Christian Klinkenbergs Oper „Der Gletscher“ erlebt grandiose Uraufführung

Mit "Der Gletscher" hat der 43-jährige Eupener Komponist Christian Klinkenberg seine zweite Oper herausgebracht. Am Freitag war die Premiere im Alten Schlachthof Eupen und am Sonntag folgte im Brüsseler Kulturzentrum Bozar schon die dritte von insgesamt acht Aufführungen.

Ein faszinierend multimediales Erlebnis ist die zweite Oper von Christian Klinkenberg. „Der Gletscher“ ist eine geniale musikalische Umsetzung einer bewegenden Geschichte. Zwei Brüder, Max und Gabriel, besteigen einen Berg. Gabriel, der unbekümmertere der beiden, stürzt in einen Gletscher. Max wird in der Folge selber Gletscherforscher, erkennt bei seinen Exkursionen in jedem Baum oder Felsen seinen Bruder und begibt sich nach 30 Jahren auf Spurensuche.

Trifft er real oder nur in der Fantasie seinen Bruder? Die Librettistin Nicole Erbe, die das Buch ausgehend von Texten ostbelgischer Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrieb, lässt das Ende in der Schwebe. Aber die Schlussworte „Doch ich verlasse dich nicht“ sind deutlich. „Ich glaube, es geht um eine innerliche Versöhnung“, sagt Nicole Erbe. „Es gibt verschiedene Ebenen, in denen erzählt wird: eine reale Ebene, aber auch eine Ebene der Gedanken und der Unruhe über den Verlust des Bruders. Und da den Frieden zu finden, da würde ich sagen finden sie sich.“

Und so klingt die Oper auch musikalisch sehr versöhnlich aus. Wenn die Flöte den Schlusschoral anstimmt, dann glaubt man sich inmitten eines Alpendorfes. Aber damit wir nicht in kitschiger Verklärtheit verharren, wird dies dann von improvisierten Einsprengseln der anderen Musikern unterbrochen.

Klinkenberg hat eine rund 80-minütige Komposition geschaffen, die eine kongeniale Symbiose von groovigen Rockrhythmen, Jazzimprovisationen, einigen Klangcollagen und hauptsächlich verschiedener Systeme der zeitgenössischen Musiksprache ist. Vor allem die Mikrotonalität spielt hier eine wichtige Rolle. Sei es die Bohlen-Pierce-Skala, die die traditionelle Oktave sprengt und ganz neue Intervalle aufweist, oder die 41Ton-Gitarre, die optisch wie klanglich faszinierend ist oder die 19-Ton-Trompete, die übrigens als einziges Instrument nicht live sondern auf der Tonspur der Videoprojektion zu hören ist. Alle Musiker sind gefordert, immer wieder neue Klangwelten zu erschließen und damit auch neue Emotionen beim Hörer zu wecken.

Dank der graphischen Notation bekommen die Musiker mehr Freiheit aber auch mehr Eigenverantwortung. Sie ist nicht nicht nur die Partitur für alle Musiker sondern auch Teil der Videoprojektionen. Im Wechsel mit den abstrakten Arbeiten des Videokünstlers Ludwig Kuckartz und den Bildern des verschollenen Bruders oder gar des Brüderpaares, sind sie integraler Bestandteil der optischen Wiedergabe. Marc Kirschvink schuf hier sehr schöne Gemälde, die auch für sich als eigenständige Kunst stehen.

Überhaupt ist „Der Gletscher“ ein Gesamtkunstwerk. Auch für den Sänger Jean Bermes eine besondere Herausforderung. Dabei verlangt Klinkenberg von Bermes auch noch dem Thema entsprechend das Spiel auf dem Alphorn. „Ein Instrument, was mich immer gereizt hat, auch wegen meiner großen Verbundenheit mit der Alpenregion“, sagt Bermes. „Aber es ist eine Herausforderung vom Singen aufs Alphorn umzusteigen und wieder zurück aufs Singen.“

Am Donnerstag, den 31. Oktober und Freitag, den 1. November hat man im Triangel in St. Vith die Gelegenheit, den Gletscher noch zwei Mal in Ostbelgien zu sehen. Ende November stehen drei Aufführungen in New York an. Auch dies eine weitere Anerkennung für die Arbeit Klinkenbergs und für die Musiker ebenfalls ein besonderes Erlebnis. „Da freuen wir uns natürlich ganz besonders drauf und ich habe auch bei den letzten Gesprächen gemerkt, dass die Musiker immer heißer darauf werden, die Musik in die ganze Welt zu tragen“, sagt Klinkenberg.

Hans Reul

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