Kommentar: Bloß nicht alles nachplappern

Der Unmut gegen die Maßnahmen im Zuge der Corona-Krise verschafft sich zusehends Gehör. In Brüssel ist am Sonntag eine Protestaktion geplant, an der auch Ostbelgier teilnehmen wollen. Dieselben machen auf weitere Aktionen, etwa in Berlin, aufmerksam. Und teilen ihre eigene Sicht der Dinge in sozialen Medien. Das kann sehr aufschlussreich sein. Man sollte es sich aber schon genauer anschauen.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

„Wacht endlich auf! Schaltet euer Gehirn ein! Plappert nicht alles nach!“ Diejenigen, die das (vorzugsweise in Social Media) schreiben, sind nicht gerade zimperlich, wenn sie sich an den sogenannten „Mainstream“ richten. Oder, wie sie es umschreiben würden, an die „Masse der schlafenden Schafe“, die sich von Hochfinanz, korrumpierter Polit-Clique und „Lügenpresse“ lenken lassen – unterstützt von einem kleinen Kreis ausgesuchter Virologen, die mit Zahlenspielen jede noch so abstruse Maßnahme durchsetzen helfen, um die Menschen gefügig zu machen.

Ich muss sagen, bei manchen von diesen Predigern mache ich, offen gesagt, sofort dicht – andere Querverweise finde ich ausgesprochen interessant. Denn ich zähle mich auch zu denjenigen, die zugeben, dass sie nicht mit Bestimmtheit sagen können, was es mit dem „neuartigen“ Coronavirus auf sich hat und wie die Geschichte weitergeht. Das gesteht ja auch die überwiegend große Zahl von Politikern und Wissenschaftlern ein, immer und immer wieder.

Das genügt denjenigen aber nicht, die von selbst zur „Wahrheit“ vorgedrungen sind – oder mit Hilfe eines nützlichen Links. Auch da bietet uns das Internet eine unerschöpfliche Quelle der Wissenserweiterung, aber auch hanebüchenen Unsinns und – aufgepasst: gezielter Beeinflussung.

Ein Beispiel: Die Weltgesundheitsorganisation WHO, der ja vorgeworfen wurde, die Ausbreitung des Virus lange unterschätzt zu haben, soll Staatsführern hohe Summen angeboten haben (gestützt von Weltbank und Internationalem Währungsfonds), wenn sie in ihrem Land einen „Lockdown“ nach italienischem Vorbild verhängen würden. So stand es – mit etwas Verzug – Anfang dieses Monats in einem Artikel einer italienischen Plattform, der diese Woche fleißig geteilt wurde. Die zugrundeliegende Agenturmeldung ist schon ein paar Wochen älter, von Mitte Juni, und stammt aus Weißrussland – oder Belarus, wie man richtigerweise sagen sollte. Denn der „Kronzeuge“ ist kein Geringerer als … Alexander Lukaschenko (damals noch mitten im Wahlkampf).

Vielleicht ist die zeitliche Verzögerung ja auch gar keine so schlechte Sache. Denn am Beispiel Lukaschenko können diejenigen, die links und rechts Diktaturen unterschiedlichster Prägung erahnen, gerade jetzt und sehr plastisch sehen, was eine Diktatur ist.

Auch an anderen Stellen blüht in diesen Zeiten die Informationsvielfalt von Blogs oder Internetplattformen, die sich unabhängig und freiheitlich nennen. Kratzt man an der glänzenden Fassade, kommt mitunter ein rechtsextremer Hintergrund zum Vorschein.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist richtig und wichtig, sich mit dem was wir gerade erleben, zu befassen; sowieso immer alles kritisch zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Dazu gehört aber auch, sich die Informationsquelle näher anzuschauen. Und nicht alles nachzuplappern.

Stephan Pesch

7 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    Der Gipfel des intellektuellen Selbstbetrugs ist dann erreicht, wenn Zeitgenossen, die unreflektiert nur das „nachplappern“, was ihnen in den genannten „unabhängig freiheitlichen“ Kanälen an „alternativen Fakten“ präsentiert wird, denjenigen, die für einen gerne kritischen aber verantwortungsbewussten Umgang mit der Pandemie werben, vorwerfen, sie hätten ja nur eine … „mediengemachte Meinung“.
    Verblendeter und einfältiger geht es kaum noch.

    Die „sozialen“ Medien sind leider voll davon und so befruchten sich die „aufgeklärten“ Kämpfer für Freiheit und Selbstbestimmung in ihren Verschwörungsblasen gegenseitig.
    Glücklicherweise bleibt es bisher bei einer krakeelenden aber kleinen Minderheit.

