Kommentar: Mit Verlaub, Herr Präsident …

Die Omikron-Variante stellt die sowieso wackeligen Gewissheiten in Sachen Pandemiebekämpfung zusätzlich auf den Prüfstand. Die politischen Verantwortungsträger reagieren unterschiedlich stark darauf. In Frankreich holte Präsident Emmanuel Macron zum Rundumschlag aus - und wurde dafür scharf kritisiert. In Pandemiezeiten leidet schon mal der gesellschaftliche Umgangston.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Darf er das? Darf der französische Staatspräsident sagen, dass er den Ungeimpften bis zum bitteren Ende „auf den Sack gehen“ will? Leuten, die nicht nur ihm gehörig „auf den Sack gehen“. Macron benutzte dafür das umgangssprachliche „emmerder“. Zu seiner Entschuldigung hieß es, er habe seinen Vorgänger Georges Pompidou zitieren wollen, der das ausdrucksstarke Wort schon zu politischen Zwecken verwendet hatte.

„Mit Verlaub, Herr Präsident …“ mag da der ein oder andere denken – ohne so weit gehen zu wollen, wie Joschka Fischer 1984 mit einem hier nicht zitierfähigen Kraftausdruck an die Adresse von Richard Stücklen. Also der Joschka Fischer, der mit Turnschuhen im Deutschen Bundestag auftrat, nicht der spätere Außenminister …

Die Empörung über Macrons präsidialen „Ausrutscher“ ist geheuchelt. Er spricht einer großen Mehrheit der Franzosen aus der Seele. Aber in Frankreich herrscht halt Wahlkampf. Und anders als zuletzt in Deutschland soll das Thema Covid dort nicht ausgeklammert werden.

Und wenn wir schon bei Kraftausdrücken sind: Also, da haben die einschlägigen Foren im Netz aber ganz anderes zu bieten. Oder die „Spaziergänge“ von Querdenkern, Pegida oder Gilets Jaunes. Prügel androhen gehört da zum guten Ton – von wegen „Wartet nur, euch geht es auch noch an den Kragen!“. A propos „Querdenker“: Endlich, möchte ich sagen, manifestieren sich in größerer Zahl nun öffentlich auch „Geradeausdenkende“.

Wo stehen wir nun, zwei Jahre nachdem der Ausbruch einer neuen Lungenentzündung mit noch unbekannter Ursache in Wuhan bestätigt wurde? Erst einmal vor der angedrohten „Wand“ von Neuinfektionen. Die logische Antwort auf eine ansteckendere Variante wie Omikron wären strengere Test- und Quarantäneregeln. Stattdessen werden sie gelockert. Weil wir sonst Gefahr liefen, in wichtigen Bereichen der Gesellschaft nicht genug Leute an Bord zu haben – und schon bald wieder die Schulen schließen müssten, was niemand will.

Nach dem Schiffbruch, den der Konzertierungsausschuss um die Weihnachtstage mit der Schließung des Kultursektors erlitten hatte, wollte er sich nicht schon wieder eine blutige Nase holen. Dafür gab es eindringliche Appelle, Einschwören „auf schwere Wochen“, die uns bevorstehen. Zwar kein aufrüttelndes „Blood, Sweat and Tears“, aber „Booster, Maske und Selbsttests“.

Natürlich braucht es die Eigenverantwortung in einer solchen gesamtgesellschaftlichen Krise. Das haben viele, wenn auch leider nicht alle verstanden. Es ist auch nicht leicht, den richtigen Ton zu treffen. Macron hat sich für seine Form der Ansprache entschieden und wird gehört. Eine Grundregel der Kommunikation: Die Botschaft muss ankommen.

Corona braucht klare Ansagen, haben wir schon zu Beginn der Pandemie festgestellt. Das kann in Form eines Stufenplans sein. Wenn er klar und verbindlich ist: Her damit! Den Kopf einziehen und hoffen, dass der Sturm vorüberzieht, wird nicht ausreichen.

Stephan Pesch

Ein Kommentar
  1. Frank Mandel

    Gemäß dem Motto: Kommunikation ist das, was ankommt. Fragt sich nur wo?
    Stimmen tut diese „Zusammenfassung“ auch nicht. Ein Appell der mehr nachdenklich macht, als eine Entscheidung die getroffen werden muss, ohne Kommentar.