Grotesk und düster: La Monnaie zeigt Janaceks „Aus einem Totenhaus“

Die Brüsseler Oper La Monnaie zeigt in diesen Tagen "Aus einem Totenhaus" von Leos Janacek, der hier auf einen autobiographisch geprägten Roman von Dostojewski zurückgreift. Dostojewski war selber mehrere Jahre in einem Gulag eingesperrt und beschreibt die in sich geschlossene Männerwelt. So gibt es in Janaceks Oper auch fast nur männliche Darsteller.

Krszysztof Warlikowski

Krszysztof Warlikowski (Bild: La Monnaie)

Janaceks Opern zählen sicher zum Schönsten und vor allem auch Bewegendsten überhaupt. Dies gilt auch für seine letzte Oper „Aus einem Totenhaus“. Es ist ein ungewöhnliches Werk, schon allein dadurch, dass es fast eine reine Männeroper ist. Das liegt in der Natur der Sache, denn die Oper spielt in einem Gefängnis. Regisseur Krzysztof Warlikowski hat für seine Inszenierung eine Haftanstalt unserer Zeit nachbauen lassen, die zwischen Gefängnishof und Schlafraum changiert, außerdem ist das Büro des Gefängnisdirektors als Glaskubus zu sehen. Ein Rundlauf und Überwachungskameras machen deutlich: Hier stehen alle ständig unter Beobachtung.

Außergewöhnlich ist auch, dass in dieser Oper mehrere Lebensläufe parallel nebeneinander erzählt werden. Es sind Einzelschicksale, die sich im Laufe der Oper auch mal kreuzen. Aber es geht vielmehr um die Darstellung der Masse, die sich aus Individuen zusammensetzt. Das macht den Reiz des Werkes aus, in dem es um Recht und Gerechtigkeit geht, welche Rolle spielt Justiz, das macht Warlikowski gleich zum Auftakt deutlich, wenn noch vor und während der Orchestereinleitung ein Text von Michel Foucault auf den eisernen Vorhang projiziert wird.

Warlikowskis Bildersprache ist wie so oft sehr kalt, fast trashig. Das verleiht dem zweiten Akt, in dem die Gefangenen eine kleine Oper und eine Pantomime aufführen, die grotesker und skurriler kaum sein könnten, das adäquate Bild, auch mag es bei einigen der Personen die zutreffende Charakterisierung sein, aber es fehlt andererseits die Verzweiflung, die bei einigen Häftlingen in der Musik zum Ausdruck kommt.

Obwohl, und das ist leider eine Enttäuschung des Premierenabends, das Orchester und der Dirigent Michael Boder bringen diese intimeren Momente, die lyrischen Sequenzen nicht zum Tragen. Schade, denn gerade in diesen Gegensätzen liegt die Farbigkeit und erzählende Kraft der Janacek-Partitur. Schon die Ouvertüre ließ erstaunliche Unsicherheiten im Zusammenspiel erkennen. War die Vorbereitungszeit nicht ausreichend? Oder versucht Boder sich mit der Musik den Bildern anzupassen?

In dieser Oper gibt es keine herausragende Solorolle, die meisten Protagonisten sind sogar namenlos. Warlikowski kann für die Brüsseler Aufführungsreihe auf nahezu die gleiche Besetzung zurückgreifen, die im Frühjahr die Produktion in Covent Garden London gestaltete.

Willard White singt mit der im eigenen Noblesse den Gorjancikov, der zu Beginn der Oper als neuer Häftling eingeliefert wird. Er ist wohl ein politischer Gefangener, der am Ende der Oper, in der ein Jahr verstrichen ist, ohne weitere Erklärung entlassen wird. Pascal Charbonneau singt den jungen Aljeja und besonders beeindruckend ist der Monolog des Siskov gesungen von Pavlo Hunka.

Bis zum 17. November steht „Aus einem Totenhaus“ auf dem Spielplan von La Monnaie.

hr/jp

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