Lütticher Oper begeistert mit „Il Turco in Italia“

In der Lütticher Oper läuft seit vergangenem Wochenende die zweite Produktion der Saison. Das Stück "Il Turco in Italia" von Gioacchino Rossini steht zum ersten Mal überhaupt in Lüttich auf dem Programm. Für diese Premiere setzt man bei der Inszenierung auf eine ganze Reihe von modernen Techniken.

"Il Turco in Italia" in der Lütticher Oper (Bild: J Berger / ORW Liège)

"Il Turco in Italia" in der Lütticher Oper (Bild: J Berger / ORW Liège)

Wer regelmäßig in Lüttich zur Oper geht, weiß, dass es sich im Allgemeinen um ein eher traditionelles Opernhaus handelt und dass die Verantwortlichen generell den Schwerpunkt auf exzellente musikalische Qualität setzen und weniger auf hypermoderne Inszenierungen. Die Musik und die detailgetreue Wiedergabe der Partitur steht im Vordergrund und die Regie stellt das Geschehen auf der Bühne in den allermeisten Fällen in den Dienst der Komposition.

Das ist auch bei der jüngsten Produktion in Lüttich der Fall. „Il Turco in Italia“ ist eine Opera buffa von Gioacchino Rossini aus dem Jahr 1814, eine komische Oper, in der viel gelacht wird. Allerdings hat Rossini diesem Stück eine enorme psychologische Tiefe gegeben. Er hält dem Publikum sozusagen einen Spiegel vor, indem er einen Dichter einen Stoff für eine neue Oper suchen lässt. Dazu beobachtet dieser Dichter die amourösen Spielchen der Bewohner von Neapel. Er beschränkt sich aber nicht nur auf das Zuschauen, sondern er greift tatkräftig in die Geschehnisse ein, um die Handlungen der Protagonisten so zu lenken, dass sie einen spannenden Stoff für seine Oper ergeben.

Der Dichter manipuliert und lenkt das Geschehen, ohne dass sich die betroffenen Personen dessen richtig bewusst sind. Hier kommt die brillante Inszenierung des jungen Vervierser Regisseurs Fabrice Murgia ins Spiel. Bei seinem ersten Engagement an der Lütticher Oper gibt er gleich eine Kostprobe seiner enormen Kreativität und schafft es, das eher traditionelle Lütticher Opernhaus mit Hilfe von Videotechnologie und Filmprojektionen in die moderne Welt des Kinos zu transportieren.

Der Vervierser Regisseur Fabrice Murgia (Bild: Jérôme Van Belle)

Der Vervierser Regisseur Fabrice Murgia (Bild: Jérôme Van Belle)

Publikum wird zu Voyeuren

Fabrice Murgia nimmt die Person des Dichters von Rossini wörtlich: Der Beobachter und Lenker der neapolitanischen Gesellschaft von 1814 wird zum Filmregisseur mit einem eigenen Regie-Wagen rechts vor der Opernbühne. Von dort aus gibt er den Protagonisten Anweisungen und verändert den Ablauf der Geschehnisse, wenn die Story zu langatmig zu werden droht und die Spannung gesteigert werden muss. Zusätzlich gibt es auf der Bühne Kameraleute und Tontechniker, die um das Geschehen herumschwirren und in Nahaufnahme alle Details der amourösen Verwicklungen aufnehmen und live auf zwei große Bildschirme projizieren. Dadurch wird das Publikum unfreiwillig – aber auch nicht ungern – zu Voyeuren, denn jede Kleinigkeit, jedes Detail im Mienenspiel der Hauptdarsteller wird in Großaufnahme auf die Leinwände projiziert: Details, die man als Opernpublikum in zig Meter Entfernung vom Geschehen normalerweise nicht wahrnehmen kann.

Darüber hinaus überzeugt Regisseur Fabrice Murgia mit einer cineastischen Leidenschaft für das auf die Leinwände projizierte Bild. Alles ist mit einem Braun- oder Graufilter gefilmt, man sieht senkrechte Striche wie bei den Filmrollen der Stummfilme aus den 1920er Jahren und die Live-Bildregie für die Projektionen ist so geschmackvoll gestaltet, dass man den Eindruck haben könnte, hier werde ein vorproduzierter Kinofilm abgespielt – dabei geschieht alles live, im Augenblick des Geschehens selbst.

Schauspielerisches Talent der Gesangssolisten

Dieser Einsatz von Kamerabildern und Videoprojektion steht allerdings zu jedem Zeitpunkt der Vorstellung im Dienst des Gesamtkunstwerks. Die Bilder unterstützen die Handlung. Sie lenken, ja sie manipulieren die Aufmerksamkeit des Publikums auf bestimmte Details, die der Komponist beziehungsweise der Regisseur den Zuschauern deutlich zeigen möchten. Ein großer Vorteil dieser Nahaufnahmen ist, dass dadurch das Mienenspiel und das enorme schauspielerische Talent der Gesangssolisten auf der Bühne viel deutlicher erkennbar ist als bei gewöhnlichen Opern-Inszenierungen. Das ist ein Mehrwert, denn diese schauspielerischen Leistungen sind bei den Hauptdarstellern von „Il Turco in Italia“ wirklich von enormer Qualität.

Genau wie die musikalische Leistung des Orchesters und nicht zuletzt des Dirigenten Giuseppe Finzi. Mit sicherer Hand und viel Geschmack leitet er die wunderbaren Musiker des Lütticher Opernorchesters durch die herrliche Musik Rossinis. Dabei gelingen diesem hervorragenden Ensemble spielend leicht große musikalische Stimmungswechsel und schwierigste Solopassagen.

Die gesamte Vorstellung ist extrem kurzweilig, spannend und auf allerhöchstem musikalischen und optischen Niveau. Diese Inszenierung des in unserer Gegend selten gespielten „Il Turco in Italia“ ist es wert, von vielen Opernfreunden gesehen und gehört zu werden. In Lüttich gibt es dazu bis kommenden Samstag noch zweimal die Gelegenheit. Alle Informationen finden gibt es auf der Webseite der Lütticher Oper.

Rossinis „Il Turco in Italia“ erstmals an der Lütticher Oper

Patrick Lemmens