    Auch wenn es mühsam ist, man sollte ihnen weder die Meinungshoheit in den Foren noch auf der Straße überlassen.

  2. Marcel Scholzen eimerscheid

    Man sollte sich mal fragen, warum es soweit gekommen ist, dass viele Menschen an Verschwörungstheorien und andere Märchen glauben. Der Grund ist ziemlich einfach. „Die da oben“ haben viel an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Und das nicht erst seit corona. Zuviel ist passiert in der Vergangenheit.

  3. paula leroy

    MS : Zuviel ist passiert in der Vergangenheit.

    und selbst dann kann man den eigenen Verstand ausschalten und muss irgendwelchen Irren hinterlaufen und sämlichen Unsinn nachplappern ??

  4. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Leroy.

    Gerade jetzt gilt, selbst überlegen und vernünftig zu bleiben. Bei corona ist es verhältnismäßig einfach : Maske tragen und Abstand halten.

    Ansonsten nicht jedes Mädchen glauben. Die Gebrüder Grimm sind schon lange tot. Hier versuchen Leute, politisch Kapital aus der Coronakrise zu schlagen. Genau wie letztes Jahr die Klimaproteste, die auch instrumentalisiert wurden von Linksradikalen mit der Ikone Greta Thunberg.

  5. Lutz-René Jusczyk

    Herr Scholzen Eimerscheid, wer könnte denn Ihrer Meinung nach aus der Krise Kapital schlagen und inwiefern?
    Meines Erachtens beruhen die ganzen Verschwörungsmythen in erster Linie auf einer Corona-Müdigkeit in der Bevölkerung, verbunden mit einer gewissen Leichtgläubigkeit, wobei ich mich offen gestanden nur darüber wundern kann, welcher Unfug in diesem Kontext gerade in sozialen Netzwerken verbreitet wird.
    Eine sachliche Auseinandersetzung ist mit den Corona-Verharmlosern nach meinen Erfahrungen nicht möglich. Das Ganze hat inzwischen fast schon religiöse Züge angenommen.

  6. marcel scholzen eimerscheid

    Werter Herr Jusczyk

    Das ist ein bunter Haufen. Links und Rechtsradikale, Esoteriker, etc. Eben Leute, die, wie Sie richtig feststellen, coronamüde sind. Dazu kommt noch Vertrauensverlust in den Staat. Eine gefährliche Mischung mit Revolutionspotential. So war es auch vor der Französischen Revolution von 1789. Da waren auch die tollsten Gerüchte im Umlauf, die langsam aber sicher den Ruf der Monarchie beschädigt hatten. Eines davon lautet, dass Königin Marie-Antoinette gesagt haben soll : „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen.“.
    Und die Lösung kann nur in glaubwürdiger Politik bestehen. Dazu müsste es in Belgien wieder eine handlungsfähige Regierung geben, die auch ein glaubwürdes Programm hat.

  7. Guido Scholzen

    Es ist aber auch wirklich dumm, dass wir in Corona-Zeiten noch Pluralismus haben, wie schrecklich…😉
    Dann schalten wir ein wenig Nachdenken ein:
    (An Systemtreue wie Herr Leonard: Legen Sie sich schon mal ein Aspirin zur Seite)

    1. Seit Anfang Mai gab’s immer weniger Tote – ohne Maskenpflicht!
    2. Seit 12.Juli haben wir in Belgien Maskenpflicht. Ergebnis: Seitdem steigt die Infektionsrate trotzdem. Komisch, nicht wahr?
    3. Die Infektionszahlen sind also gestiegen trotz Maskenpflicht, aber die Anzahl der Todesfälle nicht dementsprechend. Anfangs zählten nur die Todesfälle. Die scheinen weniger zu interessieren, also her mit den positiv Getesteten.
    4. Mediziner weisen seit Monaten darauf hin, dass 5% bis 20% der Tests falsch-positiv oder falsch-negativ sein können. Aber Politik+Presse tuen so, als wäre dieser Test so sicher wie ein Schwangerschaftstest.
    5. Als Corona-Maßnahmen-Kritiker wird man mit Trump-Bolsonaro-Lukaschenko gleichgesetzt. Nichts ist falscher als das. Warum vergleicht die Presse nicht Merkel-Wilmès-Macron mit Trump-Bolsonaro-Lukaschenko? Es ist nur die andere Seite derselben Münze: Politische Inkompetenz.