Kommentar: Nachkarten gilt nicht!

Wer die politische Auseinandersetzung mag, ist nach dem eher faden Wahlkampf in dieser Woche auf seine Kosten gekommen: Von der Koalitionsbildung ohne oder mit der CSP in Eupen und Kelmis über ein missverstandenes Angebot in Raeren bis hin zum internen Knatsch in der neuen Einheitsliste in Büllingen. Ein gutes Bild gibt die Politik dabei nicht immer ab.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Gleich am „Tag danach“ gab’s in der flämischen Zeitung „De Morgen“ eine herrliche Karikatur von Jacques Moeraert, besser bekannt als ZAK. Otto Normalbürger und Lieschen Müller sitzen auf dem Sofa vor einem Bildschirm, über den vermutlich Wahlergebnisse flimmern. Er entrüstet: „So haben WIR nicht gewählt.“ Worauf sie ebenso empört sagt: „Und das nennen sie Demokratie.“

Das fasst sehr gut zusammen, was sich in den letzten Tagen so abgespielt hat an erregten Äußerungen in den sozialen Netzwerken, in Meinungsforen und im zufälligen Gespräch auf der Straße: Da war häufig vom Wählerwillen die Rede, der „mit Füßen getreten“ worden sei, von „schlechten Verlierern“, von Pöstchenjägerei oder von „fehlendem Mut zur Verantwortung“.

Dabei könnte es so einfach sein, wenn man mit offenen Karten spielte. Wer weiß denn schon, wer wem welches verlockende Angebot gemacht hat. Wobei: Wer seine Karten auf den Tisch legt, riskiert über denselben gezogen zu werden. Am Ende gewinnt derjenige, der die besten Trümpfe in der Hand hat. Oder einen Joker im Ärmel. Und auch wenn es irgendwie zum Spiel dazugehört: Nachkarten gilt nicht! Oder bringt auf jeden Fall nix.

Selten liegen die Dinge so klar wie in St. Vith. Oder in Burg-Reuland. Oder in Büllingen. Wobei gerade das, was diese Woche in Büllingen geschehen ist, einen bitteren Beigeschmack hat. Sicher: Die Liste von Bürgermeister Wirtz war nicht darauf angewiesen, dass sich ihr die Vertreter der früheren Opposition anschließen. Sie (und ihre Wähler) mit der Entscheidung um den ÖSHZ-Vorsitz förmlich vor den Kopf zu stoßen, zeugt aber nicht von Größe. Transparenz hin oder her: So etwas hätte intern geklärt sein müssen. Und sage mir keiner, dass ein – erst recht erfahrener – Politiker es ohne Not auf eine Kampfabstimmung ankommen lässt. Schaden nehmen die Betroffenen… auf beiden Seiten.

Es ist ja völlig richtig, dass bei Personalentscheidungen auch andere Kriterien angelegt werden als nur die Zahl der Vorzugsstimmen. Ob der Job gut gemacht wird, hängt stärker von Sachkompetenz, zeitlicher Verfügbarkeit und Interesse ab als von der Beliebtheitsskala. Sonst müssten die Gemeinden, wo die Ämtervergabe noch offen ist, sich nicht so lange beraten.

Dass es eine Menge neuer Entscheidungsträger geben wird, war vor den Wahlen klar. Und die sollte man erst mal machen lassen, statt sie schon vor dem Amtsantritt zu demontieren.

Stephan Pesch

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3 Kommentare
  1. Jürgen Margraff

    Nur ’ne Frage: „Wann hat die Politik das letzte Mal gut ausgesehen?“ – mein Erinnerungsvermögen ist nicht ausgeprägt genug um mir auf die Frage eine zufriedenstellende Antwort zu liefern!

  2. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Die Geschehnisse in Buellingen sind schon bemerkenswert. Sonst hatte man nichts von den Herren Stoffels und Miesen gehoert, haben sich nicht zu Sachthemen geaeussert in den Medien. Aber jetzt, wo es um Posten geht, hoert man was. Das ist pure Postenjaegerei und bestaetigt Vorurteile.

  3. WILLY HEUSCHEN

    sie dazu meinen Facebook -Beitrag…..wann erarbeiten wir uns wieder eine BASISDEMOKRATIE in Ostbelgien ?

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