Kommentar: Wie schön, dass wir die Wahl haben

An diesem Sonntag ist es soweit: Dann haben wir die Wahl. Manch einer empfindet das als lästige Pflicht. Dabei sollten wir uns besonders glücklich schätzen, schon weil wir nicht nur eine Stimme haben.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Gleich viermal dürfen wir wählen, so oft wie kein anderer. Bei uns kommt, im Unterschied zu Flamen und Wallonen, ja noch die Wahl des Gemeinschaftsparlamentes hinzu. Wir wählen also der Reihe nach: das Europäische Parlament (mit einem eigenen Wahlkreis), die Abgeordnetenkammer, das Wallonische Parlament und, last but not least, das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft.

Letzteres zieht (nach den Gemeinderatswahlen) immer die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Das liegt an der gut geölten PR-Maschinerie der ostbelgischen Parteien und Ministerkabinette. Sowieso ist einem das Hemd näher als der Rock. Das hat nicht nur sprachliche Gründe.

Unter den Hörerfragen, die uns im Vorfeld der PDG-Wahldebatte erreichten, war eine ganze Reihe direkt an die noch amtierenden Minister gerichtet, die sie eigentlich gar nichts angehen. Also zumindest von ihrer Funktion her. Von der Mülltrennung über schlecht verlegte Rinnsteindeckel an der Autobahn bis zu Wildunfällen. Selbst schuld, könnte man sagen. Erwecken die Damen und Herren doch immer den Eindruck, dass sie sich um alles kümmern wollen.

Es zeigt aber vor allem, dass den Bürgern ganz profane und alltägliche Fragen auf dem Herzen liegen. Und dass sie dabei nicht unterscheiden, welche Ebene in Belgien nun dafür zuständig ist. Der Lebensalltag lässt sich nicht „vergemeinschaften“ oder „regionalisieren“, nicht nach Befugnissen auseinanderklamüsern. Und bis auf Weiteres hängen wir in vielen lebensbestimmenden Bereichen von Entscheidungen in Brüssel und Namur ab. Was da passiert, sollte uns also etwas angehen. Von Europa ganz zu schweigen.

Es braucht keine Umfragen, um festzustellen, dass die Minister der Berliner GroKo in Ostbelgien bekannter sind als die der scheidenden Minderheitsregierung Michel. Und die wallonischen Minister tauchen namentlich nur auf, wenn sie von ostbelgischen Abgeordneten befragt werden oder auf Einladung ihrer hiesigen Parteifreunde einen Betrieb besuchen. Oder Projekte wie die Umgehung der N62 mal wieder auf die lange Bank schieben.

Es ist also gut und wichtig, wenn wir bei der Zusammenstellung der anderen Parlamente unser Wörtchen mitreden und uns dessen auch bewusst sind. Wir sind nun mal Teil eines größeren Gemeinwesens, nicht nur Ostbelgiens.

Stephan Pesch

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