgedacht. So etwas wiederum schulmeisterlich als „dumme Gefühlsduselei“ oder „grüne Spinnerei“ abzukanzeln wäre selbst für Ingenieure ziemlich vermessen.

Und noch dazu vergebens. Denn hierzulande ist der Atomausstieg 2025 längst beschlossene Sache. Oder doch nicht? Die politische Debatte darüber ist zuletzt wieder aufgeflammt, noch bevor Putins Krieg sie weiter befeuert hat. Auch in Deutschland, wo am Jahresende die letzten drei Meiler vom Netz gehen sollen, bringt das prioritäre Ziel Versorgungssicherheit andere Sicherheiten ins Wanken – obschon auch da ja mittlerweile die Grünen mit am Ruder sind.

Es ist schon zum Verrücktwerden, dass der Westen wegen dringend benötigter Energielieferungen dem verrückten Putin noch dabei behilflich ist, seinen Krieg zu finanzieren. Wobei das viele Gas aus russischen Pipelines vor allem der Wärmeversorgung dient. Über diesen (Rest-)Winter sollte auch so zu kommen sein, aber der nächste kommt bestimmt – auch trotz des Klimawandels, dessen Folgen nicht zu übersehen sind, wie der neue Weltklimabericht Anfang der Woche nachdrücklich unterstrichen hat.

Das Ziel muss eine möglichst große Energieunabhängigkeit sein, nicht nur von Putin. Ich werde mich hüten, in den Gelehrtenstreit einzugreifen. Mir sei aber die Bemerkung erlaubt, dass es fahrlässig wäre, bloß auf althergebrachte Lösungen zu vertrauen – nach dem Muster: längere Laufzeiten für alte, störanfällige Reaktoren oder am Ende doch wieder mehr Kohle.

Da muss uns schon was Besseres einfallen – und zwar schnell. Aktuelle Krisen wie Corona oder wie der Krieg in der Ukraine und die damit verknüpften Drohgebärden aus dem Kreml könnten uns von anderen existentiellen Nöten ablenken. Aber: Wie lange wollen wir noch … warten?

Stephan Pesch

19 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    Und wie lange können und dürfen wir noch zusehen, wie vor unserer Haustür täglich unschuldige Menschen ermordet werden?

    Würde es z.B. reichen, einem Kind, das von einem Erwachsenen misshandelt wird, ein Messer oder gar eine Pistole hinzuwerfen, damit es sich selbst verteidigen kann? Wir würden von feiger, zynischer unterlassener Hilfeleistung reden.

    Wenn der Westen noch nicht einmal bereit ist, Putin eine Rote Linie aufzuzeigen – die er längst überschritten hat – werden die russischen Truppen weiter so völkerrechtswidrig und menschenrechtswidrig vorgehen, wie bereits zuvor in Grosny und Aleppo und die ukrainischen Städte in Schutt und Asche bomben.

    Es bedarf, wie wir sehen, noch nicht einmal des Einsatzes von Nuklearwaffen, um eine nukleare Katastrophe herbeizuführen, die auch Westeuropa treffen würde. Europa und die Natostaaten sind längst direkt von der russischen Aggression bedroht und betroffen, ohne das ein russischer Soldat Nato-Boden betritt.

    Sind wir wirklich erneut derart hilflos einem Tyrannen ausgeliefert?
    Es wäre eine schreckliche Erkenntnis.

  2. Marcel Scholzen eimerscheid

    Guten Tag Herr Leonard.

    Bitte geraten Sie nicht in Panik.

    So eine schreckliche Situation wie jetzt übersteht man mit Humor, am besten mit richtig schwarzen Humor wie zum Beispiel Monty python aus Großbritannien.

    Oder noch besser sind jüdische Witze.

    Dazu ein Beispiel.
    (Quelle ORF.at)
    Der Rabbi im Gespräch mit Gott
    Ein Rabbi sagt zu Gott: „Hilfe, mein Sohn ist Christ geworden, was soll ich bloß tun?“ Gott antwortet: „Mach dir nichts draus, mein Sohn ist auch Christ geworden.“ Rabbi: „Und was hast du getan?“ Gott: „Ich habe ein neues Testament geschrieben.“

  3. Lutz-René Jusczyk

    »Sind wir wirklich erneut derart hilflos einem Tyrannen ausgeliefert?«

    Nicht wir, sondern das ukrainische Volk.
    Eine rote Linie hat die NATO bereits gezogen: Diese verläuft im Wortsinn an der Grenze zu jenen Ländern, die dem Militärbündnis angehören.

