Kommentar: Wir brauchen Solidarität, keine Blockwarte

Die staatlichen Maßnahmen im Zuge der Corona-Krise führen zur Diskussion darüber, inwieweit wir bereit sind, auf Freiheiten zu verzichten - wenn es einem übergeordneten Zweck dient. Und wie weit soll die soziale Kontrolle gehen?

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

In Belgien ist alles erlaubt, was nicht verboten ist. In Deutschland gilt schon als verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. Dieser etwas grobe Vergleich hat sich immer als hilfreich erwiesen, wenn es darum ging, die Unterschiede in der Mentalität dies- und jenseits der Grenze zu erklären – wobei wir deutschsprachigen Belgier irgendwo dazwischen liegen.

Es zeigt sich gerade auch wieder angesichts der unterschiedlichen Herangehensweise in Sachen Corona-Krise: Ausgangsbeschränkungen hier, Kontaktverbote da. Was auf ein und dasselbe hinauslaufen soll: Kontakte mit anderen Menschen, so gut es geht, verringern und damit die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus vom einen auf den anderen übertragen kann.

Interessant war zu hören, dass beispielsweise in Aachen viele erst gar nicht das Kontaktverbot vom Sonntag abwarteten, um sich in selbstverordneten „Hausarrest“ zu begeben. Das kann man „vorauseilenden Gehorsam“ nennen oder auch Einsicht und Verantwortung.

Bei uns belgischen Bonvivants wurde vor zwei Wochen angesichts der bevorstehenden Schließung von Cafés und Restaurants noch schnell einer drauf gemacht: Nach uns die Sintflut! Seitdem wurden die Ausgangsbeschränkungen drastisch verschärft, was selbst die Politiker, die sie tragen, als „empfindlichen Eingriff in die Freiheitsrechte“ beschrieben, so Ministerpräsident Oliver Paasch am BRF-Mikro. Und das müssen wir angesichts von Sondervollmachten und weitreichenden Maßnahmen wie Geschäftsschließungen und Besuchsverboten sehr ernst nehmen.

Auch wegen vieler ungelöster praktischer Fragen wurde die Suche nach Schlupflöchern zum Nationalsport. Nicht nur hier: In Spanien, wo die Situation weit kritischer ist, es aber noch erlaubt war, das Haustier auszuführen, gingen Spaßvögel mit Ziege, Schwein oder Kanarienvogel spazieren … oder in einem Fall mit einem Stoffhund an der Leine. Hätte auch in Hoboken oder in Outremeuse passieren können.

Hier, in Ostbelgien, sah sich etwa der Kelmiser Bürgermeister genötigt, alle kleineren Grenzübergänge zu schließen. Schon seit der Neutralen Zeit seien es die Kelmiser gewohnt, nach Nischen zu suchen. Wobei die Forderung nach strengeren Grenzkontrollen sogar aus der Bevölkerung kam.

Gleich nebenan, in der Polizeizone des Herver Landes, wird unter dem Schlagwort „L’Union fait la force“ dazu aufgerufen, heimliche Zusammenkünfte wie Feiern oder Fußballspiele unter Jugendlichen direkt der Polizei zu melden. Dass es sich hierbei um Anstiftung zur Denunziation handeln könnte, lässt Welkenraedts Bürgermeister Jean-Luc Nix nicht gelten: Schließlich gehe es um die öffentliche Gesundheit. Die Polizei könne dann für das Einhalten der Maßnahme „sensibilisieren“, sagt er … Die Polizei wäre schon froh, wenn sie genau wüsste, was eingehalten werden soll. Und sie wird, das ist leider verbürgt, gerade auch in solchen Zeiten oft genug von Leuten gerufen, die es besonders gut meinen mit der öffentlichen Ordnung.

Um es nochmal deutlich zu sagen: Der in unserem Land eingeschlagene Weg kann nur funktionieren, wenn sich möglichst alle daran halten. So sieht es auch das Kollektiv – mit einem überaus menschlichen und solidarischen Ziel vor Augen. Das unterscheidet diese Einschränkung der Freiheit von anderen in Kriegszeiten oder unter autoritären Regimen.

