Kommentar: Entscheiden wir selbst!

Mit Spannung werden sie erwartet, die Mitteilungen aus Brüssel - bis vor kurzem noch vom Nationalen Sicherheitsrat, mittlerweile aus dem Konzertierungsausschuss zwischen den verschiedenen Regierungen des Landes. Was in der Konsequenz nicht so viel ändert. Und eigentlich wissen wir selbst doch längst, worauf es ankommt.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Wer den Ernst der Lage jetzt noch nicht erkannt hat, dem ist nicht zu helfen. Sprechen wir gar nicht erst von den erschreckenden Zahlen in den Statistiken der Neuinfektionen mit ihren 14-Tage-Inzidenzen. Wer sich trotzdem ein Bild davon machen will: sciensano.be anklicken und dann „German-speaking Community“ oder auch ostbelgienlive.be, die Rubrik: „So sieht die Lage in der Deutschsprachigen Gemeinschaft aus“. Um es kurz zu machen: schlecht!

Sprechen wir von dem, was diese Zahlen mit etwas zeitlicher Verzögerung auslösen. In den Krankenhäusern und in den Alten- und Pflegeheimen haben sie es kommen sehen: Das, was unter anderem bei zügellosen Feiern losgetreten wurde, musste sich über kurz oder lang auch den Weg zu denen bahnen, die es härter trifft.

Dann noch von „angeblich Erkrankten“ zu sprechen, wie es diese Woche in einem wieder gelöschten Online-Kommentar stand, zeugt von Niedertracht, wie es andere Kommentatoren völlig richtig einschätzten.

Wenn ich sehe, wie viel Energie zurzeit in Grabenkämpfe zwischen angeblich „Corona-Gläubigen“ und vorgeblich „Corona-Rebellen“ gesteckt wird, würde ich mir wünschen, dass nur ein Bruchteil davon denen zukäme, die diese Energie derzeit ganz dringend brauchen: Pflegekräfte, Ärzte, Lehrer, Kindergärtnerinnen und all die anderen, die im Frühjahr noch als systemrelevant eingeordnet wurden – zu Recht.

Und auch wenn das jetzt nicht so populär klingt: auch den politischen Entscheidungsträgern. Sicher hätte manches besser laufen können. Sicher hätte sich auch das ein oder andere vorhersehen lassen. Sicher sind wir im Nachhinein schlauer.

Politische Entscheidungen müssen aber immer auch in ihrem Kontext gesehen werden: Nachdem im Februar noch alle glaubten, die Situation im Griff zu haben, konnten sie Mitte März nicht anders, als drastische Ausgangsbeschränkungen zu verhängen. So wie sich die Lage zusehends verbesserte, wäre es nicht mehr zu vertreten gewesen, die lange ersehnten Lockerungen auszuschlagen.

Natürlich warnten da schon Virologen, dass es jederzeit zu einer neuen Welle kommen könne. Tun wir also nicht überrascht. Das Ärgerliche ist ja, dass wir selbst das Gefühl haben, dass es so nicht hätte kommen müssen.

Was ist jetzt von den neuen Maßnahmen zu halten? Den einen gehen sie zu weit, den anderen nicht weit genug. Und angesichts der dramatischen Entwicklung auf den Intensivstationen müssen sie in ein paar Tagen vielleicht schon wieder angepasst werden.

Sie haben aber immerhin das Verdienst, aus der ersten Welle gelernt zu haben: Es wäre sicherer und einfacher, den ganzen Laden zuzumachen. Das Virus auszuhungern. Psychologen können aber ein Lied davon singen, was das anrichtet.

Es ist darum kein Zufall, dass neben den schon bekannten Prioritäten: Krankenhäuser, Schulen, Unternehmen diesmal gleich mehrfach und ausdrücklich das geistige und seelische Wohlbefinden genannt wurde.

