La Juive: Grandiose Produktion einer Opernrarität

"La Juive" von Fromental Halévy war viele Jahre komplett von den Spielplänen verschwunden. Zu Unrecht! Zumindest wenn das Meisterwerk der so genannten "Grand Opéra" so grandios auf die Bühne gebracht wird wie jetzt in der Flämischen Oper in Gent durch den deutschen Regisseur Peter Konwitschny.

„La Juive“ (die Jüdin) von Fromental Halévy. Schon dieser Titel scheint zu genügen, eine Opernpremiere zu einer Veranstaltung unter verstärkten Sicherheitsmaßnahmen werden zu lassen. Nicht nur die jüdischen Einrichtungen in unserem Land stehen derzeit immer noch unter Polizei- oder gar Militärschutz, jetzt auch die Oper Gent, da dort „La Juive“ gezeigt wird.

Der Straßenbereich vor dem Opernhaus ist am Premierenabend von der Polizei abgesperrt, jeder Besucher wird beim Betreten von Sicherheitsbeamten kontrolliert. So verlangte es der Bürgermeister von Gent, wo „La Juive“ noch bis zum 21. April gegeben wird. Bei den nachfolgenden Aufführungen in Antwerpen bis zum 6. Mai wird es gewiss nicht anders sein.

Dabei hat die Produktion an sich gar nichts Provozierendes. Es ist, um es gleich vorweg zu sagen, eine grandiose Inszenierung von Peter Konwitschny, ein Plädoyer für Menschlichkeit, aber auch ein Bild unserer von Konflikten geprägten Zeit.

Der eigentlichen Handlung der Oper ist folgende Geschichte vorausgegangen: Der jüdische Goldschmied Éléazar hat die Tochter des Magistraten Brogni aus den Flammen gerettet, obwohl Brogni seine beiden Söhne hatte hinrichten lassen. Éléazar zieht das Mädchen als seine eigene Tochter Rachel im jüdischen Glauben auf.

Inzwischen ist Brogni, nach dem vermeintlichen Verlust seiner Familie, Priester geworden und mittlerweile zum Kardinal aufgestiegen. Er wird wie Éléazar und Rachel nach Konstanz kommen. Dort soll er das bevorstehende Konzil eröffnen. Wir sind also im Jahr 1414. Hier beginnt die Oper. Weil Éléazar durch seine laute Hämmerarbeit die Ruhe des Feiertages bricht, fordert der Stadtvogt Ruggiero den Tod für ihn und seine Tochter.

Rachel hat sich in den jungen Fürst Leopold verliebt, der vorgibt Jude zu sein, in Wirklichkeit aber Christ ist. Hinzu kommt, dass Leopold mit Eudoxie verheiratet ist. Aus Eifersucht denunziert Rachel ihren Geliebten und ein von Kardinal Brogni angeführtes Gericht verurteilt das Liebespaar und Éléazar zum Tode. Rachel lässt sich durch die flehentliche Bitte der Prinzessin Eudoxie zur Zurücknahme ihrer Anschuldigung gegen Leopold überreden und erreicht damit seine Begnadigung. Sie selbst entscheidet sich für den gemeinsamen Tod mit ihrem vermeintlichen Vater. Im Augenblick ihres grausamen Todes enthüllt Éléazar Kardinal Brogni Rachels wahre Identität.

Peter Konwitschny inszeniert dies in sehr klaren, großartig choreographierten Bildern, die nicht nur die Bühne sondern manchmal sogar das Parkett als Spielfläche verlangen. Dabei setzt er auf zeitlose aber unmissverständliche Bilder. Die Christen tragen blaue Handschuhe, die Juden gelbe. Als es zur Begegnung zwischen Rachel und Eudoxie kommt, waschen sie die Farbe von den Händen ab und singen und spielen gemeinsam wie Kinder beim Ringelrein.

Oder wenn am Ende des dritten Aktes der Chor wie am Fließband Sprengstoffgürtel zusammensetzt, dann sind die Hände nicht nur blau und gelb, nein, auch andere Farben mischen sich darunter: Es geht nicht um den Konflikt Christen-Juden, nein, die Konflikte sind universell. Sehr intensive Momente sind zum Beispiel der Dialog zwischen Rachel und Leopold: Sie steht mitten im Saal, er auf der Bühne, und emotional unglaublich berührend gelingt Roberto Sacca die große Arie des Éléazar, die er aus der ersten Parkettreihe singt.

Nicht nur Sacca glänzt in seiner Rolle, das gilt für alle Protagonisten. Die gesamte Besetzung ist fantastisch: mit einer wunderbar zart und zerbrechlich wirkenden Asmik Grigorian als Rachel, einer vor Energie nur so sprudelnden Nicole Chevalier als Eudoxie oder Dmitry Ulyanow mit seinem dunklen Bass als idealer Brogni.

Chor und Orchester der Flämischen Oper sind – wie schon so oft gesehen und gehört – in mehr als überzeugender Form und werden vom Dirigenten Tomas Netopil sicher geführt. Besondere Erwähnung verdient auch das Bühnenbild, das eine sehr neutral fast unspektakulär wirkende Metallkonstruktion ist, aber an der Rückwand ist ein wunderbares, sehr großes Kirchenfenster, wie in einer gotischen Kathedrale zu sehen. Auch die Lichtregie unterstreicht jede Szene auf treffende Weise.

Diese Produktion von „La Juive“ ist ganz großes Musiktheater, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Bis zum 6. Mai stehen zunächst in der Flämischen Oper in Gent und später in Antwerpen noch zehn Vorstellungen an.

Hans Reul

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2 Kommentare
  1. Erna Wilhelm

    Hallo Frau Wilhelm, hört sich nicht schlecht an;lassen wir uns überraschen.Es grüßt M. Lipfert

  2. Gabi Heindtel

    Hallo liebe Gabi, hört sich nicht schlecht an.Haben Karten für die Premiere bestellt. L.G. Moni

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