Packend inszeniert und vorzüglich gesungen: Gounods „Faust“ in der Lütticher Oper

"Faust" ist eine der beliebtesten Opern im französischen Sprachraum und dies nicht nur weil Hergé die Castafiori in den Abenteuern von "Tim und Struppi" die Juwelenarie singen lässt. Charles Gounod hat für seine "Grand Opéra" zahlreiche herrliche Melodien geschrieben, die zu echten Ohrwürmern wurden. Wenn das über dreistündige Werk dann auch noch so subtil und effektvoll inszeniert wird wie jetzt in der Lütticher Oper, dann ist Gounods "Faust" ein großer Opernabend.

Bild: Opéra Royal de Wallonie-Liège

Bild: Opéra Royal de Wallonie-Liège

Noch bevor sich der Vorhang hebt, spürt man, das Orchester der Königlichen Oper der Wallonie ist in Höchstform. Aus dem Orchestergraben erhebt sich ein Klangbild, das sowohl spannungsgeladene Energie als auch feinste zarte Momente aufweist. Dafür zeichnet unser Landsmann Patrick Davin am Dirigentenpult verantwortlich. Die Basis ist gelegt für einen wirklich großartigen Opernabend.

Die Inszenierung des italienischen Regisseurs Stefano Poda trägt deutlich das ihre dazu bei. Er schafft düstere eindringliche Bilder, und dies in einem Einheitsbühnenbild, das ebenso einfach wie genial ist: Ein riesiger Metallring steht im Zentrum, wird gedreht, angehoben, gibt immer neue Perspektiven frei. Darin und darum herum lässt Poda in einer sehr präzisen Personenführung die einzelnen Figuren zu Persönlichkeiten werden. Der verzweifelte Faust auf der Suche nach ewiger Jugend, der dämonische Mephisto und die zarte Marguerite, die nicht ganz zu Unrecht im deutschen Sprachraum als Titel der Oper genommen wurde, denn sie steht im Mittelpunkt des Geschehens, mehr noch als Faust oder Méphistophélès.

Dass die Produktion als eine Art Gesamtkunstwerk rüber kommt, liegt wohl auch daran, dass Poda nicht nur für die Regie, sondern auch für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich zeichnet, Kostüme, die für die Chorszenen in leuchtend rot, dann dunklem Schwarz und klarem Weiß der Thematik und auch den Protagonisten entsprechend gehalten sind. Ebenso ist Poda für die kongeniale Lichtregie verantwortlich und sogar für die ebenso beeindruckenden und nicht wie sonst oftmals belanglosen Ballettszenen. Alles hat tieferen Sinn und Bedeutung.

Aber was wäre eine Oper ohne Sänger. Wir können uns glücklich schätzen, dass die Lütticher Oper den Großteil der Rollen mit belgischen Sängern besetzen kann. Unser Land verfügt derzeit über eine qualitativ unvergleichliche Dichte an Spitzensängern. Lionel Lhote singt mit großem Engagement und fein geführtem Bariton die Partie des Valentin, Marc Laho ist die anspruchsvolle Rolle des Faust absolut gelegen, auch wenn am Premierenabend ausgerechnet in der Bravourarie die Stimme zum Ende hin leider wegbrach, aber das Lütticher Publikum wusste ihn gleich wieder aufzumuntern und er setzte den Abend überzeugend fort. Allen voran gilt es aber Anne-Catherine Gillet als Marguerite hervorzuheben, in den Tiefen- und Mittellagen gab sie dem Gretchen die innige Wärme, die fast schon scheue Sanftheit, die Gounod verlangt. Als düsterer Mephistophélès wusste der italienische Bass Ildebrando D’Arcangelo zu überzeugen.

Dieser „Faust“ ist großes Musiktheater, bilderreich, klug und nachvollziehbar inszeniert, ohne in Historismen zu verfallen, dazu toll gesungen und musiziert. So ist „Faust“ von Gounod eine zeitlose und zum Nachdenken anregende Oper. Bis zum 2. Februar steht Faust auf dem Spielplan der Lütticher Oper.

Bild: Opéra Royal de Wallonie-Liège

Bild: Opéra Royal de Wallonie-Liège

Hans Reul

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150