    Es gibt schon Möglichkeiten, etwas für die Bürger/-innen der Ukraine zu tun, bspw. durch Geld- und Sachspenden.
    ich finde es im Übrigen bemerkenswert welche Hilfe derzeit durch Länder wie Polen, die Slowakei und selbst Ungarn geleistet wird, die bekanntlich heftige Kritik für ihre Haltung in der sog. Flüchtlingskrise 2015/16 einstecken mussten,

    Was die Lage in Russland anbelangt: Warten wir noch ein paar Wochen. Ökonomen haben bereits eine Hyperinflation vorhergesagt.
    Wenn der Rubel nichts mehr wert ist und die Menschen ihre Arbeit verlieren, kann sich das Blatt sehr schnell gegen den Diktator im Kreml wenden.
    Vergessen wir auch nicht: Er muss das Land wiederaufbauen, dessen Infrastruktur seine Armee gegenwärtig zerstört. Woher er das Geld dafür nehmen will, bleibt fraglich.

  4. Marcel Scholzen eimerscheid

    Herr Jusczyk.

    Sie haben recht. Polen,Slowaken, Ungarn leisten bemerkenswertes in punkto Flüchtlinge. Wer hätte das gedacht.

    Trotzdem habe ich den Eindruck, dass es jetzt zwei Gruppen Flüchtlinge gibt, die „Guten“ aus der Ukraine und die „weniger Guten“ von anderswo. Hier wird deutlich ein Unterschied gemacht. Ist das überhaupt vereinbart mit dem Gleichheitsgrundsatz ? Jemand, der zum Beispiel vor den Gräueltaten aus dem Kongo flieht, ist doch in einer ähnlichen Situation, bekommt aber nicht direkt eine Aufenthaltserlaubnis von einem Jahr. Muss sich dem Asylverfahren unterwerfen.

  5. Peter Mertens

    US-Senator fordert “ Diesen Kerl ausschalten“
    Wenn jeder EU Bürger 1€ spendet könnte es vielleicht klappen.

  6. Alexander Hezel

    @ Scholzen Eimerscheid – „So eine schreckliche Situation wie jetzt übersteht man mit Humor“

    Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was an dieser Situation, in der ein 18 Monate altes Kleinkind zu Tode gebombt wird (Bericht auf CNN) und unzählige Kinder, Frauen und Männer getötet werden, versuchen den Horror des Kriegs schlichtweg zu überleben und zu hunderttausenden fliehen – was an solch einer Situation wohl lustig ist oder sich für „Humor“ eignet…
    Ich weiss nicht wie das Scholzensche Oberstübchen so tickt, aber persönlich kann ich darüber auch nichtmal ansatzweise schmunzeln.

  7. Norbert Schleck

    Wir haben zur Zeit mehrere drängende Probleme zu lösen: den menschengemachten Klimawandel, die steigenden Preise für Energie, Rohstoffe und Lebensmittel, die Corona-Pandemie.
    Und das wird durch den Konflikt in der Ukraine überlagert.
    Ja, wir hätten Besseres zu tun als uns mit den Machtgelüsten eines größenwahnsinnigen Despoten im Kreml herumschlagen zu müssen.

    Karl Lauterbach hat das in einem Interview zum Ausdruck gebracht, was einen anderen Foristen zu dem Wutausbruch veranlasste: „dégueullasse!“
    Also „Zum Kotzen!“ Ein Schimpfwort, das auf den Schreiber selber zurückfällt.

    Atomanlagen als umkämpfte Objekte?
    Auch ein Problem, das völlig vernachlässigt wurde. Zumal, wenn jetzt der massive Ausbau der Kernenergie als Ausweg aus Energie- und Klimakrise angepriesen wird.

    Was hätte man im Vorfeld tun können?
    Zeit hätte man gehabt, während des Säbelrasselns an der Grenze die Ukraine mit Abwehrwaffen gegen Flugzeuge und Panzer auszustatten, statt bloß Helme zu schicken.
    Dass eine Invasion mit diesen beiden Waffensystemen beginnen würde, dafür brauchte man kein großer Stratege zu sein.

  8. Marcel Scholzen eimerscheid

    Herr Hezel

    Das war ausschließlich für Herrn Leonard bestimmt und nicht für Betroffene im kriegsgebiet.

  9. Willy Hoffmann

    Herr Hezel, fahren Sie in die Ukraine, lassen sich ein Gewehr geben und zeigen Sie uns, wie toll Sie das Problem lösen. Was sollen wir denn Ihrer Meinung nach machen, in Russland einmarschieren, Soldaten in die Ukraine entsenden, wollen Sie den 3.Weltkrieg mit Ihren Ideen herbeirufen? Überlegen Sie mal, bevor Sie wieder etwas schreiben. Und Ja, es gibt Gott sei Dank auch noch andere Meinungen als Ihre.

