Generationswechsel: Neue Bürgermeister braucht das Land – Ein Kommentar

In ziemlich genau neu Monaten ist es soweit: Am 14. Oktober werden die neuen Gemeinderäte gewählt, Anfang Dezember werden sie dann eingesetzt. Und dann wird in Ostbelgien - unabhängig vom Wahlausgang - vieles nicht mehr so sein, wie bisher. Denn sechs von neun aktuellen Bürgermeistern werden nicht mehr für dieses Amt kandidieren. Es geht aber nicht nur um neue Gesichter, findet Stephan Pesch in seinem Kommentar.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Es war unserer Reihe von Bürgermeistergesprächen im BRF deutlich anzuhören: Hier tritt eine Generation von Urgesteinen von der Bühne ab. Alle mehr oder weniger weit in den 60ern. Größtenteils mit einer Menge an Erfahrung in der Gemeindepolitik und für den ein oder anderen auch auf Gemeinschaftsebene. Denen macht niemand etwas vor. Da kommen die Antworten, wie aus der Pistole geschossen.

Ein bisschen Stolz klang heraus, fast schon Verwunderung über die eigene, lange Laufbahn… und auch Erleichterung, um kürzer treten zu können oder weil man die persönlichen Angriffe leid ist, wie Bütgenbachs Emil Dannemark. Jetzt, oder besser gesagt ab dem Jahresende, müssen es andere richten, in der Regel „Jüngere“ – mit einem anderen Stil.

Vorgemacht hat den Wechsel schon die Gemeinde Burg Reuland: Auf Joseph Maraite folgte vor knapp einem Jahr mit Marion Dhur die erste Bürgermeisterin in der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Die Mittvierzigerin aus Steffeshausen war vor den letzten Gemeinderatswahlen ein politisch unbeschriebenes Blatt. Erst als Finanz- und Schulschöffin, dann als Bürgermeisterin hat sie auch unter ihresgleichen einen Politikstil durchgesetzt, der über ihre Gemeinde hinaus positiv von sich reden macht. Den Sprecher der hauseigenen Opposition hat es sogar dazu gebracht, die Mission eines Machtwechsels als „hat sich von selbst erledigt“ anzusehen und erst gar nicht mehr anzutreten.

„Stil“ meint hier nicht etwas Äußerliches, sondern etwas Grundlegendes. Dass das Bürgermeistersein kein „Zuckerschlecken ist, wo man mit der Fahne durchs Dorf spazieren geht“, um Raerens Hans-Dieter Laschet zu zitieren, dürfte inzwischen jedem klar sein. Christian Krings rechnet einen Arbeitsaufwand von 70 bis 80 Stunden pro Woche vor, davon zwei Drittel im Rathaus und ein Drittel im Krankenhaus, dessen Verwaltungsrat er vorsitzt. Denn die Präsenz in gemeindeübergreifenden Gremien nimmt die Kommunalpolitiker immer mehr in Anspruch. Zusätzlich zu den Hausaufgaben, die immer mehr und immer komplizierter werden.

„Sie haben’s ja schließlich selber so gewollt“, mag man da einwerfen. Richtig. Aber so vorgestellt, haben sie es sich vielleicht nicht. Klar sind da die Schöffen für die einzelnen Fachbereiche, sind da erfahrene Beamte in der Gemeindeverwaltung mit ihrem Chef, der nicht von ungefähr vom „Gemeindesekretär“ zum „Generaldirektor“ aufgewertet wurde.

Aber die Verantwortung trägt letzten Endes der Bürgermeister mit seiner „Richtlinienkompetenz“, wie es Louis Goebbels nennt. Im Vergleich zu seinen Amtskollegen noch ein Grünschnabel, ebenso wie Eupens Bürgermeister Karl-Heinz Klinkenberg, der klar von einem „Vollzeitjob“ spricht. Darunter ist es wohl nicht zu haben. Die Zeiten, wo ein Klaus Schumacher seinen Installateurbetrieb noch weiterführen konnte, weil er sich dann bis spätabends um die Gemeinde kümmerte, sind vorbei.

Stellt sich also die Frage: Wer macht den Job? Wer kann es sich leisten, den Beruf oder den eigenen Betrieb während sechs Jahren hinten anzustellen? Wer will sein sicheres Einkommen tauschen gegen ein Gehalt, das nach den Einwohnerzahlen der Gemeinde gestaffelt ist und unter dem liegt, was man bisher verdient? Wer kann dieses anfordernde Amt mit dem Privatleben vereinbaren? Politik – am Ende doch wieder nur was für freigestellte Lehrer oder Beamte? Die Rahmenbedingungen sollten jedenfalls so attraktiv wie möglich sein, denn wir brauchen gute Leute an der Spitze unserer Gemeinden – um nicht zu sagen: die besten.

Dann funktioniert auch, was sich Büllingens Friedhelm Wirtz im BRF-Bürgermeistergespräch wünschte: dass die Kommunalpolitiker gerade durch die Nähe zum Bürger das Vertrauen in die Politik herstellen, das Trump, Moreau & andere zerstört haben. Alfred Lecerf weiß nur zu gut, welchen Flurschaden der Publifin-Skandal angerichtet hat.

Ich bin gespannt auf die Bürgermeistergespräche in einem Jahr – was sie an Neuem bringen, an Gesprächspartnern und an der Weise, Politik zu machen.

Alle Bürgermeistergespräche im Überblick

Stephan Pesch

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Ein Kommentar
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Herr Pesch. Sehr guter Kommentar. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen.

    Es stimmt, man muss es sich leisten können, Politik zu machen. Und nicht jeder kann es sich leisten. Eigentlich ein Unding in einer Demokratie. Theoretisch müsste jeder die Möglichkeit bekommen. Da stellt sich die Frage nach der Gleichheit aller Bürger.

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