Die Katalonien-Krise als Chance für Europa – Ein Kommentar

Dass die Katalanen ihr Unabhängigkeits-Referendum ohne verfassungsrechtliche Grundlage durchgeführt haben, ist das eine. Dass der spanische Zentralstaat mit Gewalt darauf reagiert hat, das andere. Im Ergebnis hat der Sonntag die Fronten in dem Konflikt dramatisch verschärft, ein für beide Seiten akzeptabler Ausweg zeichnet sich nicht ab, und Europa schweigt. Ein Armutszeugnis findet das Kay Wagner, und sieht die EU drauf und dran, die Chancen der Katalonien-Krise zu verspielen

BRF-Redakteur Kay Wagner

BRF-Redakteur Kay Wagner (Bild: Alexander Louvet/BRF)

Vergleiche hinken immer, aber öffnen manchmal auch die Perspektive. Wollen wir es mal versuchen:

Wenn eine Frau und ein Mann sich dazu entscheiden, zu heiraten, dann schließen sie quasi einen Vertrag. Nicht selten kommt es dann vor, dass sich einer der beiden irgendwann an diesen Vertrag nicht mehr gebunden fühlen möchte.

Ein Konflikt also. Wie löst man den? Entweder, man geht zur Paarberatung und spricht über alles. Hilft auch das nicht, oder verzichtet man direkt darauf, dann liegt es im Interesse Beider, dass man den Vertrag auflöst.

Klar, was das Beispiel verdeutlichen soll. Aber was bezogen auf eine menschliche Beziehung so einleuchtend erscheint, erscheint in Bezug auf die Beziehung von Spanien zu Katalonien für viele so befremdlich. Hier gibt es auch eine Partnerschaft, historisch betrachtet eine Zwangsehe. Wohl gefühlt hat sich Katalonien nie wirklich unter spanischer Herrschaft. Jetzt fühlt man sich so stark, die Unabhängigkeit zu wagen, die Trennung.

Also: Auf zur Paartherapie? Nein. Denn Gespräche um mehr Autonomie hat Spanien in jüngster Zeit abgelehnt. Gleichzeitig lässt es Katalonien aber auch nicht gehen. Wie stellt Spanien sich bloß die Zukunft vor?

„Wenn du jemanden liebst, lass ihn gehen. Wenn er zurückkommt, ist er dein. Kommt er nicht wieder, hat er dich nie geliebt.“ Ein Spruch, mit dem man Menschen tröstet, deren Partner einen gerade verlassen hat. Nichts Anderes sollte für Spanien im Verhältnis zu Katalonien gelten. Man kann keinen zwingen, bei jemandem anderen zu bleiben.

Aber natürlich ist das alles ganz schwierig zu sagen. In einem Europa, das immer noch so sehr dem Nationalstaat verpflichtet bleibt. Trotz der schlimmen Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und der für den Frieden so erfolgreichen Europäischen Union. Also einem Supra-Nationalen Gebilde.

Dabei sind Nationalstaaten ja nichts Gottgewolltes. Sie sind historisch gewachsen, sogar meist auf dem Blut Anderer errichtet worden. Man schaue sich die Geschichte Großbritanniens, Deutschlands oder eben auch Spaniens an. Zur Verdeutlichung: Wo war der heute so sakrosankte Nationalstaat Spanien vor 1000 Jahren?

Alles ist vergänglich in der Geschichte, auch Nationalstaaten. Eins ihrer wichtigsten Fundamente ist der gemeinsame Wille der Menschen, die in ihm leben, zu diesem Nationalstaat gehören zu wollen. Viele Katalanen wollen nicht mehr zu Spanien gehören. Also gut. Lasst sie doch gehen. Wo ist das Problem?

Wo wäre das Problem für Belgien, wenn Flandern sich tatsächlich loslösen würde? Warum hat man hier so viel Angst vor Abspaltung, wo doch das eigene Land, also Belgien, selbst erst durch Abspaltung entstanden ist, durch eine blutige sogar. Sind die Niederlande daran zugrunde gegangen?

Was hat die EU von dem Festhalten an dem Nationalstaat als Grundgerüst der Union? Denn nichts anderes bedeutet ja das schlimme Schweigen, mit der alle EU-Verantwortlichen mit Rang und Namen auf die brutalen TV-Bilder vom vergangenen Sonntag reagiert haben?

Es sind die Nationalstaaten, die die Europäische Union bremsen. In allen Hauptstädten wird auf die EU geschimpft. Sie wird verantwortlich gemacht für alles, was auf nationaler Ebene schief läuft. Und das, obwohl die Nationalstaaten alle EU-Beschlüsse selbst maßgeblich mitgestalten.

Der wieder erstarkende Nationalismus in Ungarn, Polen, Frankreich und wo sonst nicht alles ist Gift für ein Europa, das weitergehen möchte, das anders werden möchte. In die Zukunft schauen möchte. Nationalstaaten gehören der Vergangenheit an, nationales Denken bremst Europa. Warum Europa nicht auf Regionen gründen? Die oft große Fans der EU sind, siehe Schottland, siehe Katalonien.