Hier dient soziale Kontrolle dazu, das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Da kann man ruhig auch mal jemanden ansprechen. Anschwärzen, denunzieren oder unter Vorspiegelung falscher Tatsachen den Blockwart spielen, darf nicht dazu gehören. Schon um des gemeinsamen Zieles willen. Denn es gibt, hoffentlich bald, ein Leben nach der Corona-Krise.

Stephan Pesch

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17 Kommentare
  1. Alexander Kerres

    „In Belgien ist alles erlaubt, was nicht verboten ist. In Deutschland gilt schon als verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. Dieser etwas grobe Vergleich hat sich immer als hilfreich erwiesen, wenn es darum ging, die Unterschiede in der Mentalität dies- und jenseits der Grenze zu erklären – wobei wir deutschsprachigen Belgier irgendwo dazwischen liegen.“

    Das ist kein grober Vergleich sondern ein unsinniges und von Fakten befreites Vorurteil.

    Echt traurig, was dem deutschen Leser hier und in den Kommentarspalten in letzter Zeit so zugemutet wird.

  2. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Kerres.

    Herr Pesch wollte nur auf länderspezifische Unterschiede aufmerksam machen.Mehr nicht.Und gerade diese Unterschiede und Vielfalt sind ja der Reichtum Europas.Das Salz in der Suppe sozusagen.

    Was Sie Zumutung nennen, ist nichts anderes eine freie Meinungsäußerung.

    Was würden Sie denn sagen zu den vielen Witzen, die in Grenzregionen über den jeweils anderen gemacht werden ? Das ist vollkommen normal, wo diverse Kulturen sich begegnen.
    Hier ein kleines Beispiel :
    Nach jahrelangen Versuchen ist es deutschen Geldfälschern endlich gelungen, Geldscheine mit einem Nennwert von 18 € zu drucken.Ihrer Sache noch unsicher, beschließen diese, die falschen Scheine zuerst in Belgien in Umlauf zu bringen. Zu diesem Zweck gehen sie in eine Bankfiliale, und probieren, einen 18€Schein umzutauschen.Der Bankangestellte fragt nur : Was hätten Sie lieber, 2 Scheine von 9 € oder 3 Scheine von 6 € ?

  3. Norbert Schleck

    Herr Pesch, Sie enttäuschen mich mit diesem Kommentar.

    „Das kann man „vorauseilenden Gehorsam“ nennen oder auch Einsicht und Verantwortung.“
    Das würde ich eindeutig Verantwortungsbewusstsein und Vorsichtsmaßnahme nennen, zumal wenn Leute so handeln, die wie ich in der besonders gefährdeten Altersgruppe sind.

    Ihre Einleitung ist geradezu ein Musterbeispiel für die üblichen Vorurteile: dort deutsche Untertanenmentalität, hier romanische Lässigket, ja Aufmüpfigkeit.
    Googeln Sie mal mit dem Wort „Coronaparty“! Sie werden seitenweise Links angezeigt bekommen. Bei Seite 5 habe ich aufgehört zu blättern.

    „Nach uns die Sintflut“, nicht nur „bei uns belgischen Bonvivants“, sondern auch „drüben“ im angeblichen Obrigkeitsstaat.

    Gestern hier in meinem Wohnort bei meiner Stunde „Freigang“: leere Straßen, kaum Verkehr, wo sonst zu Stoßzeiten lange Kolonnen aus Lüttich heraufkommen, nur ein paar Fußgänger unterwegs, fast leere Busse, alles geschlossen. Egal wie man es nennt, Ausgehbeschränkung oder Kontaktsperre, es funktioniert inzwischen, von Ausnahmen hüben wie drüben abgesehen. Unbelehrbare gibt es leider überall, hüben wie drüben.

  4. Yves Tychon

    Also ich habe das in meiner Jugend anders gelernt: « In England ist alles erlaubt, was nicht verboten ist, in Deutschland ist alles verboten, was nicht erlaubt ist und in Belgien ist alles erlaubt… besonders was verboten ist »
    Waren wohl andere Zeiten…

  5. Jakob Pons

    sehr geehrter Herr Kerres,

    es ist nicht die Zeit uns einzuteilen in Täter und Opfer. Dass es Unterschiede zwischen den Kulturen gibt ist hinlänglich bekannt.
    Die Aussage von Herr Pesch, ‚wobei wir deutschsprachigen Belgier irgendwo
    dazwischen liegen‘ macht doch deutlich, dass weder er noch irgendjemand
    DEN DEUTSCHEN oder DEN BELGIERN zu nahe treten wollte oder jemanden beleidigen wollte.
    Die Zeiten sind doch wirklich zu ernst für solche Reaktionen.
    Bleiben sie gesund und freuen sie sich, in einer Ecke der Welt zu leben wo es Vielfalt im positiven Sinne gibt.

