Der Kommentar: Die Botschaft der Menschenkette ist eine europäische

Das Bündnis "Stop Tihange" feiert am Tag danach die Menschenkette als großen Erfolg. 50.000 reichten sich am Sonntag auf 90 Kilometern zwischen Tihange und Aachen die Hände, 10.000 mehr wären nötig gewesen, um die letzten Lücken zu schließen. Doch Zahlen sagen auch hier nicht alles. Was hat die Protestaktion angestoßen, was kann sie bewirken? Und: War es denn tatsächlich ein eher deutscher Protest oder doch ein übernationaler?

BRF-Chefredakteur Rudi Schroeder

Rudi Schroeder

Kein Zweifel: Was das Antiatomkraftbündnis auf die Beine gestellt hat, ist beeindruckend. 50.000 Menschen in einer Kette durch drei Länder haben ein deutliches Signal an die Kernkraftwerksbetreiber in Doel und Tihange, an die belgische Atomaufsicht und die belgische Regierung gesendet. Die Botschaft ist unmissverständlich: Sofortiges Abschalten der umstrittenen Meiler Tihange 2 und Doel 3 und Schluss mit der Kernenergie!

50.000 – die deutschen Demonstranten waren erwartungsgemäß in der Überzahl, aber auch Tausende Holländer und Belgier waren dabei. Allein aus Ostbelgien mögen es um die Tausend gewesen sein. Viele mit Kind und Kegel, Familien, Gruppen, Vereine, Parteien und jede Menge regionale Prominenz. Fast alle ausgestattet mit Aufklebern, Spruchbändern, Transparenten.

Es wurde musiziert und diskutiert, getanzt und agitiert. Grüne, Linke, Altmüslis Hand in Hand mit schwarz-gelben Wertebewahrern – ein seltenes Bild der friedvollen Eintracht. Die Antiatomkraftbewegung ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und eben nicht nur in der deutschen.

Alle eint zugleich die Hoffnung auf ein Abschalten der als marode gebrandmarkten Meiler wie auf ein Ausbleiben der  Reaktorkatastrophe. Ungeachtet vertiefter oder nur oberflächlicher Kenntnisse von  Kernenergie, Material  oder Reaktordruckbehältern: Immer mehr Menschen sehen in der Atomenergie tödliche Risiken, eine lebensbedrohliche Gefahr. Weil die Beherrschbarkeit der Materie nicht gewährleistet ist. Und weil bei einem GAU alles, aber auch alles vorbei sein würde.

Dass alte, pannenanfällige Anlagen wie in Tihange oder Doel besonders im Fokus stehen, ist nicht überraschend. Auch wenn diese Pannen bislang im nicht-nuklearen Bereich geschahen: Die Sorgen mehren sich, dass Schlimmeres passiert.

Die Antworten des Betreibers Engie-Electrabel, der belgischen Atomaufsicht FANK und der belgischen Regierung auf die Fragen, Ängste, Einsprüche der Bürger blieben bislang seltsam schmallippig und arrogant. Es wird beruhigt, alles sei unter Kontrolle, „absolut sicher“, und die kritisierten Meiler könnten ohne Probleme noch 20 weitere Jahre laufen.

Die Karten sind bislang nicht wirklich offen auf den Tisch gelegt worden. Wissenschaftlich ist zudem umstritten, ob die Haarrisse oder Wasserstoffeinschlüsse durch Mängel im Herstellungsprozess oder im laufenden Betrieb der Kernkraftwerke entstanden sind. Klar ist, dass man vieles nicht wirklich weiß oder belegen kann. Auch das befördert das Unwohlsein.

Es ist anzunehmen, dass auch 50.000 Menschen auf belgischen, niederländischen und deutschen Straßen an einem Junisonntag keinen kurzfristigen Sinneswandel beim AKW-Betreiber, bei der Atomaufsicht und der Regierung  erzeugen werden. Aber das Bündnis aus Politik, Gesellschaft und Kommunen gegen die Atomkraft wächst und gewinnt an argumentativer wie emotionaler Schlagkraft. Ja, Kernenergie ist ganz klar nationale Zuständigkeit, die Europäische Union hat hier letztlich nichts zu sagen. Da die Folgen einer verfehlten Atompolitik natürlich nicht auf die Länder beschränkt bleiben, gehört die Atomaufsicht unter das Dach der EU. Und nicht nur das: Sie müsste unabhängig und weisungsbefugt handeln und damit auch stilllegen können. Aber, bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Die Menschenkette am Sonntag hat einen weiteren Anstoß zum Umdenken und zur Umkehr gegeben. Die Menschen haben gezeigt, dass sie zusammenstehen und europäische Lösungen anstreben. Darüber hinaus entstehen immer mehr private und politische Initiativen, Experten und Politiker tauschen sich endlich häufiger auch grenzüberschreitend aus. Die Städteregion Aachen, unterstützt von hundert Kommunen, klagt an belgischen Gerichten gegen den Weiterbetrieb von Tihange 2 und Doel 3.

Raus aus der Kernenergie: Dieses Ziel wird immer mehr zu einem europäischen. Und dieses Ziel ist nur zu erreichen, wenn endlich alles getan wird, um alternative, regenerative Technologien voranzubringen. Sie müssen nicht nur die Kernenergie ablösen, sondern auch und vor allem die Energieerzeugung aus Kohle. Welch eine Mammutaufgabe!

Rudi Schroeder - Foto: Achim Nelles/BRF

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3 Kommentare
  1. Gaby Wienen

    Ein klarer, deutlicher Kommentar! Es war eine tolle europäische Aktion und jetzt bitte auch europäisch- politisch handeln.

  2. Dieter Leonard

    Solange bei vielen Bürgern die Investition in regenerative Energie (z.B. Photovoltaik) vor allem durch die erzielbare Rendite motiviert wird und nicht durch die Überzeugung, einen Beitrag zur notwendigen Energiewende zu leisten, wird der Weg hierhin in der Tat noch beschwerlich.
    Wahrscheinlich jedoch bedarf es eines weiteren GAUs in einer europäischen Atomanlage, um auch bei denen, die eine deutsche Einmischung in „innerbelgische“ Angelegenheiten mehr fürchten, als das Bersten des Druckbehälters in Tihange, einen Sinneswandel herbeizuführen.
    Geschieht dieser GAU allerdings in Tihange muss sich in unserer Region keiner mehr Sorgen um die Zukunft zu machen.

  3. Guido Scholzen

    1. Frage: Glaubt der Herr Reporter etwa auch an die Energiewende? Bitte technisch begründen, nicht rhetorisch.
    2. „Europäische Aufgabe?“ Europa besteht aus Nationalstaaten. Ja, es gibt Länder, wo die Kernkraft nicht gerne gesehen ist, und es gibt auch Länder, wo sie gern gesehen ist, in Ungarn, Finnland und Schweden. Ist es etwa Aufgabe des EU-Kommission, auch noch diese nationale Interessen arrogant zu kommandieren, ohne vorher das Volk zu fragen? Ohne Rücksicht auf Verluste?
    3. „50.000 – die deutschen Demonstranten waren erwartungsgemäß in der Überzahl“ – am deutschen Wesen soll wohl die ganze Welt genesen. Wenn die durch ihre nicht funktionierende Energiewende zu wenig Strom mal haben werden, dann sollten die besser nicht an belgische Türe klopfen, um welchen zu bekommen. Ausser man zahlt gut.
    Die Kernkraft ist noch lange nicht tot. Russland, China und Afrika (Ghana) bauen an neuen Reaktoren. Deutschalnd ist technologisch seit 20 Jahren hintendran. Das sind die Fakten.

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