Kommentar: Die letzten Belgier

Im Beisein von König Philippe ist im PDG an den Beginn der Pariser Friedenskonferenz vor hundert Jahren erinnert worden. In der Folge kamen die Kreise Eupen und Malmedy sowie Neutral-Moresnet, das heutige Kelmis, zu Belgien. Man kann also mit Fug und Recht von den "letzten Belgiern" sprechen, bei aller Zweideutigkeit, die das beinhaltet.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Gefeiert haben sie nicht vor hundert Jahren, die Menschen in diesem Gebiet. Für sie war die Aussicht, das „Vaterland“ zu wechseln, alles andere als vielversprechend – wenn sie denn wussten, was in Paris verhandelt wurde. Von einer „Rückkehr in den belgischen Schoß“ konnte nicht wirklich die Rede sein, dazu war das Königreich zu jung.

Auch die belgischen Verhandlungsführer haben am Ende nicht in die Hände geklatscht. Die Ansprüche auf territoriale Wiedergutmachung nach den im Ersten Weltkrieg erlittenen Gräueln waren ganz andere, aber eben nicht zu erfüllen. Für die Abtretung der beiden deutschen Kreise mussten (neben den sprachlichen Argumenten für Malmedy) vor allem wirtschaftliche und militärisch-strategische Rechtfertigungen herhalten, von der Vennbahn über den Truppenübungsplatz Elsenborn bis zum Wasser und den Wäldern. Die widerwilligen Einwohner waren da eher lästig.

Um ein Haar hätte man sie ein paar Jahre später wieder verkauft, die „Cantons rédimés“. So werden sie bis in unsere Tage unwissentlich bezeichnet, wie noch vor zwei Jahren von François de Brigode in den Hauptfernsehnachrichten der RTBF. In Flandern bleibt nicht nur bei Touristen der Begriff „Oostkantons“ geläufiger als das zur Standortmarke erhobene „Ostbelgien“.

Der Versailler Vertrag hatte den „Neubelgiern“ nicht den Schutzstatus gewährt, der anderen Minderheiten nach einem Staatenwechsel in Folge der Friedensverhandlungen eingeräumt wurde. Die Umstände führten dazu, dass sie zu dem wurden, worum sie heute „viele andere Regionen in Europa beneiden“, wie Ministerpräsident Oliver Paasch unterstreicht. Hier und da hört man das sogar von den Nachbarn in der Malmedyer Wallonie, die Teil der früheren Schicksalsgemeinschaft waren und – bei allen institutionellen Grenzen – immer noch Teil des gemeinsamen Lebensraumes sind.

Den Begriff „bestgeschützte“ Minderheit können aber mittlerweile selbst die politischen Verantwortungsträger in Ostbelgien nicht mehr hören. Stattdessen benutzt man selbstbewusst und dankbar das Prädikat „best ausgestattet“. Da ist was dran, auch wenn in Sachen garantierte Vertretung, neue Zuständigkeiten, provinzfreies Gebiet oder Respekt der dritten Landessprache noch einiges geht.

Es wäre falsch zu sagen, so der Historiker Christoph Brüll im BRF-Interview, dass die Kulturautonomie und der Ausbau der Deutschsprachigen Gemeinschaft die Leiden nach dem Staatenwechsel 1920 und vor allem die Leiden während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufheben. Parlamentspräsident Alexander Miesen darf dennoch von einer „Versöhnung Ostbelgiens mit der eigenen Geschichte“ sprechen. Sie habe damit zu tun, dass aus der Fremdbestimmung, wie sie in der Farce der Volksbefragung von 1920 gipfelte, ein in großen Teilen selbstbestimmtes Handeln wurde.

Sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen, bewahrt vor Hurra-Patriotismus wie vor Selbstüberschätzung. Und es erklärt, warum sich die Ostbelgier auf ihre Bescheidenheit etwas einbilden, gleichzeitig aber Chancen zu ergreifen wissen, wenn sie sich bieten.

Stephan Pesch

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