Kommentar: Vertrauen ist gut …

Die Corona-Krise bleibt über die Ostertage das beherrschende Thema. Und mit ihr das Warten auf eine mögliche schrittweise Lockerung der Maßnahmen. Zwischen gesamtgesellschaftlicher Sorge und persönlicher Betroffenheit geht es immer auch um die Frage, wie wir mit der Krise umgehen. Und wem wir dabei vertrauen.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Wann hätte man in Friedenszeiten je so eine Karwoche erlebt. „Der Papst allein zu Haus“ wurde etwas despektierlich in mehreren – an und für sich seriösen – Medien getitelt als handele es sich um eine Komödie aus Hollywood. Auch in unseren Breiten ist die Kirche erfinderisch, verbreitet Mut und Zuversicht über Meditations- und Gebetszeiten auf BRF2 – oder mit dem anstehenden Ostergottesdienst aus dem Foyer des BRF-Funkhauses.

Für viele ist Gottvertrauen eine gute Antwort auf die verstörenden Nachrichten, auf die widersprüchlichen Ansichten der Experten, auf die Isolation, die aus dem Versuch folgt, dem Virus doch irgendwie aus dem Weg zu gehen. Vor allem auf die Ungewissheit. Keine leichten Zeiten für Seelsorger.

Und auch nicht für Politiker. Natürlich müssen sie bei einer Epidemie denjenigen vertrauen, die sich mit solchen Fragen auskennen. Wenn ich am Knie operiert werden muss, gehe ich ja auch nicht in die Autowerkstatt – da können die noch so gut schrauben. Welche Schlüsse aus den Vorgaben der Virologen und Mediziner gezogen werden, das ist dann wieder Aufgabe der Politiker, die das Gemeinwesen im Auge haben müssen – egal auf welcher Ebene.

Anfang der Woche hat das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft sein Krisendekret verabschiedet. Mal abgesehen davon, dass dank der überschaubaren Kleinheit der DG darin Dinge geregelt werden können, die anderswo nicht mal eine Fußnote wert wären, ist es gut, dass dabei auch Fragen nach der Verhältnismäßigkeit aufgeworfen wurden.

Wenn ausgerechnet ein libertärer Verein wie Vivant den Spruch bemüht: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ stelle ich mir zwar Fragen. Aber losgelöst davon, dass sich etwa die ostbelgischen Gemeindekollegien tunlichst davor hüten werden, die im Übrigen streng limitierte und geregelte Bevollmächtigung zu missbrauchen: Auf gesamtbelgischer und europäischer Ebene und – noch wichtiger – auf der Grundlage des gesellschaftlichen Konsenses müssen wir genau darauf achten, was an Ausnahmeregelungen wieder aufgehoben wird oder vielleicht stillschweigend akzeptiert wird.

Das wird weniger die Einschränkung der Versammlungsfreiheit, Kontaktverbote oder Ausgangssperren betreffen. Aber vielleicht Grenzkontrollen, Datenaustausch und das fatalerweise fast herbeigesehnte „Smartphone-Tracking“.

Von der zu erwartenden Maskenpflicht wollen wir hier nicht weiter reden. Dass ausgerechnet die Österreicher da Vorreiter sind nach ihrem Gesichtsverhüllungsverbot von 2017 fällt bei allem Ernst der Lage in die Rubrik Treppenwitze der Geschichte. Wobei, „bittschön“, das Tragen von Mund- und Nasenschutzmasken in der Öffentlichkeit auch dort immer noch erlaubt war.

Wo wir bei „Kontrolle“ waren: Dass Einsicht und die Unterordnung unter ein höheres Ziel nicht immer von alleine funktionieren, war hier schon vor zwei Wochen Thema. Und die Premierministerin hatte ja zuletzt angekündigt, dass wer nicht hören will, fühlen müsse. Bei den landauf landab verhängten Bußgeldern stelle ich mir aber mitunter die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Und nein, ich bin nicht bei irgendetwas erwischt worden …

Von Dietrich Bonhoeffer, der vor 75 Jahren als einer der letzten Gegner des Nationalsozialismus hingerichtet wurde, stammt der Satz: „Das Vertrauen wird eines der größten, seltensten und beglückendsten Geschenke menschlichen Zusammenlebens bleiben, und es wird doch immer nur auf dem dunklen Hintergrund eines notwendigen Misstrauens entstehen.“

Wie wäre es – bei aller nötigen Skepsis – mit einer Portion Vertrauen in alle Richtungen?

Stephan Pesch

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Ein Kommentar
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr PeschGuter Kommentar. Unsere ganze Gesellschaft basiert auf Vertrauen.Sei es auf den Finanzmärkten, in den Familien oder im Berufsleben.Und warum?Weil es einfach effektiver ist, jemand zu vertrauen, der einen dann auch nicht enttäuschen will.Und meistens geht die Rechnung ja auch auf.Dies im Gegensatz zu einem kommunistischen Regime, das grundsätzlich allem und jedem misstraut.Und aufgrund dieses Misstrauens wurden kostspielige Kontrollinstanzen geschaffen, die die Gesellschaft lähmten.Dort war es besser nichts zu tun wie etwas falsches.

    Damit unsere Damen und Herren Postenjäger, dh die politisch Verantwortlichen, nicht das Vertrauen der Bevölkerung verlieren, sollte man diese die Coronakrise nutzen, um Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.Politik sollte wieder Angelegenheit aller sein und nicht nur einer akademischgebildeten Kaste von Parteisoldaten.Und dazu gehören selbstverständlich auch Volksabstimmungen und Volksbefragungen.

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