Kommentar: Auch Gent zeigt jetzt Mut mit seiner Umweltzone

Seit dem Jahreswechsel gibt es mit Gent eine dritte Stadt in Belgien, die eine so genannte Umweltzone für den Autoverkehr eingerichtet hat. In Brüssel und Antwerpen gibt es solche Zonen schon. Sie bedeuten, dass alte, besonders umweltbelastende Autos, meistens mit Diesel-Antrieb, nicht mehr in der Innenstadt fahren dürfen. In Brüssel gilt das Verbot sogar für das gesamte Gebiet der Hauptstadtregion. An den Umweltzonen gibt es viel Kritik.

BRF-Redakteur Kay Wagner

BRF-Redakteur Kay Wagner (Bild: Alexander Louvet/BRF)

„Wo gehobelt wird, fallen Späne“ – das Sprichwort klingt ziemlich passend, wenn es um das Thema Umweltzonen für Autos geht. Denn durch den Spruch wird deutlich: Hier ist jemand aktiv, will etwas machen, will etwas gestalten, etwas Neues versuchen – eben hobeln.

Dabei fällt etwas weg, was vorher da war. Es gibt Verluste. Aber am Ende hat derjenige, der hobelt, mit ein bisschen Geschick ein Holzstück in der Hand, das schöner aussieht als vorher, passender oder eben so gestaltet ist, wie der Hobelnde es haben wollte.

Nicht anders ist es mit den Umweltzonen. Da haben sich die Verantwortlichen verschiedener Städte hingesetzt und sich überlegt: Was können wir tun, um unsere Städte schöner zu machen, eine bessere Luft zu bekommen, damit wir besser leben können.

Alle Autos auf einen Schlag aus der Stadt zu verbannen – das scheint eine zu radikale Maßnahme zu sein. Also haben in Belgien mittlerweile drei Städte sich dazu entschieden, die Autos aus den Städten zu verbannen, die am meisten der Umwelt schaden.

Diese Autos, und vor allem deren Besitzer, sind die ersten Späne, die fallen bei der Hobelarbeit, an die sich die Städte Brüssel, Antwerpen und Gent gemacht haben. Das ist nicht schön, aber wahrscheinlich notwendig. Denn ohne Hobeln, ohne Verluste wird es nicht gehen, wenn man wirklich ernst machen möchte mit den Bemühungen, etwas für das Klima zu tun, umweltfreundlicher zu sein, die Luft zum Atmen besser zu gestalten.

Und wer sich dann an das Gestalten macht, ja, dem muss man zugestehen, dass er Fehler macht. Den Fehler, keine Hilfen für Härtefälle vorzusehen. Für Menschen, die auf ihr Auto angewiesen sind, das Auto jetzt aber in den Umweltzonen nicht mehr benutzen dürfen, weil es zu umweltschädlich ist. Und die kein Geld haben, sich ein neues, saubereres Auto zu kaufen. Den Fehler, dass die flämische Verkehrsgesellschaft De Lijn wahrscheinlich acht Millionen Euro Strafe zahlen muss, weil die Busse von De Lijn den jetzt verschärften Vorschriften der Brüsseler Umweltzone nicht mehr entsprechen. Den Fehler, dass die Städte sich nicht auf ein einheitliches System ihrer Umweltzonen geeinigt haben, jeder sein eigenes Süppchen kocht und dadurch der Fahrer eines älteren Autos für jede Stadt erneut überlegen muss: Darf ich da jetzt noch reinfahren, oder nicht?

Kinderkrankheiten sind das, die alle schmerzlich sind, aber wohl unausweichlich, wenn man Neues wagt. Die Möglichkeit, diese Kinderkrankheiten zu bekämpfen, die Fehler also zu korrigieren, besteht dabei durchaus. Wahrscheinlich würde aber auch dadurch die Kritik an Umweltzonen aus dem Mund der Bürger und Autofahrer nicht verstummen, die von Umweltzonen grundsätzlich nicht überzeugt sind.

