Kommentar: Offener Brief an die Kollegen von GrenzEcho und Radio Contact

Zu Jahresbeginn hat die Aktiengesellschaft GrenzEcho 51 Prozent von Radio Contact übernommen. Es sollen Synergien zwischen den Zeitungsinhalten und dem Radioangebot geschaffen und Werbeeinnahmen stimuliert werden. Was bedeutet das für die Medienlandschaft in Ostbelgien? Rudi Schroeder hat seinen Kommentar als Offenen Brief geschrieben.

BRF-Chefredakteur Rudi Schroeder

Rudi Schroeder (Bild: Achim Nelles/BRF)

Liebe Kolleginnen und Kollegen von GrenzEcho und Radio Contact!

Zunächst einen ernst gemeinten herzlichen Glückwunsch zu der Entscheidung, es miteinander zu versuchen. Ihr traut Euch was! Wirklich! Manche nennen Euer Zusammengehen eine Vernunftehe, andere sprechen von Übernahme. Denn Mehrheit ist Mehrheit, auch, wenn es 51 zu 49 steht.

Na ja, kooperiert habt ihr ja schon lange. Jetzt werden die Verhältnisse auch notariell verankert. Hoffen wir, dass ein bisschen Herzenswärme mit dabei ist, auch wenn der kirchliche Segen der Heirat versagt bleiben dürfte. In diesen Zeiten wird dies nicht einmal für die  ursprünglich christlich-sozial geprägte alte Dame vom Marktplatz ein Problem sein.

Lassen wir uns, alle miteinander, nicht kirre machen von den Auguren, die dem BRF schlechte Zeiten vorhersagen und das GrenzEcho im Abstiegsstrudel von Auflagenverlusten untergehen sehen, die Radio Contact mit seiner geringen Reichweite höchstens als Fußnote ostbelgischer Mediengeschichte betrachten.

Lassen wir uns nicht irritieren durch Beleidigungen eines ehemaligen Kollegen, der in Eurem GrenzEcho schreiben durfte, der BRF habe naheliegenden belgischen Kooperationen „völkisch-verträumte“ Gastspiele mit deutschen Sendern vorgezogen. Der BRF ist von völkischer Verträumtheit so so weit entfernt wie der Autor der zitierten hanebüchenen Formulierung vom Literaturnobelpreis. Im übrigen pflegt der BRF wesentlich mehr und intensivere Kooperationen mit belgischen als mit deutschen Partnern.

Nehmen wir uns also selbst und gegenseitig ernst! Aber, bitte, nicht allzu ernst! Denn auch für uns Medienleute in der Region gilt: Wir leben in einer sehr überschaubaren Gemeinschaft. Und alleine schon deren Kleinheit schreit geradezu nach Bescheidenheit.

Es ist zu hoffen, dass Euer Zusammenschluss gelingt. Das ist kein altruistischer Wunsch. Wir brauchen eine lebendige Medienlandschaft, eine starke Zeitung, einen unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und eben auch private „Player“ in dieser europäischen Grenzlandschaft.

Was soll das unaufhörliche Kassandra-Rufen mit Aussagen wie „Ostbelgiens Rundfunk verarmt“? Klar, das Internet, die Sozialen Medien gewinnen an Bedeutung, gerade was Schnelligkeit und Aktualität betrifft. Das hat bei Euch und bei uns längst Umdenken und Umstrukturieren bewirkt.

Dabei wissen wir auch um die Schwächen von Internet,  Facebook und Co., wo Wahrheitsgehalt und Seriosität zuweilen eine untergeordnete Rolle spielen. Wir sollten uns allerdings im Klaren sein, dass wir uns vielleicht sogar vollkommen neu erfinden müssen. Was nicht bedeutet, dass wir unsere alten Trümpfe allesamt aus der Hand geben sollten.

Seien wir ehrlich miteinander, liebe Kolleginnen und Kollegen: Ihr geht zusammen ohne einen wirklichen Plan, ohne ausgefeilte Strategie. Wie Ihr kooperieren wollt, wird nur angerissen, vieles bleibt im Nebel.

Völlig unklar ist, wer zukünftig wie und mit wem an den verschiedenen Produkten arbeiten wird. Fest steht nur, laut GrenzEcho-Geschäftsführer Olivier Verdin, dass personell auf keinen Fall aufgestockt wird, weil man sich das finanziell nicht erlauben könne. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer.

Denn Radio macht man ebenso wie Zeitung nicht einfach mal so nebenher. Dazu benötigt man versierte Fachleute: im Hörfunk wie im Print- und Onlinebereich.

Kaum zu glauben, dass eine heute schon mehr als voll ausgelastete GrenzEcho-Redaktion auch noch ein attraktives Radioformat stemmen kann. Kaum zu glauben, dass die bisherige One-Man-Show von André Goebels bei Radio Contact ausreicht, um GrenzEcho und den geehelichten Partner crossmedial  entscheidend voranzubringen.

