Kommentar: Verfrühter Frühling

Dass der Konzertierungsausschuss eine Entscheidung über die nächsten Schritte in Sachen Corona kurzerhand vertagt hat, zeigt, wie ernst immer noch (oder schon wieder) die Lage ist. Dabei hatte das frühlingshafte Wetter die Hoffnung auf weitere Entspannung geweckt.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Der Frühling ist da! Fast. Denn eigentlich ist es dafür noch viel zu früh. Darüber können auch die Krokusse nicht hinwegtäuschen, der Zug der Kraniche oder die ungewohnten Temperaturen. Oder die langen Warteschlangen vor den Eisdielen. Und seit dem letzten Wochenende auch die vielen Menschen in den Parks, die vollen Zugabteile Richtung Küste. In der Düsseldorfer Altstadt ist es jetzt an Wochenenden verboten, länger stehen zu bleiben – mit Schildern, auf denen steht: „Verweilverbotszone – bitte gehen Sie weiter.“

Die Leute lechzen nach „Sozialkontakten“. Noch so ein Wort, das durch die Corona-Krise salonfähig geworden ist. Ein Interview zu diesem Thema hat es diese Woche in sämtliche Kommentarspalten geschafft: Jean-Marc Nollet hat öffentlich zugegeben, dass er es letztens nicht mehr so genau genommen hat mit der „Einser-Regel“ bei Besuchen. Weil er danach gefragt wurde.

Das war zweifellos eine ehrliche Antwort. Als Co-Präsident einer Regierungspartei hätte sich Nollet auf die Zunge beißen sollen. Denn es war abzusehen, was daraus wurde: Wenn die sich nicht daran halten, warum sollten wir es tun? Ihn zum überzeugten Regelbrecher oder sogar zum Anwalt der „Querdenker“ zu machen, tut dem Grünen-Politiker aber Unrecht.

Noch fataler in der Außenwirkung: die Quasi-Rückruf-Aktion der gratis verteilten Stoffmasken der Föderalregierung. Das sind die, die schon mal viel zu spät geliefert und dann über die Apotheken ausgegeben wurden – was viele überhaupt nicht mitbekommen haben.

Hier nur so viel: Ob die gesundheitlichen Bedenken sich erhärten, steht noch gar nicht fest. Es war aber auf jeden Fall ein Fehler, sich auf ein so zwielichtiges Geschäft einzulassen. Ein Schuss ins Knie und prima Schützenhilfe für Maskenverweigerer. Kleiner Trost: Im Zweifel sollten die betreffenden Masken nach so und so viel Waschgängen eh nicht mehr in Gebrauch sein …

Dass dieses Masken-Fiasko oder das Nollet-Geständnis uns so viel Aufmerksamkeit kosten, könnte vermuten lassen, dass wir keine anderen Sorgen hätten. Doch, haben wir.

Die neuesten Indikatoren, vor allem die Zahlen der Krankenhausaufnahmen, sind so beunruhigend, dass sich der Konzertierungsausschuss zu keinerlei Ankündigungen hinreißen lassen wollte – wo doch sehnlichst Perspektiven erwartet worden waren.

Von „kalter Dusche“ war die Rede. Ein spürbarer Temperatursturz. Aber: Der Frühling kommt.

Stephan Pesch

8 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    Danke, Stephan, dass du dich nicht vor den Karren der „Y‘a qu‘à, faut qu‘on“-Besserwisser spannen lässt.
    Ja, die „Einser-Regel“ war bereits bei ihrem Beschluss – da an jeder familiären Situation vorbei – völlig untauglich, die Menschen für die Einhaltung der Regeln zu gewinnen. Und niemand hat sich daran gehalten.
    Parteichef und Regierungspartner Nollet hätte innerhalb der Koalition darauf drängen müssen, diese zumindest in eine „Zweier-Regel“ umzuwandeln, statt mit seiner ehrlichen Dummheit, der Politik und Pandemiebekämpfung einen Bärendienst zu erweisen.
    Ein Querdenker ist Nollet damit genau so wenig, wie ein „Linksradikaler“.
    Dies können nur realitätsferne Beobachter von sich geben, die in Ja/Nein-Volksentscheiden das demokratische Paradies vermuten.

  2. Guido Scholzen

    Ach so, Herr Leonard, Jean-Marc Nollet ist also kein Querdenker oder Regelbrecher, der für die Virus-Verbreitung mitverantwortlich gemacht werden kann?
    Würden Sie dies auch von Politikern sagen von MR oder N-VA oder oder, wenn diese die Regelbrecher wären?

