Kommentar: Darf’s ein bisschen mehr sein?

Der Blick zu unseren deutschen Nachbarn zeigt, dass die Epidemie nicht vorbei ist. Und damit auch der Rückgriff auf Mittel wie einen Lockdown - mit Menschen, die hinter Bauzäunen weggesperrt werden. Der Skandal liegt gar nicht einmal so sehr in der Frage, wie das geschehen konnte. Skandalös ist, dass die gravierenden Missstände in der Fleischindustrie erst jetzt wahrgenommen werden.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Der Mann bietet genügend Angriffsfläche. Nicht nur, dass Clemens Tönnies als Aufsichtsratsvorsitzender des Clubs von vielen Schalke-Fans gehasst wird. Mit seinem ausgesprochen dämlichen Spruch über „die“ in Afrika war er vergangenes Jahr ins Kreuzfeuer der öffentlichen Meinung geraten. Nach einer dreimonatigen Schamfrist war er wieder da, als ob nichts gewesen wäre.

Das dürfte diesmal anders sein. Denn der massive Corona-Ausbruch im Stammwerk seines Familienunternehmens trifft nicht nur die betroffenen Werksvertragsmitarbeiter und ihr Umfeld. Dass sie die Gelackmeierten sind – in jeder Hinsicht – steht außer Frage. Zu allererst durften sie sich den vom Ministerpräsidenten höchst persönlich verpassten Schuh anziehen, das Virus eingeschleppt zu haben. Das klassische Sündenbock-Prinzip.

Irgendwo müssen sie sich angesteckt haben. Mittlerweile zeigt sich aber, dass es vermutlich eher Kontakte mit Beschäftigten anderer Fleischfabriken waren – privat oder beruflich: Werkvertragsarbeiter werden von Subunternehmen nach Bedarf hin- und hergeschoben. Bei Westfleisch oder Westcrown hatte es vorher ähnliche Ausbrüche gegeben.

Dass es zu der rasanten Verbreitung mit mehr als 1.500 Infizierten bei Tönnies kam, heißt es nun, könnte möglicherweise auch an der Lüftung in den gekühlten Räumen gelegen haben. Ganz offensichtlich sind aber weder die Arbeitsbedingungen in Ordnung noch die Unterbringung der Arbeiter. Und das soll sich nun „dank“ Corona ändern?

Dabei sind die ausbeuterischen Verhältnisse, über die sich jetzt alle – zu Recht – empören, seit langem bekannt. In Deutschland sowieso. Aber auch hierzulande – ganz offiziell, meine ich. Vor sieben Jahren, noch unter der Regierung von Elio Di Rupo, wunderten sich die Minister für Wirtschaft und Beschäftigung, Johan Vande Lanotte und Monica De Coninck, warum in Belgien geschlachtete Tiere in Deutschland zerlegt wurden, ehe sie hier wieder in der Auslage landeten. (Das ist ein bisschen wie mit den Crevetten aus der Nordsee, die in Marokko gepult werden.) Ein Schwein zu zerlegen kostete damals, 2013, in Belgien 4,50 Euro, in Deutschland dagegen nur 1,66 Euro.

Die beiden Minister waren extra nach Hannover gefahren, um sich aus erster Hand zu informieren. Sie legten bei der EU-Kommission Beschwerde ein wegen unlauterer Konkurrenz … Was daraus geworden ist, sehen wir jetzt.

Nun wollen wir nicht auf dem hohen Ross sitzen: Die kriminellen Machenschaften der flämischen Tierhormonmafia, der Fleischskandal von Bastogne, Bilder von Tiermisshandlungen in Schlachthöfen und Mastbetrieben sind uns nur allzu gegenwärtig.

Dabei geht’s nur um den Profit. Denn um lokale Arbeitsplätze kann es nicht gehen, wenn osteuropäische Arbeiter für wenig Geld und unzumutbare Arbeits- und Wohnbedingungen das System am Leben halten müssen. Noch viel perfider ist das Argument, dass sich bei höheren Preisen nicht jede Familie Fleisch leisten könne. Hier wird angeblich Soziales mit Unsozialem vergolten – schämt euch! Die Diskussion über das Tierwohl wollen wir hier erst gar nicht eröffnen.

Ach ja, und was Clemens Tönnies angeht: Er hat vor ein paar Tagen groß getönt, dass er die Branche jetzt verändern wolle. Blöd nur, dass sein Neffe und Mitgesellschafter Robert ihm den ehrlichen Willen dazu absprach. Wo gerade links und rechts Denkmäler gestürzt werden: Clemens Tönnies hat den Vorteil, dass er freiwillig von der Bühne abtreten kann.

Stephan Pesch

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