Lütticher Oper präsentiert „Eugen Onegin“

In der Königlichen Oper der Wallonie läuft zurzeit die zweite Produktion der aktuellen Saison, die Oper "Eugen Onegin" von Peter Tschaikowsky. In Zusammenarbeit mit der "Opéra de Lausanne" hat die Lütticher Oper für dieses Meisterwerk ein internationales Solistenensemble engagiert, das gemeinsam mit dem hauseigenen Chor und Orchester das Publikum vollauf begeisterte.

"Eugen Onegin" in der Lütticher Oper (Bild J. Berger/Opéra Royal de Wallonie-Liège)

"Eugen Onegin" in der Lütticher Oper (Bild J. Berger/Opéra Royal de Wallonie-Liège)

„Lyrische Szenen in drei Akten“ hatte Peter Tschaikowsky die Oper „Eugen Onegin“ untertitelt – diese Bezeichnung trifft es ziemlich genau. Der Begriff „Lyrik“ bedeutet soviel wie „Dichtung“ und Tschaikowskys Werk basiert auf dem gleichnamigen Versepos des russischen Dichters Alexander Puschkin. Dieser hatte 40 Jahre zuvor in seinem Werk die Herzensnöte durchschnittlicher russischer Adliger beschrieben. Einzelne „Szenen“ sind es, die das Publikum im Laufe der dreieinhalb-stündigen Aufführung zu sehen bekommt, im Gegensatz zu einem linear ablaufenden Handlungsstrang.

Tschaikowsky hat sich bewusst dafür entschieden, auf einzelne Momente im Leben der Protagonisten „einzuzoomen“ und die Gefühle der Figuren in eben diesen Momenten ausführlich zu beschreiben. Dies geschieht mit Hilfe von grandioser Musik, die – nicht zuletzt inspiriert durch Tschaikowskys eigenes, nicht gerade allzu glückliches Leben – vor Emotionalität geradezu strotzt.

Jede dieser Szenen hat ihren eigenen Stil, ihre eigene Musik, und Tschaikowsky verbindet diese einzelnen Bilder mit Hilfe von Leitmotiven, also musikalischen Themen, die an bestimmte Personen gekoppelt sind. Auf diese Weise gibt es doch eine starke Verbindung zwischen den Szenen und die herrliche Musik bildet einen Spannungsaufbau von der kurzen Orchestereinleitung bis zum absoluten emotionalen Höhepunkt im Finale.

Handlung der Oper

Wir befinden uns irgendwo im ländlichen Russland. Die Schwestern Tatiana und Olga leben mit ihrer Mutter und einer Amme auf ihrem Landgut. Tatiana ist tiefsinnig und liest viel, Olga ist unkomplizierter und lebensfroh. Sie ist verlobt mit dem Schriftsteller Lenski. Der bringt eines Tages seinen Freund Eugen Onegin mit zu Besuch. Tatiana verliebt sich augenblicklich in den Fremden und gesteht ihm in einem langen Brief ihre Liebe. Onegin aber weist sie zurück mit der Begründung, er sei nicht für die Ehe geschaffen.

Bei einem Fest zu Ehren von Tatianas Namenstag bringt Lenski Onegin wieder mit. Der Lebemann Onegin tanzt mit Lenskis Verlobter Olga und macht ihr den Hof, weswegen Lenki ihm Vorwürfe macht. Die beiden streiten sich und es kommt zum Duell, in dessen Verlauf Onegin seinen Freund erschießt.

Jahre später kehrt Onegin von einer langen Auslandsreise nach St. Petersburg zurück und erkennt dort auf einem Fest Tatiana wieder, die mittlerweile den Fürsten Gremin geheiratet hat. Seine Liebe zu Tatiana flammt wieder auf, doch sie weist ihn zurück, weil sie ihrem Mann niemals untreu sein kann. Verzweifelt und gebrochen bleibt Eugen Onegin allein zurück.

Russischsprachiges Solistenensemble

Da die Oper ganz auf russisch gesungen wird, hat die Lütticher Oper ein komplett russischsprachiges Solistenensemble verpflichtet. Jede und jeder einzelne von ihnen singt bei dieser Produktion auf allerhöchstem Niveau, von Margarita Nekrasova als Amme über Alexey Dolgov als Schriftsteller Lensky und Vasily Ladyuk als Titelfigur Eugen Onegin bis zu Ruzan Mantashyan als Tatiana, die die Verzweiflung der unglücklich Verliebten in einer grandiosen Leistung nicht nur fantastisch singt, sondern auch schauspielerisch glaubhaft darstellt. Der Bass Ildar Abdrazakov als Fürst Gremin hat zwar nur einen kurzen Auftritt im dritten Akt, stellt in Lüttich aber dennoch eindrucksvoll unter Beweis, dass er ein absoluter Weltklasse-Solist ist.

Chefdirigentin Speranza Scappucci leitet Ensemble und Orchester souverän durch Tschaikowskys emotionale Partitur. Die Musiker spielen auf einem hervorragendem Niveau, auch wenn ich persönlich mir manchmal eine etwas größere Dynamik gerade in leiseren Passagen gewünscht hätte. Vor allem in sogenannten Underscore-Passagen, also wenn die Solisten eher leise und erzählerisch singen, wurden sie hier und da vom Orchester etwas übertönt.

Das Dekor von Gary Mc Cann ist schlicht und klar gehalten: Riesige senkrechte Paneele grenzen die Spielfläche ein und öffnen wenn nötig den Blick auf wechselnde Horizonte dahinter – ein wirksames Mittel, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Hauptpersonen zu lenken und sie nicht durch ausschweifende Bühnendekoration abzulenken.

Alles in allem ist die Lütticher „Eugen-Onegin“-Produktion in der Regie von Eric Vigié ein absoluter Höhepunkt für Opernfans. Wer noch eine Aufführung miterleben will, muss sich beeilen: Eugen Onegin steht diese Woche nur noch zweimal auf dem Spielplan, am Donnerstag und am Samstag. Alle Informationen gibt es auf der Webseite der Lütticher Oper.

Patrick Lemmens