Die eine Familie gibt es nicht – Ein Kommentar

Das Thema "Familie" hat seinen festen Platz in Politik und Gesellschaft. Doch werden wirklich alle Familien berücksichtigt? Die letzte Debatte im Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft lässt vermuten: Nein. Das sagt zumindest Simonne Doepgen in ihrem Kommentar.

BRF-Redakteurin Simonne Doepgen

BRF-Redakteurin Simonne Doepgen

Es dreht sich alles ums Kind. In Familien mit Kindern ist das sowieso der Fall. Doch jetzt – und das ist gut so – hat auch die Deutschsprachige Gemeinschaft das Thema ganz oben auf ihre Handlungsliste gesetzt. Der „Masterplan 2025 für die Kinderbetreuung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft“ wurde diese Woche vorgestellt. Mit vielen ambitionierten Vorhaben.

Das Berufsbild der Tagesmütter und Kinderbetreuer soll aufgewertet werden, es sollen mehr Betreuungsplätze her und in puncto Kinderbetreuung sollen sich alle Teile der Gesellschaft angesprochen fühlen. Familienfreundlichkeit lautet das Stichwort.

Wie schön, dass auch immer mehr Betriebe aus der Privatwirtschaft sich mit gleitenden Arbeitszeiten oder einer betriebsinternen Krippe auseinandersetzen. Wie schön, dass es nun auch in Ostbelgien vereinzelt private Initiativen gibt, Betreuungsangebote zu schaffen.

Der Zug rollt in die richtige Richtung. Doch sind wirklich alle Passagiere an Bord? Die Debatte im Parlament zum Thema „Elterngeld“ lässt zu dem Schluss kommen: Nein. In Deutschland wurde das Thema „Herdprämie“ schon vor Jahren hart diskutiert. Doch alleine schon das Wort „Herdprämie“ schiebt einer ernsthaften Diskussion den Riegel vor. Wer möchte schon auf das vom Ehemann abhängige Hausmütterchen am Herd reduziert werden? Genau dieses Bild ist gesellschaftlich tatsächlich „rückwärtsgewandt“.

Deshalb sei das Elterngeld der falsche Weg, argumentiert die Mehrheit auf den Vorschlag von Vivant, solch eine Prämie einzuführen. Warum eigentlich? Warum kann es nicht Teil des eh schon sehr umfassenden Masterplanes der Regierung sein? Schließlich gibt es auch nicht mehr das eine Bild der Familie. Heutige Familien sind bunt. Mal groß, mal klein. Je nachdem welcher Elternteil mit der Betreuung dran ist. Mal sind sie traditionsbewusst, mal völlig eigenständig liberal und mal sind sie alles von dem gleichzeitig.

Doch einen gemeinsamen Nenner finden sie alle: Jede Familie möchte nur das Beste für ihre Kinder. So sollten bitte auch jene Familien ein Mitfahrticket bekommen, die ganz bewusst in den ersten drei Lebensjahren ihrer Kinder zu Hause bleiben möchten. Nicht, um in aller Ruhe den Haushalt zu regeln, sondern um sich um das Wichtigste zu kümmern, was wir haben: Um unsere Kinder.

Die Zeitspanne ist von Natur aus sehr klein: Schon ab drei Jahren – demnächst dann wohl schon ab 2,5 – erweitert sich das familiäre Umfeld und es geht raus in den Kindergarten. Doch wer diese Kleinkindzeit auskosten möchte, der muss heute finanziell fest im Sattel sitzen. Oder alle anderen Ansprüche hinten an stellen. Sei es auch nur für ein paar Monate.

Denn wer sich entscheidet, einige Zeit aus dem Berufsleben auszusteigen, riskiert viel. Im schlimmsten Fall seinen vorherigen Job. Zwar gibt es im Rahmen der Laufbahnunterbrechung einen finanziellen Ausgleich von Seiten des Landesamtes für Arbeitsbeschaffung, doch das „beim Kind bleiben“, ist heute ein Luxus. Ein Luxus, den sich nur die wenigsten leisten können.

