Kommentar: Die Grenzen des Bürgersinns

Sollte sich keine Trendumkehr bei den wichtigsten Corona-Parametern einstellen, dann bleiben nur noch strikte Ausgangsbeschränkungen wie im März und April. Und das wäre eine Katastrophe für das ganze Land, seine Wirtschaft und jeden einzelnen Bürger. Eins muss man aber leider feststellen: Das Ganze hat nur sehr bedingt mit Pech oder Schicksal zu tun.

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel (Bild: Achim Nelles/BRF)

Es ist zum Verzweifeln. Wie es Het Laatste Nieuws schon richtig auf den Punkt brachte: Man wagt es kaum noch, am Morgen auf sein Handy zu gucken, weil gleich der Blick auf die neuesten Eilmeldungen über das Infektionsgeschehen im Land fällt. Seit zwei, drei Wochen überschlagen sich die Zahlen förmlich. Zuletzt gab es 10.000 Neuinfektionen in Belgien; an einem Tag. In Deutschland, das immerhin fast acht Mal mehr Einwohner zählt, wurden die Gesundheitsbehörden schon nervös, als die Zahl der Ansteckungen die 4.000er-Schwelle überschritten hatte.

Die belgischen Zahlen sind katastrophal. Alle Zahlen. Die maßgeblichen Parameter sind ausnahmslos im roten Bereich. Schlimmer geht kaum noch. „Panikmache!“, wird jetzt schon wieder der eine oder andere gereizt erwidern. Panikmache? Ach ja? Ist es nicht besorgniserregend, wenn die Zahl der Covid-Patienten in den Krankenhäusern und in den Intensivstationen sich innerhalb von weniger als zwei Wochen verdoppelt? Diese Zahlen sprechen doch für sich, oder sind diese Patienten keine Tatsache? Bleibt es bei den aktuellen Steigerungsraten, dann sind die Krankenhäuser Mitte November voll. Voll! Das heißt: Kein Platz mehr für neue Patienten, ob nun Covid-Erkrankte oder andere, die dringend Hilfe brauchen. Wer angesichts dieser Aussichten den Ernst der Lage nicht erkennen will, der nimmt de facto eine Situation in Kauf, in der kranken oder verletzten Menschen nicht mehr geholfen werden kann.

Keine Frage also, hier muss gegengesteuert werden. Ist die Vorstellung angenehm? Nein! Das ist sie nicht. Für niemanden. Denn die nächsten Wochen werden mit Einschränkungen verbunden sein. Staatlich verordneten Einschränkungen. Denn, anders geht es anscheinend nicht.

Das ist vielleicht die bitterste Erkenntnis: Allein auf den Bürgersinn, das Verantwortungsbewusstsein eines jeden zu setzen, das reicht nicht. Leider. Klar: In einer idealen Welt ist jeder einzelne Bürger so verantwortungsbewusst, dass er selbst am besten weiß, wo er seine Grenzen setzen muss. Nun ist es so, dass in den letzten Wochen quasi Laborbedingungen herrschten für einen Feldversuch. Man konnte den Eindruck haben, dass die Corona-Regeln, naja, nicht mehr so ernst genommen werden mussten.

Dieses Gefühl haben die Behörden unfreiwillig noch befeuert, mit ihrer katastrophal kakophonischen Kommunikation. Verworren, widersprüchlich, überlappend, so musste das Ganze empfunden werden. Man sah vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Denn, man vergisst viel zu häufig, dass viele Bürger einfach nicht den Unterschied machen, wer da gerade kommuniziert: der Föderalstaat, die Region, die Gemeinschaft, die Gemeinde… Dass einige Maßnahmen als „ergänzend“ verstanden werden mussten, das ist wohl nicht zu jedem durchgedrungen. Der allgemeine Eindruck war jedenfalls: Chaos. In einem solchen Moment kommt es also darauf an, dass jeder Bürger letztlich aus eigenem Antrieb doch das richtige tut. Bürgersinn eben. Doch dieser Praxistest ist kläglich gescheitert. Der Beweis, das sind schlicht und einfach die aktuellen Zahlen.

Hier geht es nicht darum, die eine oder andere Altersgruppe, die eine oder andere Stadt oder Region an den Pranger zu stellen. Der kleinste gemeinsame Nenner ist wohl, dass eine zu große Gruppe von Menschen sich offensichtlich nicht oder nur halbherzig an die famosen „Goldenen Regeln“ gehalten hat. Manche, weil sie nachlässig geworden sind, andere, weil sie – aus teilweise für Normalsterbliche kaum verständlichen Gründen – das Ganze für „Quatsch“ halten. Umso ungerechter muss sich das Lockdown-Damoklesschwert für all diejenigen anfühlen, die sich eben an die Regeln gehalten haben, vor allem für die Unternehmen und Selbstständigen, die alles getan und auch Geld in die Hand genommen haben, um den Hygiene-Vorschriften zu genügen.