  6. Michael König

    Ein treffender Beitrag vom Herrn Pesch. Es scheint in D nicht die Notwendigkeit an Einschränkungen im Vordergrund zu stehen sondern eine obskure Freude an der Einhaltung (und einem späteren wirtschaftlichem Straucheln des gesamten Systems?) zu bestehen. Der Kaiser kennt keine Parteien mehr sondern nur noch Covid-19.

  7. Wolfgang Leister

    Herr Peschs Kommentar ist in Teilen ausgewogen.
    Leider aber nicht die Einleitung. In D ist gerade seit der Geltung des GG alles erlaubt, was nicht verboten ist. Einschränkungen der Freiheitsrechte sind durch die die Verfassung nur erlaubt, wenn eine Gesetz hierzu von dem jeweiligen Parlament erlassen wurde. Und das wissen die Bürger, weshalb es eine stark beschäftigte Verwaltungsgerichtsbarkeit gibt. Übrigens gilt in allen europäischen Staaten die europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) gleichermaßen und die besagt nichts anderes. Was nun die Neigung angeht Gesetze einzuhalten, scheint mir, als jemand der täglich auf beiden Seiten unterwegs ist , die deutsche Mentalität wesentlich laxer, als die der Mitbürger in Ostbelgien. Aber das ist nur ein subjektiver Eindruck von jemandem, der hier in B nicht nur schläft, sondern richtig lebt und in D seinem Beruf nachgeht.

  8. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Leister.
    Überall gibt es solche und solche. Jedes Land hat sein Image, seine Mentalität und seine Besonderheiten. Alles Resultat geschichtlicher Entwicklungen. Was in einem Land selbstverständlich ist, ist im anderen undenkbar oder schlicht nicht zu gebrauchen. Zum Beispiel kannten die Inkas,die in Südamerika ein Weltreich schufen, weder Rad, Zugtiere, Geld.

  9. Alexander Kerres

    Sehr gut auf den Punkt gebracht, Herr Leister.

  10. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Kerres. Sogar ich muss zugeben, dass die Zeiten hart sind für empfindsame Bundesbürger, die die Welt nur aus ihrem Blickwinkel sehen und diesen für den alleinig richtigen halten. Nutzen Sie doch den aktuellen Moment der Entschleunigung und probieren Sie die Welt durch die Brille einer anderen Mentalität zu sehen. Seien Sie versichert, es ist eine Bereicherung. Eine zusätzliche Erfahrung.

  11. Alexander Kerres

    @MSE
    Sie halten mich für eine empfindsamen Bundesbürger, die die Welt nur aus seinem Blickwinkel sieht und diesen für den alleinig richtigen halte?
    Wie kommen Sie denn darauf? Ist es weil ich Ihre Meinungen oft einfach nur für unreflektierten Bullshit halte?

  12. Arno REUTER

    Ordnung muß sein! Teil 1
    Solidarität auch!

    Bei allem Verständnis für die Schutzmaßnahmen und Restriktionen (Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote, Hausarrest, empfindlichen Eingriff in die Freiheitsrechte, Grenzschließungen, das (freiwillige) melden von heimlichen Zusammenkünften usw., usw. > später vielleicht Handy-, PC- und Drohnenüberwachung, Kontensperrung, Geldentwertung !?) …..sollte man die im Vorfeld begangenen Versäumnisse (Seitens der hoffentlich auffindbaren Zuständigen) nicht vergessen!

  13. Arno REUTER

    Ordnung muß sein! Teil 2
    Solidarität auch!

    Auszug aus dem Bericht von Herrn Pesch:
    „…..Um es nochmal deutlich zu sagen: Der in unserem Land eingeschlagene Weg kann nur funktionieren, wenn sich möglichst alle daran halten. So sieht es auch das Kollektiv – mit einem überaus menschlichen und solidarischen Ziel vor Augen. Das unterscheidet diese Einschränkung der Freiheit von anderen in Kriegszeiten oder unter autoritären Regimen.

