Kommentar: Zweimal 50 Jahre Ostbelgien

Die 100-jährige Zugehörigkeit des Gebietes der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft zu Belgien wird auf vielfältige Weise begangen. Nach dem Besuch des Königs vor knapp einem Jahr im PDG und dem offiziellen Festakt im Senat feiert man in Kelmis die Tatsache, dass das frühere Neutral-Moresnet schon mit dem 10. Januar 1920 Belgien zugeschlagen wurde. Es gibt aber auch genügend Anlass, die Geschichte von "100 Jahre Ostbelgien" differenziert zu betrachten.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Es ist ein spannendes Kapitel Zeit- und Mediengeschichte, das die beiden ostbelgischen Historiker Andreas Fickers und Christoph Brüll ab der kommenden Woche im BRF aufschlagen. In einer achtteiligen Sendereihe erinnern sie unter anderem an die Pionierleistung von Peter Thomas und Hubert Jenniges, die Anfang der 70er Jahre im damaligen BHF, dem Belgischen Hörfunk, ihrerseits in einer fünfteiligen Sendereihe auf „50 Jahre Geschichte der Ostkantone“ eingingen, in der sogenannten „heißen Phase“ der Autonomiedebatte der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. „Der große Wandel“ war die erste Folge überschrieben.

Die rund einstündigen Sendungen liefen von Ende September bis Ende Oktober 1972, jeweils am Samstagabend um 19 Uhr. Zum Start der neuen Reihe werden wir sie ab Mittwoch auch über unsere Webseite zugänglich machen, zum Nachhören und zum Nachlesen der mehr als hundert Seiten Sendemanuskripte, die, wie Fickers und Brüll unterstreichen, seinerzeit „begeistert nachgefragt“ wurden, was für das Interesse und die Brisanz spricht.

Gleich im ersten Satz konstatiert Peter Thomas betont sachlich, dass zwei Jahre zuvor „im deutschen Sprachgebiet um Eupen und St. Vith“ die 50-jährige Zugehörigkeit zu Belgien keineswegs zum Feiern Anlass gab – „nur in Kelmis feierte man“, was sich auch, aber nicht nur aus der Sonderrolle des früheren Neutral-Moresnet beim Inkrafttreten des Versailler Vertrages erklären lässt.

Ansonsten, wussten Thomas und Jenniges, „herrschte weitgehend Verstimmung, ja Verbitterung“, vor allem wegen der ungelösten Nachkriegsprobleme, so dass der 50. Jahrestag „stillschweigend übergangen“ wurde.

Das ist zum Hundertjährigen anders. Und nicht von ungefähr überschreiben Fickers und Brüll die erste Folge ihrer Sendereihe mit „Zweimal 50 Jahre Ostbelgien“.

Wie in Stein gemeißelt ist auch im Sprachgebrauch der heute politisch Verantwortlichen die Formulierung von den „leidvollen ersten 50 Jahren“ der Zugehörigkeit zu Belgien, die sich über die wachsende Autonomie zu einer „Erfolgsstory“ entwickelt haben: teils durch innerbelgische Fügung, teils dank ostbelgischer Beharrlichkeit, teils aber auch gegen innere Widerstände. Wechselweise, so noch beim Festakt im Senat, ist auch von einem „Glücksfall der Geschichte“ die Rede.

Daraus zu folgern, dass die Menschen hier bis dahin nur ein Spielball der Geschichte waren, entbindet sie aber dann doch zu sehr von der persönlichen Entscheidungsfreiheit, die sie je nach Sachlage zu nutzen wussten – wie das kuriose Beispiel Neutral-Moresnet zeigt, in dem aber weiß Gott nicht alles rosig war.

Und auch in Zeiten der institutionalisierten Selbstbestimmung muss, wer sach- oder personalpolitische Entscheidungen oder die Kosten der Autonomie in Frage stellt, sich dafür nicht als Spielverderber oder Nestbeschmutzer beschimpfen lassen.

Das Spannungsfeld von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung wird sich auch an den neuen Befugnissen messen lassen müssen, die zum Jahreswechsel „rübergewachsen“ sind. Und am Gelingen des institutionalisierten Bürgerdialogs, der jetzt, da beispielsweise auch Brüssel in diese Richtung voranschreitet, fast täglich als (mögliches) Vorzeigemodell zitiert wird.

Immerhin, und darüber waren sich Hubert Jenniges und Peter Thomas in ihrer Sendereihe zwangsläufig noch im Unklaren, können die deutschsprachigen Belgier 50 Jahre später ihre Geschichte fortschreiben – und sind nicht, wie es hieß, zu „Wallonen unter Wallonen“ geworden.

Stephan Pesch

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