Koalitionsbildungen: Gewinnen ist nicht alles – Ein Kommentar

In diesen Tagen wird viel über den vermeintlichen Wählerwillen spekuliert. Es wäre sinnvoller, sich die Spielregeln einer Wahl anzuschauen.

BRF-Programmchef Olivier Krickel

BRF-Programmchef Olivier Krickel (Bild: Achim Nelles/BRF)

Es ist nur menschlich, dass ein Gewinner enttäuscht ist, wenn er von seinem Gewinn nichts hat, weil er vielleicht nicht genug gewonnen hat. Demokratie funktioniert aber nicht nach den Kategorien Gewinner/Verlierer, sondern nach absoluten Mehrheiten.

Jetzt darf man streiten, wie eine solche Mehrheit am besten zusammen kommt. Es gibt Demokratiemodelle, in denen zunächst eine relative Mehrheit reicht, um am Ende auch am Drücker zu sitzen. The winner takes it all – das sorgt für eine Politik aus einem Guss mit klarer Verantwortlichkeit. Hat aber den Nachteil, dass Minderheiten schwerer Gehör finden.

Unser Wahlsystem hat einen anderen Ansatz: Es sieht einen Vorteil darin, dass für eine absolute Mehrheit oft Koalitionen nötig sind. So fließen Ideen von unterschiedlichen Strömungen in die politische Gestaltung ein. Wird der Wille der Wähler nicht besser repräsentiert, wenn möglichst viele Parteien am Tisch sitzen?

Es ist zwar richtig, dass gerade bei Gemeinderatswahlen vor allem Köpfe gewählt werden. Aber: Wir wählen den Gemeinderat, nicht den Bürgermeister. Und der Gemeinderat setzt sich in erster Linie aus Vertretern von Listen zusammen. Daher ist es eine verzerrte Sicht, nur auf die Vorzugsstimmen von Einzelkandidaten zu schauen. Dabei vergisst man nämlich die Wähler, die eine Liste als Ganzes per Listenstimme gewählt haben.

Woher die Vorzugsstimmen von Einzelkandidaten kommen, ist außerdem nicht wirklich eindeutig: Ist da der Spitzenkandidat das Zugpferd der ganzen Liste oder beschert eine starke Liste dem Spitzenkandidaten viele Stimmen? Die Antwort ist letztlich Spekulation.

Olivier Krickel

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5 Kommentare
  1. Nina Reip

    Herzlichen Dank für diese ruhige und sachliche Klarstellung. Das tut gut in einer Zeit mit so viel Getöse!

  2. Alexander Hezel

    Vielen Dank Herr Krickel für diese Gedächtnisstütze zu Mehrheitswahl und Verhältniswahl.
    In der Tat hat die „Mehrheit“ vor allem eines getan: gewählt (Wahlbeteiligung 81,77%). Von denen, die gewählt haben, haben nicht „die meisten“ (die Mehrheit) die CSP gewählt, sondern nur 29,60%, also knapp ein Drittel. Die „Mehrheit“ (die restlichen 70%) hat also nicht die CSP gewählt. Allerdings hat eine Mehrheit insgesamt die Parteien gewählt, die nun koalieren (PFF-MR, Ecolo, SPplus), deshalb bilden sie nun eine „Mehrheit“.
    Ist doch nicht so kompliziert, oder? 😉

    Vielleicht sollte sich die CSP (und ihre Wähler) einmal fragen, warum keine einzige Partei mit ihnen koalieren möchte, anstatt sich über die Regeln der belgischen Demokratie aufzuregen?

  3. Maria van Straelen

    Und noch etwas wird in Diskussionen haeufig verzerrt. Wenn man die einzelnen Parteien betrachtet und “Gewinner” gegen “Verlierer” aufrechnet, in dem z.B eine Partei, die von 35 auf 30 % abrutscht der Verlierer ist und eine andere, die von z.B 10 auf 15 aufrueckt, Gewinner ist. Hier werden nur die Wechselwaehler beruecksichtigt. NEIN, erstere Partei wird von doppelt so vielen Waehlern gewuenscht und ist somit der Gewinner von beiden. Es geht nicht um HINZUgewinnung, sondern um allg. Zuspruch.

  4. Marc Despineux

    Lieben Dank Herr Krickel, es geht auch einfach und mit Ruhe. Kurz, alles auf den Punkt gebracht. Jeder Politiker weiß es bevor er sich für einen Listenplatz entscheidet.
    Danke auch für die Politsendungen, sie, BRF war immer und nah am Ball.
    Mit ein paar Zuschauer wäre es vielleicht etwas Knackiger gewesen.
    Alles im allen haben wir mit BRF gut GEWÄHLT

  5. Marco Jacobs

    Sehr geehrter Herr Krickel,
    Sollte Ihr Kommentar vieleicht für Gemeidewahlen zutreffen ist er allgemein zu kurz gedacht und unterstützt die Politikverdrossenheit. Dafür gibt es 2 klare Gründe.
    1. Wenn MR (Pff), PS (SP) und ECOLO zusammen koalieren ist das Argument die stehen alle für die gleiche Politik, wieso soll ich wählen gehen schwer zu entkräften.
    2. Wenn in der Föderalpolitik sich alle flämischen Parteien die wir nicht wählen können mit einer wallonischen Partei die unendlich weit von einer Mehrheit entfernt ist zusammen schließen dann ist der Satz meine Stimme zählt ja aber nicht richtiger als je zuvor.
    Ich denke Demokratie hat besseres verdient.

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