    Hier dient soziale Kontrolle dazu, das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Da kann man ruhig auch mal jemanden ansprechen. Anschwärzen, denunzieren oder unter Vorspiegelung falscher Tatsachen den Blockwart spielen, darf nicht dazu gehören. Schon um des gemeinsamen Zieles willen. Denn es gibt, hoffentlich bald, ein Leben nach der Corona-Krise.“

    Anmerkung:

    ….Wollen wir Hoffen das die Verantwortlichen die Zurücknahme der Einschränkungen und die Zurückgabe der Privatsphäre nach der Corona-Wirtschafts-und Eurokrise nicht vergessen!

  14. Guido Schwartz

    Liebe Kommentierende,
    dieses Forum ist, wohltuend anders als viele in D, von überwiegend höflichem und sachorientierten Argumenten getragen. Daher bitte nicht in Begrifflichkeiten wie „bullshit“ hinsichtlich einer konträren (ggf. nur gefühlt) Meinung abgleiten. Als Deutscher, ich bezeichne mich prinzipiell lieber als Europäer, gebe ich zu, dass auch ich relativ unentspannt, auf jedwede Einschränkung von bürgerlichen Freiheitsrechten, elektronischer Überwachung, Aussetzung/Beschränkung des Schengen-Abkommens ect. pp. reagiere.
    In der Tat, die deutsche Mentalität neigt zur „Prozesshanselei“. Ist es aber ggf. ein Erklärung, wenn ich auf die deutsche Geschichte (1933 – 1945) verweise und argumentiere, daß es die Pflicht und Schuldigkeit eines jeden Deutschen ist (spät. seit dem 08.05.45) seinen Politikern, Regierungen und der Executive peinlichst auf die Finger zu schauen / zu hauen? Dieser Wesenszug ist ggf. also auch ein antrainierter Reflex unsägliches Unrecht , auch gegenüber Belgien, wieder gut machen zu wollen.
    Und bitte, vermeidet Begrifflichkeiten wie „Blockwart“. Sie sind zu Recht
    historisch stigmatisiert.

  15. Alexander Kerres

    Werter Herr Schwartz,
    ‚Bullshit‘ lässt sich ganz einfach mit Quatsch oder auch Blödsinn übersetzen.
    So schlimm finde ich das jetzt nicht (und der BRF offensichtlich auch nicht). Und ich denke auch nicht, dass Herr Scholzen wegen meiner Äußerung Herzrasen bekommt. Er ist ja auch stehts ein großer Freund des klaren Wortes und der freien Meinungsäußerung.

    Aber man sieht hier schön, wie es sich so mit den Befindlichkeiten verhält. Jeder tickt da halt etwas anders.

    Bleiben Sie alle Gesund.

  16. Andreas Hahn

    Ich finde die Diskussion sehr interessant. Ehrlich gesagt glaube ich, als in B lebender Bundesbürger, dass sowohl innerhalb Belgiens als auch innerhalb Deutschlands mindestens so große Mentalitätsunterschiede bestehen, wie zwischen dem „durchschnittlichen“ Belgier und dem „durchschnittlichen“ Deutschen.
    Beispielsweise haben die als sehr konservativ geltenden Bayern eine sehr starke liberale Ader, auch Lberalitas Bavariae genannt, während man im „hippen“ Berlin auch heute noch oft auf original preußisches Pflichtbewusstsein trifft. Auch das sind natürlich Verallgemeinerungen…

    Die Belgier sind meiner subjektiven Erfahrung nach ein bisschen wie die Amerikaner: Grundsätzlich frei und selbstbewusst gegenüber ihrem Staat, manchmal aber auch regeltreu bis zur Sturheit…

  17. Dominique Wal

    Herr Nix, scheint nicht zu wissen, was Denunziantentum bewirken kann. Soll er doch mal mit einigen Juden sprechen und fragen, was vor etwa 70 Jahren geschah! Ich finde es (sorry) zum kotzen, wenn solche Appelle aus der Politik kommen. Blockwarte brauchen wir nicht (mehr), ich sabotiere bewusst diesen Aufruf und werde, so gut ich kann, auch diese „Verfolgungs-App“ boykottieren. „Wehret den Anfängen“!!!!!!!!!!

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