Spannende Opernentdeckung in Antwerpen: „Cardillac“ von Paul Hindemith

Mit einer echten Wiederentdeckung wartet in diesem Monat die Flämische Oper auf: "Cardillac" von Paul Hindemith. 1926 wurde die Oper uraufgeführt, dann aber von den Nazis aus den Spielplänen verbannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg schuf Hindemith eine neue erweiterte Fassung der Oper. Aber dann verschwand "Cardillac" wieder aus den Programmen. Umso erfreulicher ist es, dass die Flämische Oper jetzt das Werk in seiner ursprünglichen Fassung wieder aus der Versenkung geholt hat.

Cardillac in der Flämischen Oper (Bild: Opera Vlaanderen)

Cardillac in der Flämischen Oper (Bild: Opera Vlaanderen)

Eines muss man dem Direktor der Flämischen Oper, Aviel Cahn, schon lassen: Er versteht es, in jeder Saison zumindest eine echte lohnenswerte Entdeckung wieder auf das Operntableau zu heben. Diesmal „Cardillac“ von Paul Hindemith. Es ist die Geschichte eines Goldschmieds, der seine Schmuckstücke so sehr liebt, dass er sie sich immer wieder von den Käufern zurückholt. Und dies auf wenig subtile Art: Er bringt die Käufer um. Ein Jack the Ripper der Schmuckszene. Das hat schon was, gerade diese Oper in Antwerpen ganz in der Nähe zum Diamantenviertel auf die Bühne zu bringen.

Paul Hindemith greift hier auf ein Buch von E.T.A. Hoffman zurück, „Das Fräulein von Scuderi“, und der Librettist Ferdinand Lion verknappte die Geschichte auf höchst raffinierte Art, so dass Hindemith daraus eine Oper von gut 100 Minuten Länge schuf, die wie im Fluge vorbei gehen. Zumindest in dieser Inszenierung von Guy Joosten und dank der musikalischen Leitung von Dmitri Jurowski.

Es ist Guy Joostens Abschiedsproduktion in seinem Heimatland. Joosten will, nachdem er wohl als einer der wenigen, wenn nicht sogar als einziger belgischer Regisseur sowohl an der Brüsseler Oper La Monnaie, der Flämischen Oper und der Königlichen Oper der Wallonie in Lüttich inszenierte, sich jetzt auf seine internationale Karriere konzentrieren. Bis hin zur Met in New York ist Joosten seit Jahren präsent. Vor allem in Asien ist er derzeit sehr erfolgreich. Dort darf man sich freuen, für die belgische Opernlandschaft ist es ein Verlust, denn „Cardillac“ zeigt noch einmal, wie subtil und gleichzeitig voller Spielfreude Joosten dem Musiktheater Leben einhaucht.

Ganz im Sinne der fast schon konstruktivistisch-expressionistischen Musik Hindemiths lässt Joosten zum Auftakt in einer Videoprojektion Bilder entstehen, die an Filmklassiker von Fritz Lang erinnern, und diese Projektionen gehen nahtlos in das Bühnengeschehen über. Wie immer in der Flämischen Oper zeigt sich hier schon nicht nur das gesanglich hohe Niveau des Chores, sondern auch dessen schauspielerisches Engagement.

Das gilt auch für alle Solisten. Der Cast ist typengerecht gewählt, dies betrifft ebenso das rein Äußerliche als auch das Stimmliche. Aus dem sechs Sänger umfassenden Ensemble ragt vor allem Simon Neal in der Titelrolle heraus. Und dass Dmitri Jurowski, der einige Jahre Chefdirigent in der Flämischen Oper war, sein Orchester gerne mit Verve und dramatischem Input spielen lässt, ist hinlänglich bekannt und kommt der Hindemith-Partitur nur zugute.

Bis zum 12. Februar steht „Cardillac“ auf dem Spielplan der Oper in Antwerpen, vom 21. Februar bis 3. März wird die Produktion in Gent gezeigt.

Hans Reul

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