Kommentar: Biedermänner und Brandstifter

Der Wochenkommentar befasst sich mit sinkenden Hemmschwellen und zunehmender Gewalt bei Corona-Protesten ... und wie sie geschürt wird.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Ein Fackelaufmarsch, Gebrüll oder andere Drohgebärden vor den Privathäusern von Politikern. Gewalt gegen Supermarktverkäuferinnen, die auf die Maskenpflicht hinweisen. Unmissverständliche Drohungen gegen Schulleiter. Und für uns besonders nah und abstoßend: Die aufs Garagentor gesprühte Hassbotschaft und der Brandsatz am Haus des ostbelgischen EU-Abgeordneten Pascal Arimont, der es gewagt hatte, seinen Standpunkt zur Impfdebatte darzulegen.

Das hat auch weit über Ostbelgien für Aufsehen gesorgt. Bis ins EU-Parlament, wo sich neben vielen Bürgern auch andere Abgeordnete solidarisierten. Aber auch bis in die überregionalen Medien. Und sogar bis ins angesehene Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

Der „Protest“ hat eine neue Qualität erreicht. Oder sprechen wir mal lieber von einer neuen Dimension. Lassen sich die Ausschreitungen bei Demonstrationen ob in Brüssel, den Niederlanden oder in Luxemburg, wo ein wildgewordener Mob den Weihnachtsmarkt gestürmt hat, noch damit erklären, dass Chaoten und Krawallschläger die zu großen Teilen friedlichen Kundgebungen kapern – hinter dem gezielten Aufsuchen steckt ein perfides System.

Warum sonst werden in einschlägigen Kanälen Privatadressen von Leuten verbreitet, denen mal gezeigt werden soll, wo der Hammer hängt? In Kanälen, wo ohne Hemmungen „gelogen, erpresst, gehetzt und gespalten“ wird, um mal einen Vorwurf umzukehren. Ganz abgesehen von anderen strafbaren Inhalten.

Dem muss Einhalt geboten werden. Das ist bei einem vorgeblichen „Messengerdienst“ wie Telegram insofern schwierig, als die Betreiber kaum zu fassen sind – auch wenn der Firmensitz in Dubai sich bis aufs Stockwerk und die Büroräume zurückverfolgen lässt. Aber das ist Sache internationaler Behörden und derjenigen, die sich mit so schönen Erfindungen auskennen wie einem Netzwerkdurchsetzungsgesetz.

Für uns ganz sicher eine Nummer zu groß. Dafür können wir leicht verfolgen, wer aus unserem engeren oder weiteren Umfeld sich im Netz wie aufführt. Wer welche propagandistischen Inhalte teilt. Wer auf das Trittbrett aufspringt … Wer sich als Administrator gibt und als Agitator gebärdet. Immer schön im Hintergrund.

Zu dem Drama „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch hat es die unterschiedlichsten Interpretationen gegeben. Es endet damit – Vorsicht Spoiler! – dass der Protagonist den Brandstiftern, die er in seinem Haus aufgenommen hat, zu allem Überfluss noch Streichhölzer gibt. Heute verwischen die Rollen zwischen Biedermännern und Brandstiftern. Die Streichhölzer werden im Netz gereicht.

Bei Max Frisch behält der Chor der Feuerwehrleute das letzte Wort. Das allerdings nicht gerade optimistisch ausfällt mit einem dreifachen: „Weh uns!“ Wir können als Chor in der aktuellen Lage noch die Tonart bestimmen.

Stephan Pesch

6 Kommentare
  1. Marc Despineux

    Dankeschön für dieses offene und wichtige Kommentar.
    Gewalt und Drohungen gehören nicht zur Demokratie!

  2. Marcel scholzen eimerscheid

    Guter Kommentar.

    Gewalt ist keine Lösung und gehört nicht in die politische Auseinandersetzung. Das Quer- und Quatschdenker Hochkonjunktur haben liegt an der immer geringer werdenden Glaubwürdigkeit der Demokratie, wofür die Politiker verantwortlich sind. Mehr direkte Demokratie und die Quatschdenker haben weniger Zulauf.

    Telegram ist ein zweischneidiges Schwert. Nicht nur Kriminelle nutzen diesen Dienst auch Oppositionelle in Diktaturen.

  3. Dieter Leonard

    Dummerweise gibt es auch im „gelobten Land“, der Schweiz eine ausgeprägte Querdenkerszene, Herr Scholzen, die nicht müde wird, mit gezielter Desinformation, die Bekämpfung der Pandemie zu untergraben.

    Nicht alle fehlgeleiteten menschlichen Verhaltensweisen können auf politisches Versagen zurückgeführt werden, wiewohl dies für jemanden, der für einfache Antworten auf komplexe Fragen empfänglich ist, naheliegend zu sein scheint.

    Darin unterscheiden Sie sich dann auch nicht von den Verschwörungstheoretikern, die gerne in Bill Gates, Klaus Schwab, den Rothschilds, … die Drahtzieher hinter der „Plandemie“ erkannt haben.

    Wenn Sie beim Übergriff auf das Haus von Pascal Arimont das Opfer für die Tat mitverantwortlich machten (er müsse sich ja nicht in Sozialen Medien äußern, dann blieben ihm solche Übergriffe erspart) machen Sie hier die Täter oder Querdenker zu Opfern der Politik.

    Suchen Sie besser in der Erziehung, der Bildung und Sozialisierung dieser Menschen und Sie werden wohl eher fündig.

  4. Marcel scholzen eimerscheid

    Guten Tag Herr Leonard.

    Es gilt nach wie vor das Primat der Politik. Selbst in der jetzigen Zeit. Sozialisierung, Bildung, Erziehung basieren auf politischen Entscheidungen. Man kann diese Bereiche nicht getrennt sehen von der Politik.

    Herr Arimont und Herr Paasch sind natürlich nicht verantwortlich für die gegen sie gerichteten Hetzparolen. Verantwortlich sind die Täter. Diese Schmierreien sind eine negative Begleiterscheinungen ihres politischen Engagements. Berufsrisiko. Man kann nur hoffen, daß es nicht noch schlimmer kommt und Menschen nicht zu schaden kommen.

    Stimmt, in der Schweiz gibt es viele Quer- und Quatschdenker. Nur die Bevölkerung hat die vor 2 Wochen mittels Volksabstimmung in die Schranken verwiesen.

  5. Alexa Peters

    Indem Sie immer und immer wieder die Politiker verantwortlich für die Hochkonjunktur der Querdenker machen, Herr Scholzen, heißen Sie nicht nur indirekt deren Taten gut, sondern gießen auch noch Öl in ihr Feuer.

  6. Marcel Scholzen eimerscheid

    Frau Peters.

    Schlechte Politik ist Öl ins Feuer gießen. Wären die Menschen zufrieden, gäbe es keine Querdenker.