Die Vergangenheit hat gelehrt, dass viele Versuche des GrenzEchos, mit neuen Formaten und Angeboten wie Videos und Bezahlonlineausgabe ein wachsendes Publikum zu locken, fehlgeschlagen sind.

Nicht, weil schlechte Arbeit geleistet wurde, sondern vor allem, weil die potenziellen Nutzer darauf nicht angesprungen sind. Ein solcher Umstellungsprozess braucht einen langen Atem. Und obendrein gibt der überschaubare Markt das einfach nicht her. Diese Erfahrung habt nicht nur ihr vom GrenzEcho gemacht, auch die deutschen Nachbarn Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten tun sich wie viele andere im regionalen Bereich dabei sehr schwer.

Sehen wir aber nicht nur die Schwierigkeiten, sondern auch die Chancen! Ein stärkeres GrenzEcho könnte auch im Verbund mit Radio Contact mehr Selbstvertrauen und Unabhängigkeit entwickeln, wenn denn die Voraussetzungen dazu geschaffen werden.

Der BRF wird die Herausforderung annehmen und über seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag hinaus alles versuchen, um aktueller, attraktiver und zugleich hintergründiger zu sein.

In gesunder Konkurrenz zueinander wird es Freude machen, das bestmögliche Produkt zu entwickeln. Wenn das in politischer Unabhängigkeit und gegenseitigem Respekt geschehen kann, dürfen wir uns auf die zukünftigen Aufgaben freuen.

Euer Rudi Schroeder

Rudi Schroeder - Foto: Achim Nelles/BRF

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5 Kommentare
  1. Frank Kueches

    Nun ja, da bin ich doch sehr geteilter Meinung. Ich finde schon das der Eindruck entsteht, das der BRF sich eher an Deutschland orientiert als an Belgien. Ich erinnere mich noch als es vor ca 10 Jahren zur Eskalation im sogenannten
    „Halle^-Vilvoorde Konflikt“ kam; Ich schalte das Radio an suche den BRF und was wurde gemeldet regionale Nachrichten ueber Deutschland. Ohne in Polemik zu fallen moechte ich das Kind beim Namen nennen. Der BRF tritt oft deutscher auf als der WDR

  2. Ramscheid Bernard

    Herr Kueches, ich bin voll und ganz Ihrer Meinung. Der BRF ist fast deutscher als die meisten deutschen Rundfunksender. Ich höre seit langem SWR4. Nicht nur das Programm gefällt mir besser, ich habe auch besseren Empfang. Das Geld, das der BRF den Steuerzahler kostet, wäre viel besser in soziale Programme investiert. Über das Fernsehprogramm des BRF gebe ich keinen Kommentar ab, denn so etwas interessiert mich nicht. Das ist total überflüssig!

  3. Josef Stoffels

    Auch ich wünsche mir „eine starke Zeitung“ und „einen unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, wobei das Prädikat „unabhängig“ auch für die einzige ostbelgische Tageszeitung zu gelten hat.
    Das setzt aber voraus, dass in beiden Medien fähige, fleißige und mutige Journalistinnen und Journalisten beschäftigt sind, die sich in größerem Maße als bisher kritisch mit den regionalen und überregionalen Ereignissen dieser Welt, auch mit sog. „heißen Eisen“, befassen. Das GE sollte seinen Sportteil radikal kürzen und fundierte (nicht irgendwo abgekupferte) Artikel zu aktuellen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen bringen. Raus aus der Provinzialität und ran an die Fragen, die die Menschen mehr bewegen und betreffen, als wie z.B. die AS Eupen gespielt hat! Der BRF sollte seine Kräfte bündeln, nur noch ein Rundfunkprogramm anbieten, weniger seichte Unterhaltung statt gut recherchierte Beiträge zu den bereits genannten Fragen bringen und uns als öffentlich subventionierter Sende viel mehr über belgische Probleme informieren.

  4. Carl Schumacher

    Wenn der BRF dann noch etwas mehr „informieren“ und etwas weniger „formieren“ bzw belehren würde …

  5. Rudi Schroeder

    Vielen Dank, liebe Kommentarschreiber, für Ihre Meinungen als Reaktionen auf meinen Offenen Brief.

    Nur einige wenige Gedanken seien erläuternd hinzugefügt: Der BRF berichtet, was wir statistisch nachweisen können, in erster Linie über die Geschehnisse in Belgien und in der Region Ostbelgien, ohne dabei die angrenzenden Regionen oder auch die international wichtigen Ereignisse aus dem Auge zu verlieren.
    Zu Brüssel-Halle-Vilvoorde (BHV): Dazu gab es Hunderte Beiträge, aber natürlich nicht in den Regionalnachrichten, sondern in den Hauptnachrichten und den entsprechenden Magazinen. Die meisten Beiträge zu BHV wurden von den Kollegen aus unserer Brüsseler Redaktion verfasst, die im übrigen täglich zwischen sieben und zehn Sendeplätze mit überwiegend nationalen Themen in unseren Programmen füllen.

    Rudi Schroeder
    Chefredakteur

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