Es gibt halt Menschen, die keine Veränderung wollen. Die gerade beim Thema Auto keine noch so geringe Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit wünschen. Eine Gesellschaft muss diese Menschen aushalten können. Darf sich von ihnen aber auch nicht aufhalten lassen bei der Gestaltung einer Zukunft, von der eine Mehrheit überzeugt ist.

In den Städten Brüssel, Antwerpen und Gent war und ist vielleicht immer noch eine Mehrheit von Umweltzonen überzeugt, sonst hätten die Städte die Zonen nicht einführen können. Brüssel, Antwerpen und Gent haben Applaus verdient für diesen Schritt.

Es bleibt zu hoffen, dass sie den Mut finden, aus ihren Fehlern zu lernen, sie zu korrigieren und sich untereinander durch gleiche Regelungen am besten auch zu koordinieren. Die Bürger werden es ihnen danken, wenn sie sehen, dass Umweltzonen fair sind, einfach gestaltet und zu einer besseren Lebensqualität für alle führen. Dass das Hobeln trotz der Späne letztlich zu einem guten und schönen Ergebnis geführt hat.

Kay Wagner

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8 Kommentare
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Hier wird viel Augenwischerei betrieben. Wenn man jetzt alte umweltverschmutzende Autos aus den Staedte verbannt, vielleicht sogar deren Betrieb in Belgien verbietet, werden diese Autos in irgendwelche Dritte Welt Staaten verkauft und fahren dort weiter. Ein Problem wurde in wie Dritte Welt verlagert. Das ist ungerecht und ein gutes Beispiel fuer „Oeko-Kolonialismus“.

    Und es sind oft Sozialschwache, die alte Autos fahren, sich kein neues leisten koennen. Hat man an diese Leute gedacht ?

  2. Alfons van Compernolle

    Dabei hat man nur eines bewusst vergessen : die Subsiedierung von SCR.-Kats und OPF.-Filter fuer Altfahrzeuge. Diese Massnahme haette, wenn man sie eingefuehrt haette 93% aller Abgasemissionen zur Folge gehabt. 93% Abgaseinsparung waeren erheblich mehr und somit fuer die Umwelt & Klima erheblich Erfolgreicher gewesen, als die Einfuehrung der LEZ.-Zone ! Die Umweltschonung ist hier in Gent aber nur Ziel nr. 2 , an erster Stelle steht die Verminderung des Autoverkehrs und das geht am besten , wenn man dem kleinen einfachen Mitbuerger , der der sich nur einen Gebrauchtwagen leisten
    kann , den Besitz und Gebrauch seines Auto’s erheblich erschwert.
    Und das dritte Ziel der Gruenen hier in Gent , durch Bussgelder die Stadtkasse
    auffuellen. Fragt doch einmal den zustaendigen Schepen, warum keine SCR /OPF
    Suzidierung !! Die Antwort kommt mit erfundenen unzutreffenden Erklaerungen
    von einem Geologen ohne jegliche techn. Kenntnis.

  3. Kurt Helmer

    Stimmt, Herr Scholzen.
    Im abgelaufenen Jahr wurde von ihnen viel Augenwischerei betrieben.
    Öko-Terroristen, Öko-Dschihadisten, Öko-Marxisten,… hieß es zuletzt.
    Jetzt kommen schon am 3. Tag 2020 der Öko-Kolonialisten hinzu.
    Weiter so.
    Die Wahrheit liegt mal wieder woanders.
    Die Umweltzonen betreffen Innen-Großstädte, um die Luftqualität und damit die Lebensqualität der dort lebenden, arbeitenden oder sich dort aufhaltenden Menschen zu verbessern.
    Haben nur Autofahrer Rechte? Wie ist es mit den Rechten von gesundheitlich anfälligen Kleinkindern oder Senioren auf saubere Luft?
    Die betroffenen Autos sind Diesel mit der Euro 3 Norm, also Fahrzeuge, die 15 Jahre oder älter sind!
    Es betrifft die Innenstädte, in denen das Auto ohnehin das wohl schlechteste Verkehrsmittel ist. Fahren sie einmal in die Innenstadt nach Gent, Brüssel oder Antwerpen.
    Viel Spaß dabei!
    Der ÖPNV ist in den genannten Städten dem PKW weit überlegen und zudem kostengünstiger.
    Dass alte Autos ins Ausland verbracht werden liegt nicht an Unweltzonen sondern einer zu laschen Gesetzgebung in diesen Ländern.

