Kommentar: Spiel ohne Grenzen

Je länger die Corona-Krise dauert, desto mehr sind wir versucht, Vergleiche anzustellen: Wie ist die Situation in anderen Ländern? Welche Maßnahmen wurden angewendet und wieder gelockert? Und welche Rückschlüsse ziehen wir für uns daraus? Jedenfalls sollten wir uns nicht zu sehr abgrenzen.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

In den 60er, 70er und 80er Jahren gab es im Fernsehen ein Spektakel, das mit seiner Sprachenvielfalt und Lebendigkeit mehr von Europa vermittelt hat als alle Weißbücher und Sonntagsreden zusammen: „Spiel ohne Grenzen“. In Frankreich, wo die Idee entstanden war, und auch in paar anderen Ländern lief die Sendung noch um einiges länger.

20 Jahre nach der letzten Ausstrahlung sollte es in diesem Jahr die große Neuauflage geben. Sollte. Noch vor Corona hatten sich die Franzosen dann aber für einen nationalen Städtevergleich entschieden. Was daraus mit Corona wird, kann man sich denken. Die Dreharbeiten, die vor ein paar Tagen laufen sollten, wurden schon mal verschoben.

Nun haben wir derzeit andere Sorgen als eine abgesagte Spieleshow im Fernsehen. Es scheint aber nichts Interessanteres zu geben als den ständigen Ländervergleich. Ich meine hier gar nicht mal die mit roten Punkten übersäte Weltkarte der Johns-Hopkins-Universität. Wir zählen die Toten, Infizierten, positiv Getesteten oder Verdachtsfälle inzwischen so, als ob es hier um einen internationalen Wettbewerb gehe – und nicht um viele Einzelschicksale. Und die meines Wissens bislang immer noch als Maßstab geltende Frage, ob das Gesundheitssystem mit der Anzahl diagnostizierter Fälle fertig wird.

Natürlich hängt das davon ab, wie das Gesundheitssystem vor der Krise aufgestellt war. Aber eben auch von vielen anderen Faktoren. Und davon, was man mit den Zahlen eigentlich vermitteln will. In Belgien sahen sich die nationalen Experten vom Wissenschaftlichen Institut für Volksgesundheit Sciensano diese Woche genötigt, ihre Zählweise gegenüber bangen Fragen aus dem In- und Ausland zu rechtfertigen. Dass sie alle Sterbefälle in Alten- und Pflegeheimen in die Covid-19-Statistik aufnehmen, auch da wo keine Bestätigung für die Erkrankung vorliegt, komme aus ihrer Sicht der Wirklichkeit näher …

Wie aussagekräftig aber Übersichtskarten und Statistiken bis hinunter zu den einzelnen Gemeinden sein sollen, erschließt sich mir nicht. Wo doch bekannt ist, wie wenig hier getestet wird. Selbst die Untersuchung von drei Wochen zurückliegenden Blutproben auf Antikörper lassen nur den vorsichtigen Schluss zu, dass die neue Krankheit wohl weit weniger verbreitet war, als bisher angenommen.

Dank der getroffenen Maßnahmen? Auch das lässt sich nur schwer nachweisen. Dass ein Gastdozent an der Universität Neu-Löwen – kein Virologe, sondern ein Politologe – sich getraut hatte, aus einem ähnlichen Verlauf der Epidemie in Belgien und den Niederlanden Rückschlüsse auf die Wirksamkeit von hüben strenger und drüben weniger strenger Maßnahmen zu ziehen, hat ihm kollektive Ächtung eingebracht. Dabei wäre das mal ein interessanter Ländervergleich.

Im Moment können wir auch schon mit etwas Abstand beobachten, wie sich die Lockerung bestimmter Maßnahmen zum Beispiel in Deutschland oder in Luxemburg auswirkt. Und davon profitieren. Den Sinn oder Unsinn einzelner Maßnahmen in Frage zu stellen ist uns aber selbst überlassen.

Und da geht es jetzt weniger um die Größe der Geschäftsfläche, auf der sich eine bestimmte Anzahl Personen aus dem Weg gehen sollen, oder um die Frage, mit welchem Fahrzeug man sich noch wohin begeben darf. Sondern in einer Grenzregion wie der unseren vielmehr um die Frage: Warum gilt etwas, das wir auf dieser Seite der Grenze unternehmen dürfen, als lebenswichtig oder „essenziell“ – aber nicht mehr, wenn wir die Grenze überqueren?

