Kommentar: Die Impfung als Gewissensfrage

Vor einem Jahr ist in Belgien der erste Fall einer Infektion mit dem damals neuartigen Coronavirus registriert worden. Seit einem Monat wird auch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft gegen dieses Virus geimpft. Dem Vernehmen nach liegt die DG ganz gut im Zeitplan, wobei das von den Impfstofflieferungen abhänge. Noch ehe die nächsten Risikogruppen an der Reihe sind, stellt sich die Frage nach der Impfbereitschaft - eine Gewissensfrage.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Ein kleiner Pikser für den Menschen – oder doch viel mehr? Das Impfen war schon lange vor Corona ein Thema, lange bevor in einem noch nie dagewesenen Ausmaß und in Rekordgeschwindigkeit Impfstoffe zur Bekämpfung der aktuellen Pandemie entwickelt wurden. Das wurde vor ein paar Wochen noch als „Impfwunder“ gefeiert.

Mittlerweile hat die Ungeduld die Begeisterung verdrängt: Reicht der Impfstoff aus? Geht es schnell genug voran? Und: Wer kommt als Nächstes dran?

Ausschlaggebend muss sein, was die Impfung in erster Linie bewirken soll: vor einem schweren Krankheitsverlauf schützen. Damit erübrigt sich eine erneute Diskussion der Reihenfolge. Allen voran die Risikogruppen – und diejenigen, die sich um sie kümmern.

Die Impfbereitschaft bei diesen Risikogruppen ist verständlicherweise hoch. In den Pflegeeinrichtungen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft lag die Impfquote bei den Bewohnern bei 95 Prozent. Beim Personal beträgt sie bisher ausbaufähige 57 Prozent. Ein Durchschnittswert, denn es gibt Unterschiede von Pflegeeinrichtung zu Pflegeeinrichtung. Und zwischen Altersgruppen. Im Allgemeinen scheinen junge Leute zurückhaltender zu sein, wenn es um die Impfung geht.

Nach ähnlichen Diskussionen in Deutschland kam diese Woche darum auch in Belgien die Frage aufs Tapet, ob das Pflegepersonal nötigenfalls dazu verpflichtet werden könne, sich impfen zu lassen. Weil bestmöglicher Schutz für sich und andere nun mal zum Job gehöre.

Druck ist zurzeit sicher nicht das geeignete Mittel bei einer Berufsgruppe, die so schon enormen Belastungen ausgesetzt ist. In einigen Fällen hat sich als zielführender herausgestellt, mit den Leuten zu sprechen, ihre Bedenken ernst zu nehmen, sie sachlich aufzuklären.

Auch der Faktor Zeit spielt eine Rolle, wie wir erfahren konnten von Betroffenen, die ihre Impfentscheidung erst nach gründlicher Information und reiflicher Überlegung getroffen haben. Letztlich handelt es sich um eine Gewissensfrage.

Gewissenlos nenne ich dagegen gezielte Desinformation, wie sie in der Impffrage zirkuliert. Oder eine Scheinaufklärung, wie sie diese Woche die Vivant-Fraktion versucht hat. Aus einer eindeutigen Impfempfehlung des deutschen Robert-Koch-Instituts konstruiert sie das genaue Gegenteil, nach dem Muster: Nichts Genaues weiß man nicht. Das ist billig. Da erlaube ich mir meinerseits, die Vivant-Schlussfolgerung umzukehren: Bei so etwas ist Vorsicht geboten.

Stephan Pesch