    Im Jahr 2020 noch schrieben Sie folgende Kommentare:
    September: „…Die steigenden Infektionszahlen weisen deutlich darauf hin, dass die AHA-Regeln nicht konsequent und gut berücksichtigt werden.“
    Oktober: „Wer die zentrale Botschaft nicht versteht oder verstehen will, statt seinen Beitrag zu leisten, sich und andere zu schützen, wird sich in den kommenden Wochen noch wundern. Aber auch dann wird man der Politik vorwerfen, warum sie denn nicht gehandelt hat.“
    und auch: „Tatsächlich scheint vielen Menschen… die Folgen exponentiellen Wachstums nicht wirklich bewusst zu sein.“

    Herr Leonard zeigt hier, dass unsere Polit-Gesellschaft eine GESINNGSKULTUR ist, und sonst nichts:
    In Sachen Corona heisst das: Bist du ein Grüner, dann darfst du dich verhalten wie ein Schwede; ansonsten verhalte dich wie ein Belgier!
    Danke, Dieter.😉

  3. marcel Scholzen eimerscheid

    Guter Kommentar.

    Nollet war einfach nur dumm. Er hat nicht begriffen, dass zur Politik eine gewisse Scheinheiligkeit gehört. Wenn die Show stimmt, ist alles in Ordnung. Das hätte er wissen müssen.

    Werter Herr Leonard.

    Sinn und Zweck von Volksabstimmungen ist nicht der Einzug ins Paradies und die Gründung des Reichs Gottes. Dafür sind Religionen zuständig. Das Volk an der Macht zu beteiligen, ist eine Frage des Vernunft und des gesunden Menschenverstandes. Ein Gemeinsamwesen funktioniert so besser (siehe Schweiz – eines der reichsten Länder der Welt). Ich erwarte jetzt nicht von Ihnen, das Sie das verstehen. Soweit gehen meine Erwartungen nicht. Dafür bin ich zu sehr Realist.

    Schönen Sonntag und bleiben Sie gesund.

  4. Peter Mertens

    Sie können es drehen und wenden wie sie wollen, die Einser Regelung war und ist Schwachsinn.
    Oder wie haben sie alle entschieden, zwischen Vater und Mutter oder zwischen Sohn und Tochter, wer durfte denn kommen
    2 Personen aus einem Haushalt wäre in Ordnung gewesen

  5. Peter Schallenberg

    Was Jean-Marc Nollet gesagt hat, war bei weitem das Ehrlichste, was ein Politiker oder sonstiger Korona- Glücksritter in dieser Krise gesagt hat. Und das als „Grüner“…

  6. Bernard ramscheid

    Hut ab vor Herrn Nollet! Wer jetzt die Ehrlichkeit des Herrn N. als Dummheit bezeichnet ist selber dumm. Er hat deutlich gesagt, was alle anderen Scheinheiligen heimlich getan haben: KEINER hat sich nämlich an die superdumme „Einser“regel gehalten.

  7. Norbert Schleck

    Ecolo, die Partei des Herrn Nollet, ist Mitglied der Föderalregierung, stellt dort einen Vizepremierminister, eine Ministerin und eine Staatsekretärin.

    Sie hat also die jetzige Regelung mitbeschlossen und demnach auch mitzuverantworten. Wenn Herr Nollet jetzt „Ehrlichkeit“ mimt, so ist das bloße Scheinheiligkeit.
    Konsequent wäre es gewesen – wenn er denn diese Regel für undurchführbar gehalten hat bzw. jetzt hält – für deren Aufhebung oder Lockerung zu plädieren, bis hin zu der Drohung, seine Partei aus der Regierung abzuziehen.

    Seine jetzige Haltung ist ein eklatanter Verstoß gegen die Spielregeln eines Rechtsstaates, wo es dem gewöhnlichen Bürger ja auch nicht freisteht, nach eigenem Gutdünken Gesetze oder Bestimmungen einzuhalten oder nicht, nur weil er sie für widersinnig hält.

    Ein Blick über die Landesgrenze nach „drüben“: „Private Zusammenkünfte sind grundsätzlich nur im Kreis der Angehörigen des eigenen Hausstandes und mit maximal einer weiteren nicht im Haushalt lebenden Person erlaubt.

    N.B. Dort sind die Geschäfte noch immer geschlossen…

  8. Peter Mertens

    Wir werden doch nur Vera…, jetzt ist der AstraZenica für die ältere Generation viel besser als alle anderen Impfstoffe…..
    In Deutschland will den keiner und nun wird er für besonders wirksam erklärt.
    Warten wir ab ob die Empfehlung hier auch geändert wird.