Das Argument, das Virus soll nicht über Ländergrenzen zirkulieren, kann es doch wohl nicht sein. Dann müsste man die Grenzen dicht machen. Und ist eins, zwei bei einer Wagenburgmentalität. Das geht auch inländisch. Wenn der Bürgermeister von Ostende meint, „seinen“ Strand auch „seinen“ Steuerzahlern vorbehalten zu müssen, ist das aus kommunalpolitischer Sicht ja noch nachvollziehbar. Der Mann sollte sich bloß nicht um ein höheres Amt bewerben.

Ehe wir mit dem Finger zeigen: Solche Reaktionen gab es in letzter Zeit auch hier, nach dem Muster: Was wollen die Städter denn in „unserer“ Natur? Sollen sie doch sehen, wie sie die Ausgangssperren aushalten. Noch unappetitlicher wird’s, wenn staatsbürgerlich korrekt nach Autokennzeichen aus dem Nachbarland Ausschau gehalten wird. Denken wir daran: Es gibt auch wieder eine Zeit nach Corona und dann wollen wir doch guten Gewissens unsere grenzenlose Freiheit genießen.

Stephan Pesch

6 Kommentare
  1. Kathrin Schumacher

    Ein Applaus für Herrn Pesch.

    Wir sollten alle seinen letzten Absatz mit besonderer Sorgfalt lesen und uns davor hüten, in die Falle zu tappen, dass unsere „neue Normalität“ (bitte behandeln Sie den Begriff selbst mit Vorsicht) Fremdenfeindlichkeit, mangelndes Mitgefühl und Denunziation beinhalten sollte.

  2. Benoni Beheyt

    @ Herrn Pesch.
    Ich habe eben Ihren Kommentar nochmal durchgelesen , und Musste feststellen das sie im Thema ua.
    Das Argument : „das Virus soll nicht über Ländergrenzen zirkulieren, kann es doch wohl nicht sein. Dann müsste man die Grenzen dicht machen.“
    ansprechen.

    Ich möchte klar stellen das der Gedankengang zur Fragestellung im „Exit auf raten“ ohne „Ihren“ Kommentar zu nutzen dargestellt habe.
    Weiterhin möchte Ich verweisen auf Ihren Kommentar vom 27/03 (Blockwarte)
    Warum ?
    Mir ist bewüst das manche Menschen mit ihrer Geduld/nerven schon zu fuss gehen ,was ja auch begreiflich ist , es ist nun mal der extrem Fall eingetreten.

    Nicht desto trotz sollten man Ihre Kommentare nochmals zu Herzen nehmen.
    Die Menschlichkeit darf nicht auf der Strecke bleiben bei all dem Leid !
    Danke.

  3. Norbert Schaffrath

    Als jemand, der seit mehreren Jahrzehnten ein echtes
    “ Naturgrundstück“ im Raum Eupen gehegt und gepflegt hat, haben wir die DG mit ihren Menschen kennen und lieben gelernt. Es ist die zweite Heimat unserer gesamten Familie geworden. Umso mehr freue ich mich, wenn auch in der jetzigen Krise keine nationalistischen Tendenzen bei unserem Freunden in Belgien auftreten- ganz im Gegenteil- hier lebt der liberale europäische Gedanke.
    Wir hoffen täglich, das die Grenze wieder durchlässiger wird. In diesem Sinne Danke, Herr Pesch, und beste Grüße aus dem Raum Bonn

  4. Guido Scholzen

    Danke für den Kommentar, Herr Pesch.

  5. Jean-Pierre DRESCHER

    Großes Danke an Sie Herr Pesch ebenso von mir. Bitte bleiben Sie mutig und couragiert im Dienst unserer kleinen aber feinen DG!

  6. Norbert Schleck

    Lieber Herr Pesch!
    „Wie ist die Situation in anderen Ländern? Welche Maßnahmen wurden angewendet und wieder gelockert? Und welche Rückschlüsse ziehen wir für uns daraus? Jedenfalls sollten wir uns nicht zu sehr abgrenzen.“
    So schreiben Sie weiter oben.

    Guter Rat in Sachen „Grenze“ und „abgrenzen“! Dann schauen wir uns mal die Situation an der deutsch-polnischen Grenze an.
    Zu sehen in einem Video auf FAZ-Online: „Polnische Pendler fordern Ende der Quarantäneregeln“. Darf leider laut Netiquette nicht verlinkt werden.

    Über den Tellerrand zu blicken, ist immer nützlich, aber dann auch nach allen Richtungen, ein Teller ist ja rund.