Mit dem klaren Bekenntnis, Kinder und Jugendlichen so viel Austausch und Bestätigung unter ihresgleichen wie möglich zu erlauben, haben die Politiker außerdem ein Zeichen gesetzt: für die Zukunft, für Sportvereine, für Jugendgruppen und dafür, dass die Schulen eben mehr sind als eine „Verwahranstalt“.

Nun haben die letzten Wochen schon gezeigt, dass es alles andere als selbstverständlich ist, den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Umso mehr sollten wir alle dazu beitragen. Und dabei sollten wir uns nicht dümmer stellen als wir sind.

In „Le Soir“ greift Béatrice Delvaux einen interessanten Vorschlag des Epidemiologen Yves Coppieters zum Perspektivwechsel auf: Warum sich nicht gleich selbst einen persönlichen Lockdown auferlegen. So weit muss man ja gar nicht gehen. Aber so wenig Kontakte wie möglich und Hygiene – Maske – Abstand halten – das kriegt doch wohl noch jeder hin, oder? Und es gibt das gute Gefühl, selbst entscheiden zu können. Das, so wird Ihnen jeder Psychologe sagen, ist ungeheuer gut für das geistige und seelische Wohlbefinden.

Stephan Pesch

10 Kommentare
  1. Maeggy Rossberg

    Sehr guter Kommentar

    Alles auf den Punkt gebracht
    Wer jetzt noch nicht aufgewacht ist dem ist nicht zu helfen. Wir müssen Eigenverantwortung übernehmen und jeden in die Schranken weisen der immer noch behauptet corona sei nichts anderes als eine Grippe

  2. Dieter Leonard

    Guter Kommentar, Stephan!

    Leider ist der von Yves Coppetiers vorgeschlagene Perspektivwechsel reines Wunschdenken.

    Allein an der völlig unfruchtbaren aber m.E. notwendigen Auseinandersetzung zwischen „Corona-Gläubigen“ und „Corona-Rebellen“ lässt sich ableiten, dass ein Teil der Gesellschaft zu diesem Perspektivwechsel nicht fähig ist. Ein anderer Teil suhlt sich geradezu in seiner verblendeten eindimensionalen Perspektive.

    Ja, jegliche staatliche Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie wäre überflüssig, würde sich jeder auch ohne Lockdown zum Wohle aller zurücknehmen.
    Dies mag in Ländern, in denen Vertrauen zu den staatlichen Instanzen herrscht ja ggf. funktionieren, aber in Belgien?

    Ohne weiterreichende restriktive Maßnahmen werden wir aus diesem Albtraum so schnell nicht erwachen. Der GE-Chefredakteur hat heute selbstkritisch eingeräumt, dass er die Eigenverantwortung der Bevölkerung in just dieser Frage in den letzten Monaten wohl falsch eingeschätzt hat.

    Daran wird leider weder De Croo noch Coppetiers etwas ändern können, so sehr wir uns dies auch wünschen.
    Warum schweigt zur Zeit eigentlich unser Staatsoberhaupt in allen 3 Landessprachen?

  3. marcel Scholzen eimerscheid

    Guter Kommentar Herr Pesch.
    Wenn jeder nur noch das Haus verlassen würde, um wirklich notwendiges zu erledigen, wäre die Lage besser.

    Das mangelnde Vertrauen in den Staat ist nun zum wirklichen Problem geworden. Das sollte zu denken geben. „Die da oben“ sollten sich mal Gedanken machen darüber. Nun offenbart sich das Wesen des belgischen Staates. Es ist ein Staat aber keine Nation im üblichen Sinne wie etwa Frankreich oder die Niederlande.

  4. ROLAND LEJEUNE

    Herr Pesch,

    Ein sehr guter Kommentar 🙂

  5. Uwe Chemnitz

    Ganz meine Meinung, Herr Pesch!

