Kunterbunte Opernpremiere: Schrekers „Der Schmied von Gent“ in der Flämischen Oper

Wo ist es naheliegender, eine Oper mit dem Titel "Der Schmied von Gent" aus der Versenkung zu holen, als in der Flämischen Oper? Da fragt man sich, warum hat es bis 2020 gedauert, ehe ein Intendant des Doppelhauses mit Spielstätten in Antwerpen und Gent diese Oper von Franz Schreker auf die Bühne bringt. Der neue Direktor der Flämischen Oper, Jan Vandenhouwe, nimmt jetzt das Abenteurer an und präsentiert das Werk in einer Inszenierung des deutschen Regisseurs Ersan Mondtag.

Der Schmied von Gent (© Opera Ballet Vlaanderen/Annemie Augustijns)

Der Schmied von Gent (© Opera Ballet Vlaanderen/Annemie Augustijns)

1932 hat der österreichische Komponist Franz Schreker ausgehend von einem Buch des flämischen Autors Charles De Coster mit dem Titel „Smetse Smee“ Libretto und Musik der Oper „Der Schmied von Gent“ verfasst. Das Werk erlebte seine Uraufführung in Berlin und verschwand kurz darauf auf Befehl der Nazis vom Spielplan und geriet in Vergessenheit.

Schreker war Jude und bis dahin Professor für Komposition an der Musikhochschule in Berlin, er verlor seinen Posten und starb 1934 an den Folgen eines Herzinfarkts. Sein kompositorisches Schaffen war sehr reichhaltig und mit „Der ferne Klang“ und „Die Gezeichneten“ schuf er zwei der wichtigsten Opern seiner Zeit. „Der Schmied von Gent“ ist sein Schlusswort in Sachen Oper und ist ein Melting Pot verschiedenster Einflüsse. Das reicht von spätromantisch angelegten Orchesterpassagen über neue Sachlichkeit à la Kurt Weill und zarten Jazzanklängen bis zurück zu barockem Kontrapunkt, denn die Handlung der Oper spielt im Gent des 16. Jahrhunderts.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Schmied Smee. Er ist ein Geuse, also ein Anhänger der flämischen Aufständischen gegen die spanische Herrschaft während des achtzigjährigen Kriegs. So tötet Smee dann auch seinen Widersacher Slimbroek, will sich danach selber das Leben nehmen, aber die Stimmen der Hölle schlagen ihm einen Pakt vor, der ihm sieben Jahre Glück und Reichtum verspricht, wenn er seine Seele verkauft. Ein bisschen „Faust“ ist im „Schmied von Gent“ zu sehen.

Smee ist aber ein guter Mann, denn er hilft in diesen Jahren den Armen. Nach den sieben Jahren will er aus dem Pakt mit dem Teufel heraus, da tauchen Josef und Maria mit dem Jesuskind in Gent auf und suchen nach Schutz. Smee hilft der Heiligen Familie und Josef verspricht als Lohn die Erfüllung von drei Wünschen. Das klappt auch. Smee kann seine ärgsten Feinde erstarren lassen und Luzifer verzichtet sogar auf Smees Schmiede.

Kurz darauf – wir sind zu Beginn des dritten Aktes – stirbt Smee. Er möchte in den Himmel aufgenommen werden, was ihm zunächst verwehrt wird, bis Josef eingreift und ihm die Pforte offen steht.

Soweit die Handlung dieser von Schreker selber so bezeichneten „Zauberoper“. Regisseur Ersan Mondtag setzt dies in knallbunte Bilder. Optisch schlägt dem Besucher eine kunterbunte Wucht ins Gesicht. Dies gilt für die Kostüme ebenso wie für das Bühnenbild. Auf der Drehbühne erscheint immer wieder ein Monster mit Riesenzähnen und furchteinflößenden Klauen, die ein Baby festhalten.

Mondtag möchte mit seiner Inszenierung Stellung beziehen, also kein Historiendrama malen, sondern aktuelle Bezüge erstellen. Da war es für ihn naheliegend, auf die wahrlich unrühmliche Kolonialgeschichte unseres Landes zurückzugreifen. So wird dem Schmied von Gent im dritten Akt ein Bart im Stile Leopold II. angeklebt und ganz zum Schluss ihm auch wieder vom Kinn gerissen. Und er lässt die berühmte Unabhängigkeitsrede von Patrice Lumumba vom Juni 1960 in weiten Teilen zu Beginn dieses Aktes aus Lautsprechern ertönen, dazu wird historisches Bildmaterial projiziert.

Die Idee, diese Parallele zu ziehen, ist keineswegs abwegig. Aber die Umsetzung lässt einen doch ein wenig ratlos. Es wirkt ziemlich aufgesetzt, dabei ist dem Aufführungsteam nur höchstes Lob auszusprechen. Allen voran liefert der Bariton Leigh Melrose eine grandiose Interpretation des Schmieds von Gent. Stimmlich wie darstellerisch ist dies eine Meisterleistung. Auch die weiteren Solisten des umfangreichen Ensembles sind auf der Höhe, bemerkenswert auch die deutliche Aussprache aller Mitwirkenden des deutschen Operntextes. Ebenso beeindruckend ist wieder einmal die Leistung des Orchesters der Flämischen Oper unter der Leitung des Chefdirigenten Alejo Perez.

Bis zum 11. Februar wird „Der Schmied von Gent“ in Antwerpen gegeben, danach bis zum 1. März in Gent.

Hans Reul

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