Kommentar: Es reicht!

Auch fast eine Woche, nachdem Joe Biden von den Medien zum gewählten Präsidenten der USA erklärt wurde, gibt sich sein Amtsvorgänger nicht geschlagen. Donald Trump spricht weiter nur von „Wahlbetrug“ und findet Unterstützung in den eigenen Reihen. Im Rest der Welt hat sich Erleichterung breit gemacht. Die Abwahl Trumps lässt auch an anderen politischen Fronten Hoffnung aufkommen. Doch sollten wir uns nicht zu früh freuen.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Wo gibt’s denn sowas? Da brechen renommierte amerikanische Sender eine Live-Pressekonferenz des noch amtierenden US-Präsidenten ab – mit dem Hinweis, dass es nun genug sei mit unbelegten Behauptungen. Majestätsbeleidigung? Zensur? Parteinahme? Eher ein Befreiungsschlag.

Die Medien haben sich lange genug vom „Fake-news-Präsidenten“ an der Nase herumführen lassen. Wenn einer lügt, dass sich die Balken biegen, dann muss das auch gesagt werden: Es reicht! Auffallend, dass sogar der Trump-Haussender Fox News differenzierter berichtete. Da hätte ihm doch eigentlich klar sein müssen, dass seine Zeit abgelaufen ist.

Mit dem Abgesang auf den großen Verbündeten müssen jetzt auch andere kleinere Brötchen backen: Den britischen Premier Boris Johnson hatte Joe Biden noch im vergangenen Jahr als „physischen und emotionalen Klon“ von Donald Trump bezeichnet. Die beiden, also Trump und Johnson, waren ja auch dicke miteinander. Wobei das „America first“ ebenso den Briten in die Karten spielte wie umgekehrt die Brexit-Kampagne voller Lügen auch dem Populismus auf der anderen Seite des Atlantiks Auftrieb gegeben hat.

Na, immerhin hat das britische Oberhaus Johnson für seine Brexit-Strategie in dieser Woche eine Abfuhr erteilt. Im Unterhaus dürfte er sie dennoch durchbringen – doch wird er angesichts der neuen Verhältnisse beim „großen Bruder“ den Mund vielleicht nicht gar so voll nehmen.

Auch der türkische Autokrat Erdogan verliert in Trump einen verlässlichen Freund. Selbst Wladimir Putin oder Xi Jinping wussten, was sie an ihrem US-amerikanischen Gegenüber hatten. Der „Neue“, Joe Biden, kennt die Herrschaften nur allzu gut – er ist schon weitaus länger im Geschäft als sie.

Ich höre schon: „Was geht uns Europäer das an? Haben wir nicht genug mit uns selbst zu tun?“ Stimmt. Bei „uns“ poltert gerade wieder Ungarns Viktor Orban, noch so ein Trump-Spezi, der unter dessen Vorgänger Barack Obama in den USA keinen Fuß an den Boden bekam.

Orbans Regierungsmedien unterstützten die Vorwürfe von Wahlbetrug in den USA. Aber in seinem Radio darf Orban ja auch sonst behaupten, was er will: Der Rechtsstaatsmechanismus, mit dem die EU Verstöße eines Mitgliedstaats gegen ihre Grundwerte finanziell sanktionieren will, sei eine Idee des ungarisch-stämmigen Börsenmilliardärs George Soros. Der schon wieder. Wofür der nicht alles herhalten muss.

Leider erschöpft sich Viktor Orban aber nicht in Verschwörungstheorien, sondern droht wegen dieses Mechanismus mit einem Veto gegen den EU-Haushalt und den Corona-Wiederaufbaufonds. Und Polens Mateusz Morawiecki gleich hinterher. Bei aller Liebe: Es reicht!

Stephan Pesch

15 Kommentare
  1. Jean-Pierre DRESCHER

    Ich bleibe bei dem Standpunkt, dass ich mich nicht in innere Angelegenheiten der US-Amerikanischen Nation einmische. Trump oder Biden, das Sache des Amerikanischen Volkes.

    Amerika ist zurecht eine stolze Nation, die die DG, Deutschland, Luxemburg und viele andere europäische Staaten zum Ende des 2. Weltkriegs befreit hat.

    Was gibt es redlicheres, als sich stark zu machen für die Freundschaft mit Amerika unter bedingungslosem Respekt der nationalen Unabhängigkeit der souveränen US-Bürger?

  2. Marcel Scholzen eimerscheid

    Ich bin aber zuversichtlich, dass der Machtwechsel friedlich und geordnet abläuft. Notfalls entscheiden die Gerichte in den USA. Die USA sind ja keine Bananenrepublik, sondern ein Staat mit gefestigten Strukturen und Institutionen.

    Ungarns Orban ist ein anderes Problem. Es wäre nicht gut, wenn durch ein Land diverse Coronahilfsmassnahmen blockiert würden. Darum sollte man Orban mal in Ruhe lassen. Es nützt nicht viel, sich politisch mit ihm auseinanderzusetzen. Da muss man andere Hebel ansetzen. Am besten über die Finanzmärkte. Die Stimmung so steuern, dass das Vertrauen in Ungarn abnimmt und Ungarn mehr Zinsen zahlen muss für seine Staatsanleihen. Das schmerzt am meisten.

