Kommentar: Was meint der TED dazu?

Jetzt sind es nur noch zwei Wochen bis zu den Wahlen - und die Spannung steigt wie die Anzahl Wahlplakate, zumindest an einigen Orten. Zusätzlich angeheizt wird sie durch Wahlprognosen und Stimmungsbarometer. Was könnte da hilfreicher sein als das Internet? Aber: Aufgepasst bei der Wahl der Mittel!

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Rund 1.200 Teilnehmer haben sich geäußert – zu einer Frage, die unbestritten die Nation bewegt: „Wer wird Deutscher Meister?“ So kurz vor Toresschluss lautet das vorläufige Umfrageergebnis bei vier Punkten Rückstand und noch zwei ausstehenden Spielen: gut 39 Prozent für den BVB, 35 für die Bayern. Ob Fußballsachverstand oder der Wunsch Vater des Gedankens war, sei dahin gestellt. Den Leuten war es immerhin einen Anruf wert, bei „25 Cent pro Anruf aus dem Festnetz, Mobilkosten sind höher“. So funktioniert zurzeit der TED eines deutschen Privatsenders.

Dieser „Tele-Dialog“ war Ende der siebziger Jahre entwickelt worden, als Frühstufe des interaktiven Fernsehens. In der ZDF-Hitparade und in „Wetten, dass…?“ wurde das ungelenke Strichmännchen zu einem treuen Begleiter. Vor dem TED gab es noch andere Verfahren: Bei der Sendung „Wünsch Dir was“ wurden Zuschauer einer ausgewählten Stadt gebeten, zwecks Abstimmung ihre Elektrogeräte einzuschalten oder die Toilettenspülung zu betätigen. Mitarbeiter der Stadtwerke überwachten den Anstieg des Strom- oder Wasserverbrauchs.

Heutzutage undenkbar! Aber heutzutage haben wir ja auch das Online-Voting. Was brauchen wir da noch Meinungsforschungsinstitute und geschulte Interviewer – ein Klick genügt und die Sache läuft. Da gibt’s die nettesten Umfragen zur spannendsten Fernsehsendung, zum schönsten Fußballstadion oder zum Lieblingsrestaurant. Oder es geht ans Eingemachte: Wie würden Sie entscheiden?

Nicht nur kurz vor Wahlen gibt die Frage: „Wenn am nächsten Sonntag Wahlen wären …“, Aufschluss über die allgemeine Stimmungslage im Land. Allerdings wird diese Sonntagsfrage in die Hände von anerkannten Fachleuten gegeben. Die wiederum befragen entweder telefonisch zufällig ausgewählte Personen oder von Angesicht zu Angesicht. Oder eben „internetbasiert“, also: online. Dazu werden dann aber Mitglieder eines Befragten-Pools nach bestimmten Quotenvorgaben ausgewählt. Nur um zu zeigen, dass Meinungsforschung kein Kinderspiel ist.

In der heißen Phase vor den Wahlen kommen wir auch in Ostbelgien in den Genuss von Online-Stimmungsbarometern. Das hat seinen Reiz. Und vor allen anderen wüssten wahrscheinlich die Kandidaten selbst am liebsten, wie die Chancen stehen.

Solche Umfragen sind aber mit Vorsicht zu genießen, weil sie auf die Initiative des Befragten setzen (wie beim TED) und darum nicht klar ist, wie repräsentativ sie wirklich sind. Warum hat der Befragte teilgenommen, begreift er selbst die Teilnahme als Spiel oder tut er es jemandem zum Gefallen? Die Fehlerquoten, die schon fundierte und erprobte Umfragen hervorbringen, sollten gegenüber solchen Schnellschüssen hellhörig machen. Also: Keine voreiligen Schlüsse ziehen!

Aufschlussreicher scheinen mir die von Universitäten begleiteten Befragungsmodule zu sein wie der „Stemtest“ von VRT und De Standaard oder, für uns hier interessant, der „test électoral“ von RTBF und La Libre Belgique – zumindest für die Wahlen auf föderaler, regionaler oder europäischer Ebene. Und für die Wahl zum PDG der Wahl-o-Mat, der vom Rat der Deutschsprachigen Jugend entwickelt wurde und nicht nur Erstwählern eine Hilfe sein könnte. Neben den vollständigen Wahlprogrammen der Parteien, versteht sich.

Für alles andere gilt die alte Politologen-Weisheit: Woran erkennt man, dass ein Meinungsforscher einen Witz machen will? Er verwendet Stellen nach dem Komma.

Stephan Pesch

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Ein Kommentar
  1. Dieter Leonard

    Warum so zurückhaltend Stephan?
    Anlass des Kommentares ist doch sicher das m.E. fragwürdige Online-Voting des GE, das so gar nicht zu seriösem Journalismus passt.

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