Also, der Staat muss es richten. Denn, nochmals: Die Situation so weiterlaufen zu lassen, das ist keine Option, weil das unschuldige Menschenleben fordern würde. Und in der jetzigen Lage gibt es nur eine Möglichkeit: Es müssen Beschränkungen erlassen werden. Ja, es stimmt: Das bedeutet, dass Grundrechte beschnitten werden müssen, zeitweilig beschnitten, wohlgemerkt.

Dazu nur so viel: Man muss vor Augen haben, dass ein einzelnes Grundrecht per se und für sich allein niemals absolut sein kann. Grundrechte gehen nur so weit, bis ein anderes Grundrecht tangiert wird. Konkret: Das Recht auf Bewegungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und alle Rechte, die man sonst noch so als beschnitten betrachten will, diese Einschränkungen passieren nur, um andere, fundamentale Grundrechte gewährleisten zu können: allen voran den Schutz des Lebens, insbesondere das der Schwächeren.

Nicht vergessen: Allein in Belgien hat Covid-19 über 10.000 Menschenleben gefordert. Die durch das Coronavirus verursachte Übersterblichkeit ist eine unumstößliche, statistisch belegte Tatsache. In (etwas) weiterem Sinne ist hier auch gleich das Recht auf ärztliche Versorgung tangiert, Artikel 25 der Menschenrechtscharta.

Die nächsten Wochen werden eine Gratwanderung sein: Wir müssen die Kurve abflachen, um das Gesundheitssystem und damit Menschenleben zu retten. Und gleichzeitig muss dabei alles getan werden, damit die Schulen offen bleiben können und sich der Schaden für die Wirtschaft, und damit verbunden für den Arbeitsmarkt, zumindest „halbwegs“ in Grenzen hält. Und das Ganze auch noch mit einem Augenmerk auf die mentale Gesundheit der vielen Menschen, denen entweder neuer, enorm hoher Arbeitsdruck oder eine neue Periode der Einsamkeit droht.

Vielleicht sollten wir es doch nochmal mit Bürgersinn und Solidarität versuchen…

Roger Pint

22 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    BRAVO! 👍

  2. Dreuw Helga

    Vielen Dank für Ihre Einschätzung, sie haben es auf den Punkt gebracht.

  3. Michael Fluck

    Uneingeschränkte Zustimmung! Wir haben es alle in der Hand. Aber wenn sich manche da ausnehmen, dann trifft auch das ALLE. Die Corona-Pandemie legt offen, wieviele Menschen nur an sich denken! Zum Glück zeigt es aber auch, dass noch viel mehr auch ausgesprochen solidarisch sind. Das Gute in uns überwiegt immer noch.

  4. Siegfried Mreyen

    Zum wiederholten Male: Ein herrvorragender Kommentar Herr Pint!!
    Die Dinge treffend auf den Punkt gebracht. Hoffentlich nehmen sich viele Menschen ihre Worte zu Herzen.

  5. Viktor Krings

    A propos Kommunikation:
    Der Sicherheitsrat findet es ja noch nicht mal notwendig, die Pressekonferenz zeitgleich in deutscher Sprache zu übersetzen.
    Tolle Kommunikation.

  6. Irene Jansen

    In manchen Gemeinden wird zur selben Zeit Kirmes gefeiert….

  7. Jean-Pierre DRESCHER

    Man wundert sich schon sehr, dass in der Wallonie oder sogar der gesamten Föderation die Großfamilien selbst jetzt immer noch einfach so wilde Kirmesparty in ihrem Dorf feiern dürfen, während Selbständige, Künstler und Kneipeneigentümer um ihre Existenz gebracht werden.

    Noch mehr wundert mich, dass bezahlte Extremsportler von sämtlichen Einschränkungen komplett freigestellt sind. Erste Division A Fußball läuft einfach weiter, Tour de France, Giro und was weiß ich sonst noch ebenso als wäre Corona nichts als ein einziger Fake der UN.

  8. Alfons Velz

    vielen Dank für Ihren ausgewogenen und von wirklichem Būrgersinn geprägtem Beitrag, Herr Pint !

  9. Norbert Schleck

    @J.-P. Drescher
    „die Großfamilien selbst jetzt immer noch einfach so wilde Kirmesparty in ihrem Dorf feiern dürfen,“

    Wer sind denn diese „Großfamilien“, die in Recht und Bütgenbach/Weywertz „wilde Kirmespartys“ gefeiert haben?