  10. Alexander Hezel

    Warum so aufgeregt Herr Hoffmann? Darf man nicht mehr schreiben, dass man Krieg nicht wirklich für Humor geeignet findet?
    Und selbstverständlich finde ich es gut, dass auch Sie Ihre Meinung kundtun. Über Ton und Stil lässt sich allerdings diskutieren…
    Nein, ich habe nicht vor, den 3. Weltkrieg anzuzetteln (wozu ich als einzelne Privatperson zum Glück auch gar nicht in der Lage wäre), aber wieviele tote Zivilisten und Flüchtlinge will der Westen denn noch für seine militärische Zurückhaltung in Kauf nehmen?
    Warten wir, bis Putin die ganze Ukraine besetzt hat und womöglich Nato/EU-Oststaaten angreift?
    Welches Zeichen setzen wir, wenn wir so halbherzig die Freiheit und Demokratie verteidigen? China lechzt sich ja jetzt schon nach Taiwan…
    Kurz gesagt: Putin testet mit diesem Krieg auch, wieviel uns die Freiheit und Demokratie Wert sind.

  11. Marcel Scholzen eimerscheid

    Herr Hezel.

    Welche Demokratie und Freiheit meinen Sie ? Direkte Demokratie nach Schweizer Modell kann es nicht sein. Dagegen haben Sie sich ja oftmals ausgesprochen. Dann bestimmt das existierende System, wo Akademiker bevorzugt werden.

    Humor ist eine der ältesten Strategien, um eine Kriegssituation zu bewältigen. Ein berühmtes Beispiel ist der Film „der große Diktator“ von Charlie Chaplin. Dieser Film ist aktueller den je.

    Gehen Sie doch bitte mal auf „swr3.de“. Dort wird alles genau beschrieben.

  12. Alexander Hezel

    @Scholzen Eimerscheid – Mit dem feinen Unterschied, dass nur Sie selbst sich besonders witzig finden, und das Genie Charlie Caplin tatsächlich witzig ist…

  13. Marcel Scholzen eimerscheid

    Herr Hezel

    Humor ist eine Frage des Geschmacks.

  14. Edmund Gebser

    Merkwürdig, jedesmal wenn ich den Namen Scholzen lese muss ich an den Dunning-Kruger-Effekt denken.
    Si tacuisses, philosophus mansisses.

  15. Marcel Scholzen eimerscheid

    Herr Gebser.

    Ein Lateinzitat und vom Dunning-Kruger-Effekt sprechen, können nicht verbergen, dass Ihnen die Argumente ausgegangen sind.

    Sich kompliziert ausdrücken, ist kein Zeichen von Gelehrsamkeit, sondern zeugt von der Unfähigkeit, sich verständlich auszudrücken.

  16. Norbert Schleck

    8 Kommentare von 16 von einem einzigen Vielschreiber, der anscheinend den bis jetzt gehaltenen Rekord des jetzigen Titelinhabers einstellen will.

    Gegen solche Trolle hilft nur eines: Sie nicht „füttern“.
    „Don’t feed the Troll“, denn Aufmerksamkeit ist ihr Lebenselixier.
    Also: nicht auf ihre provozierenden immer gleichen Kommentare eingehen,die Diskussion mit anderen Partnern über ihren Kopf hinweg weiterführen, sie nicht direkt ansprechen.

  17. Willy Hoffmann

    Herr Hezel, was ist schlimmer, ein 3 .Weltkrieg,, und der wird geschehen, wenn wir oder der Hot Dog Mann sich einmischen, oder aber, so traurig es auch ist, dieser Krieg auf einer Fläche, sprich Land ausgetragen wird??? Die Frage können Sie sich selbst beantworten. Ich hoffe nur, daß Putin die Waffenlieferungen ( welch ein Wahnsinn, mit Waffen einen Krieg zu stoppen ) nicht als Provokation und Einmischung sieht. Denn dann bekommen wir einen kalten Hintern.

  18. Lutz-René Jusczyk

    „Denn dann bekommen wir einen kalten Hintern.“

    Das glaube ich nicht.
    Die 1 Mrd. Euro täglich, die Russland durch Erdgas- und Erdölexporte in die EU einnimmt, wird sich Putin nicht entgehen lassen. In der derzeitigen wirtschaftlichen Lage Russlands erst recht nicht.

  19. Ralf Zilles

    Hallo Herr Hoffmann, ich stimme Ihnen zu: „Wir“ können nicht für ein Kriegsende auf die Strasse gehen und gleichzeitig Waffen liefern. Letzteres verlängert nur den Krieg, fordert noch mehr Opfer. Es ist blauäugig zu glauben, dass die Ukraine einen Krieg gegen Russland gewinnen kann.