Kommentar: Packen wir’s an – Lehren aus der Hochwasserkatastrophe

Gut eine Woche nach dem verheerenden Hochwasser sind viele damit beschäftigt, die Schäden zu beseitigen - und das wird auch noch eine ganze Zeit dauern. Gleichzeitig dürfen wir nicht versäumen, aus dem Geschehenen Lehren zu ziehen.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

„Danke den Helfern“ steht, so gut es geht, auf einer sichtlich mitgenommenen Häuserwand in der Eupener Unterstadt. Und das ist bei allem Schrecken, den die Folgen des Hochwassers auch eine Woche später noch auslösen, eine tröstliche Botschaft. Neben all den Facebook-Posts von Leuten, die, mit Gummistiefeln und Schaufeln gewappnet, anpacken, neben den selbstlosen Hilfsangeboten und, ja auch, neben dem Versprechen, dass möglichst rasch und unbürokratisch „von oben“ geholfen werden soll.

Das kann und darf aber noch nicht alles sein. Natürlich wird zu ergründen sein, ob und was besser hätte laufen können – oder was gehörig schiefgelaufen ist. Allerdings auf der Grundlage gesicherter Erkenntnisse. Nicht von Vermutungen oder Spekulationen. Oder aus eigenem Ermessen. Vor allem aber gilt es, gut auf die nächste außergewöhnliche Situation vorbereitet zu sein – von „unvorhergesehen“ wollen wir mit Blick auf die durchaus rechtzeitigen und ernst zu nehmenden Warnungen vor starken Regenfällen und das sich daraus ergebende Hochwasserszenario gar nicht mal sprechen.

Wissenschaftler vor unserer Haustür, an der RWTH Aachen, haben nach eigener Darstellung ein Frühwarnsystem entwickelt: Es könne mit Modelldaten und künstlicher Intelligenz vorhersagen, welche Straßenzüge wie stark unter Wasser stünden, mit welcher Strömung zu rechnen sei – und mit welchen Schäden an welchen Gebäuden, bis hin zur einzelnen Hausnummer. Die Erfahrungen von vorvergangener Woche haben gezeigt, dass es einen Unterschied macht, ob sehr, sehr viel Regen im Flachland fällt und vielleicht Keller volllaufen lässt – oder ob das in Mittelgebirgsregionen passiert, wo die Bäche zu reißenden und zerstörerischen Strömen zusammenfließen können. Das neue Modell werde zurzeit in Aachen erprobt und weiterentwickelt, sagt Professor Holger Schüttrumpf, Leiter des RWTH-Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft. „Nur zu!“ möchte man rufen und konsequente und rasche Umsetzung wünschen.

In anderen vorher von Hochwasser heimgesuchten Gegenden haben sie – wenn’s gut ging – ihre Lehren gezogen. Die Stadt Grimma in Sachsen etwa war von der sogenannten Jahrhundertflut 2002 besonders schwer betroffen. Heute ist sie ein Musterbeispiel für effizienten Hochwasserschutz. Allerdings müsse es schnell gehen, sagt der immer noch amtierende Oberbürgermeister Matthias Berger, denn es gebe in solchen Fällen eine – wie er es nennt – „Hochwasserdemenz“. Nach ein paar Jahren sei die Flut vergessen und die Bereitschaft, Schutzmaßnahmen zu ergreifen, nur noch gering. Und wie das mit guten Vorsätzen ist, weiß jeder selbst.

Die betroffenen Gemeinden, die in der Schadensbewältigung gerade hervorragende Arbeit leisten, sind gut beraten, übergeordnete Stellen an Versprechen zu erinnern. Die betroffenen Bürger, die aus einer verzweifelten Lage ins normale Leben zurückfinden müssen, sind gut beraten, sich beim „Wiederaufbau“ helfen und beraten zu lassen. Und jeder von uns sollte aus diesem uns buchstäblich nahegehenden Ereignis die Lehre ziehen, Ratschläge oder Warnungen von Leuten, die es wissen müssen, nicht leichtfertig in den Wind zu schlagen. Ob bei dieser oder bei anderen Katastrophen.

Stephan Pesch

3 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    Journalistische Kommentare können dazu beitragen, die Gesellschaft nach vorne zu bringen. Sie können jedoch auch zur Spaltung der Gesellschaft beitragen.
    Glücklicherweise gehören die Kommentare von Stephan Pesch zur ersten Kategorie.
    Journalisten, denen es in erster Linie um ihr Spiegelbild und die Befriedigung ihres Egos geht, scheitern kläglich an dieser Aufgabe.

    (PS. Es muss nicht jeden Tag einen Meinungskommentar im BRF geben, aber gerne öfter und nicht nur, weil Freitag ist… 😉)

  2. Jürgen Kruse

    Wenn diese Katastrophe etwas Gutes bewirken kann, so ist es klar zu machen das Solidarität und Pragmatismus Werte sind deren Stellenwert verloren schien. Ohne eine „Wir schaffen das“ Mentalität sowie Abbau zeitintensiver und zu komplizierter Prozesse werden sowohl die entstandenen Schäden als auch die anstehenden Aufgaben nicht bewältigt werden können. Die Katastrophenereignisse werden , induziert von einer 100 jährigen CO2 Party, zunehmen. Wissenschaftler und Ingenieure weltweit werden gefordert sein. Sie müssen in ihrem Streben bestmöglichst unterstützt werden und sogenannte Querdenker und Klimawandelskeptiker halten mit ihrer gebündelten Inkompetenz einfach nur auf.

  3. Dieter Leonard

    Einen im Vergleich zur betriebenen Hexenjagd in anderen Medien wohltuend besonnenen Leitartikel in diesen aufgewühlten Zeiten, liefert heute im „Le Soir“ auch Hubert Vanslembrouck:

    „Et si on arrêtait de jouer au toutologue“

    Besonnene Politiker und Journalisten und die Empathie tausender freiwilliger Helfer braucht das Land in diesen Zeit, keine Hexenjäger und Schmierenreporter.

    Auch Claudia Niessen und Stephan Pesch zeigen u.a. auf, wie das geht.