    Egal welche Beschränkungen der Staat erlässt, kann man sich doch informieren:
    und das bitte aus seriösen Quellen.
    Was ich für immens wichtig halte: ich kann mich und Andere durch bestimmte
    Regeln schützen, die, so meine ich nicht die persönliche Freiheit einschränken.
    Und wenn der Staat sagt, privat nicht mehr als 1,2 Kontaktpersonen, Kirmes mit bis 200 Leuten ist hingegen erlaubt, dann ist klar…man kann schon des Öfteren zweifeln,bezüglich der Maßnahmen, aber mit klarem Verstand sagt man sich:
    Nein, das verkneif ich mir.
    Bleiben Sie alle gesund!

  6. Andrea Meessen

    Ich will !
    Ich kann !
    Ich tue !
    Kleine Selbstmotavition hat schon immer in allen Lebenslagen geholfen.
    Ich befolge gerne die AHAL Regeln
    Ich schütze mich und dadurch Andere.
    Ja es ist höchste Zeit zum Perspektivenwechsel!
    Guter Kommentar Herr Pesch!

  7. Ulla Roder

    Über den Staat wird immer geschimpft, das ist auch nicht ok. (ich wollte nicht in deren Haut stecken!)
    Ich informiere mich, versuche, auf dem Laufenden zu bleiben, überlege logisch und bin vorsichtig, schütze mich und andere, so gut es geht – Punkt!
    Außerdem wäre es ein Schlag ins Gesicht aller, die sich im Gesundheitswesen und bei der Versorgung für die Gemeinschaft abrackern, für alle, die Todesfälle zu beklagen haben, wenn ich momentan rücksichtslos egoistisch leben würde, als wär alles wie immer.
    Ihr Leugner und Verharmloser: denkt doch bitte auch mal an diese Mitmenschen!

  8. Benoni Beheyt

    Hallo zusammen.
    Die Meinungen der Herren Pint und Pesch treffen mal wieder voll ins Schwarze , das nenne Ich sauberen Journalismus vom feinsten und druckt das aus wie die Reale Situation momentan ist.
    Ein Vorschlag zum Thema Kakophonie : Wenn schon unterschiedliche teils Restrictive Maßnahmen fast tägliche kost wird ,dann bitte schön machen wir doch in der DG unsere eigene Suppe !
    Vorschläge für alternativen zur Besserung der Lage wäre : (1) Jede Gemeinde organisiert eine mobile Einheit die JEDES Dorf anfährt und es möglich macht Über Schnelltests die pers. zu testen die das wollen,somit Hätten viele endlich eine Gewissheit wo sie gerade stehen.(2) Zelte ob Hilfswerk/rote Kreuz/Armee an Allen Kita,s Schulen Heimen uvm. an denn Eingängen auf stellen und testen (täglich) (3) Unternehmen aller art sowie Gastro/Sport etc. Schnelltests bekommen.
    Teilz. ü Arbeitslose nach Schulung mit ins Boot nehmen (freiwillig) mit Lohn

    Weitere Vorschläge ?

  9. Joseph Michels

    Sehr geehrter Herr Beheyt ,
    Danke für Ihre schwachsinnigen Vorschläge. Vom Feinsten !
    Mein Vorschlag : Lockdown aller Kommentare in allen Medien für 1 Monat. Mindestens. Es ist alles gesagt worden.

  10. Benoni Beheyt

    Sehr geehrter Herr Michels
    Mir ging es darum , Denkanstöße zur Verbesserung der momentane und Zukünftige Lage zu Verkünden , einfach nur mal nicht rumhacken sondern konstruktiv Vorschläge an den Tag zu bringen. Mögen diese dann auch schwachsinnig sein für Sie oder andere , so kann der eine oder andere evtl. etwas positives herauspicken.
    Scheinbar ist ja genug Schutzmaterial vorhanden. „so mein Gedankengang“.
    Ein Lockdown in allen Kommentaren aller Medien ?
    Das ist Schwachsinn .