  4. marcel scholzen eimerscheid

    Werter Herr Helmer. Hier wird ein Problem nicht gelöst sondern verlagert auf Kosten der Ärmeren in Belgien und in der dritten Welt. Aber das interessiert keinen Ecolo oder Groen, denn die kleinen Leute gehören nicht zu deren Wählerschaft. Kostenlosen Nahverkehr wäre eine echte Alternative sowie in einem Nachbarland. Aber dafür fehlt sicher das Geld. Da ist es schon einfacher auf dem Rücken der kleinen Leute Politik zu machen.

  5. Alfons van Compernolle

    Sehr geehrter Herr Helmer , was die oeffentlichen Verkehrsmittel ( de Lijn ) kosten:
    3,50 Euro pro Person von Sint Amandsberg bis ins Centrum. 2 Personen = 7 Euro plus Ruckfahrt = 7 Euro zusammen 14 Euro auf zusammen 8 km.-Fahrstecke!
    Als Sozialhilfebezieher und als Rentner mit geringer Rente kann man mit Hilfe des OCMW eine Jahreskarte fuer 55 Euro bekommen. Das Parken in den Tiefgaragen
    Zuid & Vrijdagsmarkt ist erheblich guenstiger, als die Befoerderungsendgelder bei de Lijn ! 1000 m weiter an Dok-Noord ist das Parken Gratis !
    Ich war nun Mitglied im Buergerkabinet der Stadt Gent und habe mit den Gruenen Schepen ueber SCR / OPF Kats verhandelt und Glauben sie mir es geht
    um Geld in der Kasse , das Auto des kleinen Mannes / Frau muss entsorgt werden
    waehrend die Dienstfahrzeuge der Stadt und die der Reichen Ausnahmegenehmigungen erhalten.

  6. Yves Tychon

    Für jeden Westeuropäer, dem das Autofahren verekelt wird, steigen zwei oder drei Afrikaner oder Asiaten vom Drahtesel auf einen motorisierten Untersatz um, wenn sie sich’s leisten können, möglichst auf einen SUV.
    Erinnern Sie sich an die Krise vor ca. 10 Jahren, als in Deutschland die Verschrottungs-, pardon Umweltprämie eingeführt wurde ? Damals hatte ich in Addis Abeba einen äthiopischen Gebrauchtwagenimporteur kennengelernt, der auf meine Frage nach eventuell ausbleibendem Nachschub grinsend meinte: « Ich hab noch immer alles bekommen, was ich wollte. »

  7. Guido Scholzen

    Europa schafft sich ab, und der Rest der Welt hingegen baut sich weiter auf.

  8. Kurt Helmer

    Herr Van Compernolle,
    Ein Euro 2 Diesel lässt sich per Kat nicht auf Euro 4 hochrüsten. Ein Euro 3 höchstens auf Euro 4.
    Die Kosten für eine Nachrüstung in ein Fahrzeug, dass in den meisten Fällen nur noch Schrottwert hat, belaufen sich auf 1000 € oder mehr.
    Keine sehr kluge Investition.
    Das Abo bei de Lijn kostet für Personen über 65 Jahre 54 € pro Jahr, für Personen zwischen 26 und 65 Jahren 319 €.
    Was kostet ein Auto im Jahr inkl. Steuer, Versicherung, Tüv, Unterhalt, Reparatur, Parken?
    Das Auto generell hat in Innengroßstädten keinen praktischen und auch keinen wirtschaftlichen Nutzen.
    Eine Nachrüstung macht oftmals technisch und vor allem wirtschaftlich keinen Sinn. Dann doch besser eine Verschrottungsprämie zahlen.
    Der „Export“ von Drecksschleudern ins Ausland hat nichts mit Umweltzonen zu tun, sondern mit Geschäftemacherei und mangelndem Umweltbewusstsein.

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