    Wird dieser Begriff nicht sofort mit Ausländern, Muslimen, Zugewanderten, Flüchtlingen, Asylanten, Clans, Sippen, Sinti und Roma („Zigeuner“) in Verbindung gebracht?

    Und die sollen in den genannten Orten rauschende Kirmesfeste gefeiert haben?

    Nein, es waren die jungen und weniger jungen Einheimischen, die da nicht erst seit jetzt feuchtfröhlich in gar nicht so kleinem Kreis gefeiert haben.
    Die ihre Betriebs- und Familienfeiern ins benachbarte Ausland verlagert haben, wo die Bestimmungen weniger streng waren.

    Wer sich etwas in der Eifel umhört, erfährt da so manches.
    Vom verantwortungsbewussten Bürger, der so oft beschworen wird, bleibt nicht viel.

    Neuester Trick, der kursiert: Treffen am Abend, feiern bis spät nach Mitternacht, im Schlafsack übernachten und morgens nach dem gemeinsamen Frühstück heimfahren. Nur den Wagen bitte nicht gerade vor dem betreffenden Haus abstellen.

  10. Marita Eichten

    Mit dem Bürgersinn ist das so eine Sache. Auch der Einkauf ist auch nicht so ohne. In der Eifel herrschte ein Riesen Schlendrian. Wenn das Verkaufspersonal die Masken symbolisch anhat,Maske nur auf dem Mund oder das neueste ein Faceshield weit nach oben aufgerichtet, dann kann ich dazu nichts mehr sagen! Wenn die Desinfektion des Einkaufswagen einfach nur ein grosses Infektionsrisiko birgt, dann läuft einfach etwas verkehrt. Da hilft einfach nur noch sich selbst schützen. Man darf nicht alles auf die Jugend schieben. Denn sie sind nicht schuld an dieser Misere. Die schulpflichtigen Jugendlichen fahren in völlig überfüllten Schulbussen. Da helfen die Masken auch nichts mehr. Auch Jugendliche werden krank. Oder der Jugendliche, der nichts spürt geht Samstags zu seiner Oma und schon ist es passiert.

  11. Guido Scholzen

    Was wir hier sehen, ist die natürliche Verbreitung eines Virus.
    Und wer glaubt, dass die nun neuen Maßnahmen (ein verdeckter Lockdown?) dieses ausbremsen könnte, lebt genau so gefährlich wie vorher auch.
    -Wurde denn bestätigt, dass Restaurants haufenweise als Virenschleudern fungierten?
    -Lässt sich ein Virus durch eine zeitliche Ausgangssperre aufhalten?
    -Jede Person darf höchstens noch einen engen Kontakt („Kuschelkontakt“) außerhalb des eigenen Haushalts haben. Das ist unrealistisch!
    -Den meisten Kontakt haben die Menschen auf der Arbeit, ob mit oder ohne Maske. Nicht in der Freizeit.

    Die Regierung muss ja irgend etwas machen…

    Fragestellung:
    Stimmt es, dass Corona-positiv getestete Intensiv-Patienten aus Regional-Krankenhäusern in die Hospitäler der großen Städte verlegt werden, so dass die Intensiv-Stationen dort schneller voll und überlasteter sind als anderswo?

  12. Dieter Feidler

    Ich warte auf die Lösungsvorschläge. Sehr geehrter Herr Scholzen bitte nennen Sie Maßnahmen die uns weiterbringen statt Ihrer ständigen Sesinformationen hier im Forum! Ich danke Ihnen bereits jetzt. Vielen Dank
    Beste Grüße
    Dieter Feidler

  13. Anja Wotschke

    Werter DIETER FEIDLER, denke es stellen sich viele die gleichen Fragen wie Herr Scholzen und diese sind m. E. nach auch teils berechtigt. Sich über Sinn oder Unsinn der aktuellen Massnahmen zu streiten ist zwecklos und viele haben jetzt erst recht Angst vor der Zukunft und dem was da noch kommen mag und ua es sind nicht nur die kirmesse schuld an irgendwas was man nicht sieht sondern es spielen viele andere Faktoren mit, besonders wenn es heißt über 10.000 Neuinfektionrn usw pro Tag, waren die denn alle hier in der Region auf ner kirmes ? Wo kommen diese Fälle her?

  14. Guido Scholzen

    Herr Feidler,
    Die meisten Opfer sind alte Menschen und Menschen mit Atemwegserkrankungen.
    Diese Risiko-Gruppen sollten durch AHA-Regelung geschützt werden.
    Fertig.
    Und ansonsten würde ich nichts besonders regeln. Nicht in Supermärkten, nicht in Schulen, und nichts in Restaurants, ausser diese Institutionen machen eigene Regelungen. (politisch bin ich ein Liberaler)
    Es ist meiner Meinung nach ein Aberglaube, dass es Regierungsmaßnahmen geben kann, die wirklich einen solchen Virus ausbremsen könnten, solange es keine Medikation gibt.