  3. Dieter Leonard

    Mal wieder ein treffender Kommentar, Stephan!

    Seine Meinung – zumal in einem journalistischen Kommentar – zu den Wahlen in den USA oder zu dessen Präsidenten zu äußern, hat nichts mit Einmischung in die inneren Angelegenheiten der USA zu tun, Herr Drescher.
    So wenig übrigens, wie Ihre unablässige und maßlose Kritik an gesellschaftlichen oder politischen Verhältnissen in Deutschland, eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Deutschlands darstellt.

    Mit „Respekt der nationalen Unabhängigkeit der souveränen US-Bürger“ hat eine Kritik an Trump nichts aber auch gar nichts zu tun.
    Im Gegenteil! Die Politik und das Gebaren dieser Präsidenten-Parodie hat in einer globalisierten Welt auch direkte Auswirkungen auf den Rest dieser Welt. Auch auf uns. Und sei es nur durch das erschreckende „Vorbild“, das ein narzisstischer und sonst wie in seiner Persönlichkeit gestörter Präsident, abgibt.

    Glücklicherweise läuft seine Zeit bald ab.

  4. Maria van Straelen

    Herr Drescher, wenn Sie meinen dass ein Staat eine homogene Masse ist, die sich niemals verändert, dann wäre Deutschlqnd einmal faschistisch, immer faschistisch. Das Land hat sich enorm verändert und wollen Sie Trump BEDiNGUNGSLOSEN Respekt zollen ? Und wenn dem fast 72 Millionen Menschen zujubeln, fast die Hälfte der Bevölkerung, dann geht mir jeglicher Respekt verloren vor dem Staat als ganzem

  5. Jean-Pierre DRESCHER

    „Die Politik und das Gebaren dieser Präsidenten-Parodie hat in einer globalisierten Welt auch direkte Auswirkungen auf den Rest dieser Welt. Auch auf uns.“

    Das erklärt uns doch schon einiges aus den Zeilen heraus. Nichts gegen Sie, Herr Leonard. Doch der eigentliche Grund für die Einmischung in amerikanische und russische Angelegenheiten fängt bei den EU-Politikern diesmal nicht mit N oder K an sondern mit E wie Egoismus. Die Europäer haben gemerkt, dass der „Fressnapf“ unattraktiv wird, wenn der „Falschen“ MP bei den Supermächten regiert.

    Die Europäer haben einfach gemerkt dass sich weder mit Trump noch mit Putin die endlose Profitgier dieser EU-Konzerne stillen lässt, und das erzeugt eben Neid, weils jetzt nicht so läuft. Deshalb der Hass gegen Russen und Amerikaner wie damals gegen Juden und Deutsche. Wer so tickt ist der eigentliche Verlierer der US-Wahlen. Denn auch unter Biden wird die Amerikanische Nation nicht nach der Pfeiffe der alten Kolonialherren tanzen.

  6. Guido Scholzen

    Zitat von Herrn Pesch:
    „Die Medien haben sich lange genug vom „Fake-news-Präsidenten“ an der Nase herumführen lassen.“

    Ach nee, habt ihr euch wirklich von dem an der Nase herumführen lassen?
    Oder habt ihr eher von Anfang an, von Vereidigung bis Abwahl, gegengeschossen?
    Meint die Mainstream-Presse etwa, dass ein Politik-Voll-Profi wie Biden dies etwa nicht tuen wird?

    Hat „die Presse“ nicht stets posaunt, ‚Trump hat Amerika so gespalten wie nie zuvor‘? Also, das war noch immer der US-amerikanische Bürgerkrieg, und nicht Trump.

    Wie sagte die Kabarettistin Lisa Eckhart demletzt so satirisch korrekt: „Nichts ist transparenter als ein durchschaubarer Lügner… Trump war somit der ehrlichste Präsident aller Zeiten“ 😃

    Werter Herr Pesch, es wird vielmehr so sein:
    Die Presse wird sich von Joe Biden an der Nase herumführen lassen!
    War es nicht bei Obama auch schon so?😉

  7. Werner Radermacher

    Die Wahlen enden erst am 5. Januar in Georgia, denn dort sind noch zwei Senatssitze zu vergeben. Gewinnt die GOP nur einen, haben sie die Mehrheit (51 – 49) im Senat und das Regieren wird für Biden/Harris schwieriger. Denn z. B. für die Rückkehr zum Klimaschutz-Abkommen oder die Besetzung von Richterstellen am Supreme Court ist die Zustimmung des Senats nötig.

  8. Jean-Pierre DRESCHER

    Ich will Herrn Pesch in Schutz nehmen, denn er respektiert auch die Meinung von seinen härtesten Kritikern wie mir. Also erstmal ganz herzlich Danke / Merci / Thank You / Болшой Спасива! an Sie persoenlich Herr Pesch, so muss DG, so muss Toleranz und Pluralismus, so sind wir Vorbild für friedliche Koexistenz der Voelker!