Warum nicht Neues wagen, Mut haben, sondern lieber die Augen schließen, damit andere im Namen der Demokratie die Knüppel schwingen können?

Europa täte sich selbst einen Gefallen, den Konflikt in Spanien nicht nur als innere Angelegenheit von Spanien abzutun. Zumindest vermitteln sollte die EU. Das ist sie ihrem Friedensnobelpreis doch irgendwie schuldig.

Und dann Katalonien helfen frohen Mutes in die Eigenständigkeit zu gehen, wenn die Mehrheit der Katalanen das überhaupt will. Die Briten lässt man ja auch aus der EU austreten. Und die Briten müssen lernen, mit ihrer Entscheidung zurecht zu kommen. Nichts Anderes müssten die Katalanen dann auch tun. Das wäre dann halt der Preis.

Aber wenn alles so weiterläuft, wie bisher, wird es dazu ja sowieso nicht kommen. Die EU wird damit eine Chance verpassen, sich wirklich zu reformieren. Neue Wege zu wagen, die den hinderlichen Nationalstaat überwinden.

Wie schade.

Kay Wagner - Foto: Alexander Louvet

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4 Kommentare
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Guter Kommentar Herr Wagner. Bitte bedenken Sie eines : die EU ist ein Produkt der Nationalstaaten und darum ist eine Existenz der EU ohne Nationalstaaten logischerweise nicht möglich. Aus was soll die EU dann bestehen, wenn nicht aus Nationalstaaten ? Aus Regionen, oder Ständen wie im Ancienne Regime oder aus Religionsgruppen oder Stämmen ? Die EU ist auch nur ein Staatenbund wie es viele in Europa gegeben hat. Es ist einfach nicht möglich, dass die EU eine Nation wie die USA werden kann. Dazu fehlen die Grundvoraussetzung wie etwa ein Nationalbewusstsein. Die EU in ihrer heutigen Form ist das bestmöglichste was auf friedlichem Weg möglich ist. Und bisher hat die EU noch keine wirkliche Bewährungsprobe bestehen müssen sie das Führen eines großen Krieges, der auch wichtig wäre für eine gemeinsame Identität. Länder haben das.

  2. Jean-Pierre DRESCHER

    Endlich mal ein wieder ein vernünftiger, mutiger Kommentar gegen den Strom der toten Fische bzw. Opportunisten auch in unserem Land. Dürfte den Nationalisten und allen heimischen Anhängern des Landes, wo wie man zuletzt sah nicht nur Stiere bestialisch abgeschlachtet werden, kaum gefallen. Aber jedes Volk hat das internationale Recht auf eine freie Nation ohne gewalttätige Besatzer in Form einer hasserfüllten vermummten Miliz aus Totschlägern.

    In einer freien Welt wo das primitive Faustrecht endlich überwunden ist durch Intelligenz und Diplomatie haben Hetze und krude Parolen gegen das junge Volk der intellektuellen Katalanen bzw. gegen deren Fans nichts verloren.

  3. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Drescher.
    Solange es Menschen auf der Erde gibt, solange wird auch das Faustrecht regieren. Denn Gewalt ist Teil der menschlichen Natur. Es ist eine Illusion zu glauben, es wäre in Europa überwunden. Wir haben einfach nur das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu leben, der uns glauben macht, die Welt wäre friedlich und die Gewalt überwunden und in Zukunft würden alle Konflikte gewaltfrei geregelt.

  4. Jean-Pierre DRESCHER

    Genau deshalb müssen wir alle als Vorbild das beste tun damit all die Gewaltverbrecher egal welcher Couleur nicht immer weiter an Übermacht gewinnen.

    Jeder von uns kann Zivilcourage zeigen. Sei es nur Boykott von Waren aus Ländern wo Kriegsverbrechen etc. getrieben werden bzw. Urlausverzicht. Vielleicht in der spanischen Pizzaria die Gewaltverbrechen diplomatisch ansprechen um die Zuwanderer aus diesen Ländern zu sensibilisieren oder auch zu schützen vor ihren eigenen Peinigern.

    Jeder von uns kann digital kostengünstig anschreiben Herrn Paasch, die Föderalregierung, die EU-Kommission oder online Petitionen verfassen. Ob politische Isolation von Gewaltverbrechern oder den eigenen Wunsch, aus der EU auszutreten, kann jeder selber formulieren.

    Kriegen wir den „Arsch hoch“, lassen wir uns nicht mutlos machen vor dem scheinbar übermächtigen Feind nur weil der endlosviel Geld und Personal hat! Dessen Schwachstellen sind Hochmut und fehlende Intelligenz. Denken Sie nur wie gut damals Ceaucescu und Milosovic friedlich besiegt wurden. Zivilcourage geht immer.

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