Kommentar: Kommunikations-Kakophonie, wissenschaftliche Unschärfe und politische Verantwortung

"Des einen Glück, des anderen Wut", schreibt die Zeitung Le Soir und fasst damit die Ereignisse der letzten Tage und die damit verbundenen Emotionen wohl treffend zusammen. Die Rede ist von den Lockerungen der Vorsichtsmaßnahmen, die ab der kommenden Woche in den Schulen gelten werden. Die Entscheidung wird sehr unterschiedlich bewertet: Die einen freuen sich, dass wesentlich mehr Kinder und Jugendliche endlich wieder zur Schule gehen können. Andere halten die Maßnahme für überhastet und unvorsichtig. In jedem Fall hat die Politik hier ihre Verantwortung übernommen. Das ist gut so, nur sollten sich die Entscheidungsträger beizeiten daran erinnern, meint Roger Pint in seinem Kommentar.

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel (Bild: Achim Nelles/BRF)

„Wie bitte?“, wird sich wohl der eine oder andere gedacht haben, der vielleicht das schöne Wetter draußen in der Hängematte genossen und sich eine Medienpause gegönnt hatte. „Wie bitte?“. Auf einmal werden die Vorsichtsmaßnahmen in den Schulen spürbar gelockert, können wesentlich mehr Schüler wieder in die Klassen zurückkehren. „Was ist denn da passiert?“, fragten sich viele. Angefangen bei den Betroffenen selbst.

Das Ganze hatte nämlich nicht nur besagten Sonnenanbeter in seiner Hängematte kalt erwischt, sondern auch viele Schulen. Vor weniger als zwei Wochen waren die erst wieder für einen Notbetrieb geöffnet worden. Begleitet von einer ganzen Latte von Vorsichtsmaßnahmen, deren Umsetzung den Schulen mitunter erhebliche Kopfzerbrechen bereitet hatten. Es galt unter anderem die „Vier-Quadratmeter-Regel“, die also die Zahl der Schüler pro Klasse definierte.

Zehn Tage später ist vieles davon weg. Einfach weg. Gilt nicht mehr. Im Papierkorb der Geschichte. Nicht verwunderlich, dass sich da so manche Schulleitung, vornehm ausgedrückt, vergackeiert fühlt.

„Das hätte man eleganter hinkriegen können“, das dürften wohl alle Beteiligten einräumen. Wobei: Vieles liegt im Auge des Betrachters, denn die ganze Geschichte hat mehrere Facetten.

Wenn man etwa allein auf das Resultat blickt, dann können viele der Entscheidung wohl was abgewinnen. „Hauptsache, die Kinder und Jugendlichen können endlich wieder zur Schule“. Ja! Das kann man so sehen. Und genau das hatten insbesondere auch fast 300 Kinderärzte in einem offenen Brief gefordert. Sie hatten vor den psychischen Folgen der langen Ausgangsbeschränkungen für die Kinder und Jugendlichen gewarnt. Was umso tragischer sei, als Kinder definitiv nicht der Motor der Epidemie seien. Nach den Worten unter anderem der frankophonen Unterrichtsministerin Caroline Désir war es vor allem dieser Appell der Kinderärzte, der letztlich das Umdenken beschleunigt habe.

Das ist aber nur eine, die – sagen wir – „helle“ Seite der Medaille.

Denn: Der positive Effekt ist von Nebenwirkungen begleitet, von denen einige langfristig durchaus problematische Auswirkungen haben können.
Angefangen damit, dass hier ein Eindruck von „Relativität“ entsteht, mancher würde sagen: Willkür. Nach dem Motto: „Unbedingt nötig sind sanitäre Schutzmaßnahmen offensichtlich auch nur so lange, wie sie nicht für zu viele praktische Probleme sorgen“. Konkret: Wie kann man den Menschen erklären, dass die Regeln, die am 18. Mai in Stein gemeißelt schienen, dass die 10 Tage später plötzlich nicht mehr gelten? Wer sich da wie ein Hampelmann vorkommt, nun, man kann es ihm nicht verdenken. Natürlich liegt das auch in der Natur der Sache: Die Wissenschaft lernt bei dieser Epidemie jeden Tag hinzu. Unschärfe ist kein Zeichen von Schwäche, sondern liegt im Wesen des wissenschaftlichen Forschungsprozesses. Nur Verschwörungserzählungen sind von Anfang an aus einem Guss. Dennoch: Auch den Experten des wissenschaftlichen Beratergremiums GEES fiel es in Medieninterviews sichtbar schwer, diesen Sinneswandel plausibel darzulegen.

Im Grunde ehrt es die Wissenschaftler, dass sie es überhaupt versucht haben. Denn: Wie aus diversen Medienberichten hervorgeht, sind sie insbesondere vom flämischen Unterrichtsminister Ben Weyts regelrecht überfahren worden. Der N-VA-Politiker war einfach nach vorne geprescht; und die Virologen mussten dann quasi den Fakten hinterherlaufen; es wirkte fast, als würden sie Rechtfertigungen lediglich „nachliefern“. Die Zeitung La Libre Belgique unterstellt Weyts dabei äußerst niedere Absichten: Er habe lediglich den Föderalstaat vorführen und die Frankophonen lächerlich machen wollen.

Ob er nun Spielchen gespielt hat oder nicht, Fakt ist, dass Weyts wesentlich dazu beigetragen hat, dass das Ganze zum erneuten Kommunikations-Chaos geriet; viele Betroffenen erfuhren diese doch bedeutenden Neuigkeiten zunächst aus den Medien.

Beides, also einmal der Eindruck von Relativität, und dann noch die Kakophonie, beides ist nicht gerade vertrauensförderlich. Man muss nicht fragen, wie diese Episode etwa im Restaurant- und Gaststättengewerbe angekommen ist; oder in anderen Sektoren, die sich vergessen fühlen. Da gab es wohl Reaktionen nach dem Motto: „Ach so? Auf einmal geht’s doch?“. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass diese doch wegweisende Entscheidung für das Unterrichtswesen von einem „einfachen“ Konzertierungsausschuss getroffen wurde. Das mag rechtlich (…) gesehen keinen Unterschied machen, im Empfinden der Bürger ist aber der Nationale Sicherheitsrat der Ort, an dem Beschlüsse solcher Tragweite gefasst werden. Nicht jeder wird diese Episode denn auch als wirklich transparent empfinden.
Eine Medaille mit zwei Seiten also. Inhaltlich, zumindest im Sinne der Schüler, bestimmt eine nachvollziehbare Entscheidung. Die Nebenwirkungen insbesondere in Bezug auf die Außenwirkung können aber lange nachhallen. Das wird schließlich längst nicht die letzte wichtige Entscheidung sein, die es zu treffen gilt. Und nur Vertrauen schafft Akzeptanz.

Aber, und da kann man der Zeitung Het Nieuwsblad nur recht geben: Die Rekonstruktion der Ereignisse lässt auch noch einen anderen Schluss zu. Nämlich, dass das im vorliegenden Fall definitiv eine politische Entscheidung war. So viel zur These, wonach das Land inzwischen von Virologen regiert würde. Nein, es sind die Politiker, die am Ende entscheiden. Und das ist gut so! Nur sollte man sich auch noch daran erinnern, wenn’s mal nicht so gut läuft. Es wäre tragisch, wenn die Virologen von den gleichen Leuten irgendwann dann doch als Sündenbock missbraucht würden. Verantwortung übernehmen, ja, aber in guten wie in schlechten Zeiten.

Roger Pint

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