Warum also nicht jenen Vätern und Müttern finanziell unter die Arme greifen, die ganz bewusst eine Zeit zu Hause bleiben wollen? Weil sie selbst die Windeln wechseln und den ersten Brei füttern wollen oder selbst die Hand bei den ersten Schritten halten möchten. Weil sie selbst erziehen wollen, statt einen bedeutenden Teil ihres Einkommens in die Kinderbetreuung zu stecken. Auch diese Familien gibt es nämlich. Diese Familien und nicht nur „diese“ Mütter!

Simonne Doepgen - Bild: Achim Nelles/BRF

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6 Kommentare
  1. MEYER Andreas

    Sehr guter Kommentar! Danke!

  2. André Veithen

    Sehr guter Beitrag Frau Doepgen, ich hoffe das Herr Antoniadis über seinen Schatten springt und den Masterplan noch ein mal überarbeitet.

  3. Dieter Leonard

    Die langjährige, viel zu früh verstorbene RDG-Mandatarin von ECOLO, Leonie Kirschfink hätte sie für diesen Kommentar umarmt und ihnen eine Wiesenblume auf ihr Büro gelegt, Frau Doepgen.
    Die Betreuung und Erziehung von Kleinkindern durch ihre Eltern war ihr schon vor mehr als 25 Jahren ein Herzensanliegen.
    Sie hätte den Vivant-Vorschlag wohl mit beiden Händen unterschrieben.
    Die verhärteten Positionen im PDG zu diesem Thema verdeutlichen erneut die mangelnde Bereitschaft, gesellschaftspolitische Themen ohne macht- und parteipolische Scheuklappen in einer offenen Diskussion zu führen.
    Darin hat sich in den vergangenen 25 Jahren nichts geändert.

  4. Alexander Hezel

    Die DG wäre schlecht beraten, sich am deutschen „Vorbild“ zu orientieren: 39% der Frauen arbeiten in Teilzeit und sind schlechter bezahlt (OECD-Studie Februar 2017); das ist mehr als in allen anderen EU-Ländern. Die „Herdprämie“ trägt m.E. dazu bei. Was Länder wie Deutschland brauchen, ist ein Mentalitätswandel, ein Umdenken – vor allem der Männer! – weg von einem Frauen- und Gesellschaftsbild das den Eindruck erweckt, irgendwo im christlich-hinterweltlichen Mittelalter stehengeblieben zu sein. Dann bedarf es auch keiner Herdprämie mehr, denn Männer würden sich in Erziehung, Betreuung und Haushalt einbringen und Frauen könnten sich genauso beruflich und privat entfalten wie XY-Chromosomträger, ohne ihre „Mutterrolle zu vernachlässigen“ (seltsamerweise spricht niemand von „Vaterrolle vernachlässigen“, von „Rabenvater“ und von „Hausväterchen“, oder davon, dass Väter doch gefälligst einige Jahre zuhause zu bleiben haben, um sich um ihr Kind zu kümmern).

  5. Kerstges Angela

    Herr Hezel, ja zu obigem Thema muß umgedacht werden, doch rätsle ich, wieso nur Deutschland umdenken muß, Belgien gehört meines Erachtens nach, auch dazu.
    Vielleicht kriege ich mit Ihrer Hilfe ? dieses Räsel noch gelöst, oder ?

  6. Maria van Straelen

    Kein Land ist in diesem Punk so konservativ. Meine Theorie ist schon immer der Kalte Krieg. Was in der DDR bestand MUSSTE per Definition schlecht sein. Was haben wir (in D) nicht alles für Kommentare gehört über die armen Schlüsselkinder etc. Heute haben diese Mütter alle eine miese Rente und jammern wieder. Das belgische System ist aus meiner Sicht gut, beide Partner können, nacheinander die Laufbahnunterbrechung nutzen, von 100 bis 20 %, insgesamt 5 Jahre in einer Kariere, und jetzt kommts: Es gibt eine Prämie vom Staat, die Zeit zählt weiter für die Rente UND man hat die Garantie einer Wiedereinstellung ! Was soll da eine läppische Summe von 100 € bei der man ansonsten total aus dem Sozialsystem ausscheidet. Trotz Kinderbetreuung müssen Eltern oft genug die Windeln wechseln und sich um ihre eigenen Kinder kümmern.

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