  15. Dieter Leonard

    Regierungsentscheidungen und angepasste individuelle Verhaltensweisen haben weltweit gezeigt, dass das Virus eingedämmt werden kann.
    Das Virus „ernährt“ sich von menschlichen Kontakten und kann nur durch die Übertragung von Mensch zu Mensch überleben.

    Würde man ( was selbstverständlich unmöglich ist) alle menschlichen Kontakte weltweit unterbinden oder derart gestalten, dass das Virus sich nicht von Wirt zu Wirt überträgt, wäre es in einigen Wochen von unserem Planeten verschwunden.

    Da es sich um ein hoch infektiöses Virus handelt, findet angesichts der Sorglosigkeit der Menschen zur Zeit eine exponentielle (!!!) Verbreitung statt, die in Kürze droht, die Kapazitäten der Krankenhäuser zu überfordern.

    Dies ist alles seit Monaten bekannt und wird von Herr Scholzen geleugnet: „Coronaquatsch!“

    Das Virus ernährt sich durch menschliche Kontakte, Herr Scholzen von manipulativen Pamphleten.

    Da er nicht eingestehen kann, dass er beim Thema Corona so falsch liegt, wie beim Klimawandel, tritt er die Flucht nach vorne an.

    Immer tiefer in den Sumpf aus Selbstbetrug, Bestätigungsfehlern und Starrsinn.

  16. Frank Jörg Rimbach

    Also Herr Leonard, machen wir am besten einen Weltweiten totalen Shutdown für die nächsten 2 Jahre, Ausgangssperre für alle rund um die Uhr,Kontaktverbote auch unter Nachbarn und Familie und ABC Schutzmasken auch in der Wohnung!!!
    Wäre das was sie sich Wünschen???

  17. Dieter Leonard

    Nein Herr Rimbach. Wir hätten uns nach der 1. Welle und dem 1. Lockdown nur weiter an die Verhaltensregeln halten müssen.
    Wir haben es nicht getan und nur deshalb sind weitere staatliche Maßnahmen notwendig.
    Ein Lockdown oder andere Maßnahmen zur notwendigen (!) Eindämmung der Pandemie, sind die Folge der Uneinsichtigkeit und/oder des Querulantentums eines Teiles der Bevölkerung.
    Es fehlt das Verständnis darüber, welches die Konsequenzen einer exponentiellen Verbreitung des Virus ist. Dies wird uns in den nächsten Tagen schmerzhaft bewusst werden. Auch Ihnen und Herrn Scholzen.

  18. Marcel Scholzen eimerscheid

    Im Prinzip ist es einfach. Man verlässt das Haus nur noch zum Arbeiten und für dringende Besorgungen (Einkaufen, Bank, Arzt, Apotheke).

  19. Dieter Feidler

    Unfassbar was man hier liest. Es klingt fast wie Kommentare eines Satiremagazins.
    Ich bin raus – ich überlasse den Chefsatiriker Herrn Scholzen die Tastatur.
    Ich gehe einen Aluhut basteln.

    Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie die Katastrophe gesundheitlich und finanziell gut überstehen.
    Beste Grüße
    Dieter Feider

  20. Guido Scholzen

    Ich wünsche Ihnen auch alles Gute, Herr Feidler.
    Ich werde auch weiterhin die AHA-Regeln beachten, aber was darüber hinausgeht, da bleibe ich skeptisch.

  21. Gerhard Schmitz

    Drei Fragen an alle leidenschaftlichen Verfechter der Corona-Maßnahmen:

    Frage 1: Habt Ihr ein Smartphone, auf das die Coronalert-App heruntergeladen werden kann?

    Frage 2: Habt Ihr die Coronalert-App auf Euer Smartphone heruntergeladen?

    Frage 3: Begebt Ihr Euch umgehend in 10tägige Quarantäne, wenn die App einen Risikokontakt meldet?

    Wenn Ihr diese drei Fragen mit einem ehrlichen JA beantwortet, ziehe ich meinen Hut vor Euch. Wenn Ihr auch nur eine Frage mit NEIN beantwortet, solltet Ihr dringend von Eurem hohen moralischen Ross heruntersteigen.

    Also, ich höre von Euch.

    PS: Bis heute, nach über drei Wochen, haben erst 1,4 Millionen Belgier die App heruntergeladen.

  22. Paul Deisner

    Hallo, ich befinde mich in Quarantäne weil meine App es angeordnet hat. Ich verstehe Ihre Frage nicht