    Generell will ich ggü. der Politk in Übersee unparteiisch sein, auch wenn man bei Trump seine Pros und Cons findet bzw. es mich erfreut hat, dass endlich mal jemand mit deutschsprachigen statt englischen Wurzeln MP wurde, aber seis drum. Neutralität zu üben ggü. dem System ist auch für mich eine Herausforderung, und beim Beispiel der US-Wahlen vielleicht eine gute Übung.

    Generell wollen wir allen Voelkern der Erde unsere Hand reichen. Wir haben eine gemeinsame Geschichte sowohl mit Amerika als auch Russland. Dazu verpflichtet uns die finstere Geschichte Europas die um 1.400 mit den Spaniern gegen die Indianer begann.

  9. Marco Jacobs

    Sehr geehrter Herr Pesch, ja es reicht. Ist es jetzt die Presse die einen Präsidenten kürt? Lassen Sie die Gerichte ihre Arbeit machen, dann stimmt das „United States Electoral College“ ab und dann gibt es einen neuen Präsidenten. Ist es so schwer zu warten und ausgeglichenen Journalismus zu betreiben. Es gibt immer 2 Seiten und die Aufgabe des Journalisten ist es über beide Seiten zu informieren. Nicht die Presse entscheidet was richtig und falsch ist. Und wenn die Presse nur einseitig Berichtet und die andere Meinungen einfach wegschaltet ist das Gift für die Demokratie. Sie schaufeln selbst an dem Grab in dem die Pressefreiheit eines Tages beerdigt werden wird.

  10. Maria van Straelen

    Nicht zu glauben hier, alles Trump-Verteidiger oder was ? Niemals hat ein Präsident so pöpelhaft, tiefst beleidigend und ekelhaft gelogen, wie dieser lächerliche Psychopat. Lesen Sie nur mal einen einzigen Tweet von ihm, z.B. den bisher letzten, wo er indirekt zugibt, dass Biden gewonnen hat. Eine Schande für die Menschheit und die weiße Rasse, die er über alles stellt. Und es ist mitnichten vorbei. Er wird weiter Lügen twittern und Hass verbreiten und seine Gefolgschaft aufputschen, um mit Waffen durch die Städte zu ziehen.

  11. Ludwig Gielen

    Sehr geehrte Frau Van Straelen, Sie treffen mit Ihrem Kommentar den Nagel, zu 100 Prozent, auf den Kopf. Ich freue mich auf die Zeit wo dieser Idiot und diese „hässliche Fratze“ nicht mehr in den Schlagzeilen auftaucht. Er hat in 2016 ja schon verkündet, dass er das damalige Wahlresultat nur anerkennen würde wenn er gewinnt. Noch Fragen?

  12. Lutz-René Jusczyk

    Die entscheidende Frage ist: Wie konnte jemand wie Trump Präsident des mächtigsten Landes der Erde werden und wieso halten noch immer fast die Hälfte der US-Amerikaner zu ihm?
    Die Themen „Bildung“ und „Verarmung der einstigen Mittelschicht“ werden dabei vor allem im Fokus stehen.
    Die Wurzeln der Entwicklung reichen m.E. zurück bis in die Reagan-Ära.
    Dass es auch anders gehen konnte, zeigt ein Blick auf Kanada: Der Lebensstandard dort ist inzwischen höher als in den USA, was auch Auswirkungen auf die Lebenserwartung hat: Kanadier leben im Schnitt drei Jahre länger als US-Amerikaner.

  13. Guido Scholzen

    Das Land lebt auf Pump. Das Grundproblem in den USA ist die hohe Verschuldung vom Studenten bis zum Föderalstaat.
    Obama konnte es nicht lösen, Trump wollte es nicht lösen, Berufspolitiker Biden wird um den heißen Brei herumreden.

  14. Werner Radermacher

    Aber bei allem Jubel sollte nicht vergessen werden, das Joe Biden, der von 1973 bis 2009 im Senat war, für alle US – Kriege gestimmt hat – auch für den Irak Krieg.

  15. Jean-Pierre DRESCHER

    „Aber bei allem Jubel sollte nicht vergessen werden, das Joe Biden, der von 1973 bis 2009 im Senat war, für alle US – Kriege gestimmt hat – auch für den Irak Krieg.“

    Das wird unseren EU-Automaten, f*hrerhörig wie es nicht besser sein kann, vom linken Ohr zum rechten Ohr wieder rausgehen. Nach politisch RECHTS. Man muss echt Angst haben vor solchen Opportunisten, weil man nie weiß, zu was die als nächstes noch bereit sein werden gegen ihre „Opfer“ zu tun, wenn das Fernsehen aus Paris, Brüssel und Berlin etwas neues erzählt (Milgram-Experiment!).

    Wie gesagt, die haben nichts gelernt aus der finsteren Geschichte Europas von 1.400 bis zum heutigen Tag. Anständige Menschen würden erstmal sämtlichen Opfern von 600 Jahren westeuropäischer Kolonialtreiberei standardverzinst Reparationen zahlen nach deutschem Vorbild, bevor man sich in die Politik der befreiten Nationen aus Übersee einmischt, als jemand der auch noch angeblich immer alles besser weiß wie die übrige Welt.