Belgisch-deutscher Comic-Austausch funktioniert gut

Belgien als Land der Comics ist überall in der Welt bekannt. Beim Nachbarland Deutschland ist das anders: Da tut sich der Comic immer noch schwer, als literarische Gattung einen Platz zu finden. Doch trotz aller Unterschiede gibt es zwischen den Comic-Szenen in Belgien und Deutschland einen regen Austausch. Mittendrin dabei ist der Brüsseler Comic-Autor, Verleger und Dozent Max de Radiguès.

Max de Radiguès am Zeichentisch in seinem Brüsseler Atelier (Bild: Kay Wagner/BRF)

Max de Radiguès am Zeichentisch in seinem Brüsseler Atelier (Bild: Kay Wagner/BRF)

Ein bisschen merkwürdig ist es schon: Da findet am vergangenen Wochenende mit dem BD-Comic-Strip-Festival gleichsam eine Hochmesse für die „Neunte Kunst“ in Brüssel statt – und einer der durchaus bedeutenden Personen der Szene in Belgien fährt einfach nach Berlin. „Ich war in Berlin auf dem Berliner Literaturfestival. Auf diesem Festival gibt es einen Tag, in der die ‚Graphic Novel‘ im Mittelpunkt steht. Ich war für diesen Tag eingeladen, um über meine Arbeit zu sprechen“, erklärt Max de Radiguès.

Erst vor einigen Jahren habe das Berliner Festival diesen Tag eingeführt, so erzählt es de Radiguès. Ein Zeichen dafür, dass sich etwas tut in Belgiens Nachbarland mit Blick auf die Comic-Kultur. Die ‚Graphic Novel‘ wird dort immer populärer – bleibt aber im Vergleich zu Belgien weiter in den Kinderschuhen.

„In Deutschland wird die Graphic Novel immer noch mit Skepsis betrachtet“, sagt dazu de Radiguès. „Man denkt, dass das etwas für Kinder sei. Man hat oft eine ziemlich negative Vorstellung davon. Es gibt viele Buchhandlungen, die kaum oder gar keine Graphic Novels für Erwachsene in ihren Regalen stehen haben.“

Warum der Unterschied zwischen Belgien und Deutschland mit Blick auf die Comic-Kultur so groß sei, darüber kann auch de Radiguès nur Vermutungen anstellen. „Ich weiß nicht, warum das so ist. In Deutschland gab es ja auch Menschen wie Wilhelm Busch, die immerhin als Vorreiter der Graphic Novel angesehen werden. Es gibt diese Tradition des Zeichnens, des Humors. Es gibt ‚Vater und Sohn‘, eine ganz tolle deutsche Graphic Novel.“

„Aber ich glaube, dass es viele gezeichnete Geschichten gab, die in einer bestimmten Zeit unterdrückt worden sind. Man hat also Zeit gebraucht, um eine gewisse Freiheit wiederzufinden.“ De Radiguès sieht also in der Nazi-Herrschaft einen möglichen Genickbruch für das Genre Comic und Graphic Novel in Deutschland. Die von de Radiguès genannten Geschichten ‚Vater und Sohn‘ wurden in den 1930er Jahren von Erich Ohser veröffentlicht. 1944 wurde Ohser von den Nazis verhaftet. Noch vor seinem Prozess erhängte Ohser sich selbst in seiner Zelle.

Max de Radiguès mit einigen seiner eigenen Werke (Bild: Kay Wagner/BRF)

Max de Radiguès mit einigen seiner eigenen Werke (Bild: Kay Wagner/BRF)

Deutsche Zeichner, die sich mit anspruchsvollen Comics – oder eben Graphic Novels – auch international einen Namen machen, gibt es erst wieder seit wenigen Jahren. Auf viel Ruhm in Deutschland selbst brauchen sie nicht unbedingt hoffen. Dafür sei das Interesse im französischsprachigen Raum an deutschen Autoren ziemlich groß, sagt Max de Radiguès: „Belgier und Franzosen sind wirklich hungrig nach Graphic Novels“, versichert er. „Die Leute wollen ganz viel lesen, viele Stile entdecken, viele Autoren, viele Arten, Geschichten zu erzählen. Es wird sehr viel übersetzt. Viele deutsche Autoren verkaufen ihre Werke besser in Frankreich als in Deutschland.“

Er selbst habe in seinem Verlag mittlerweile pro Jahr zwei bis drei deutsche Autoren, die er in französischer Sprache herausgebe, erzählt de Radiguès. Bei fünf bis sieben Neuveröffentlichungen pro Jahr sei das schon ein deutliches Zeichen für das Interesse der Belgier an deutschen Graphic Novels.

Und wie ist es andersherum? Wie groß ist das Interesse in Deutschland an den Graphic Novels von Belgiern? Wenn sie, wie im Fall von de Radiguès, von einem deutschen Verlag veröffentlicht werden? Der Wahl-Brüsseler wägt ab und sagt: „Ich glaube, dass ich absolut kein Star in Deutschland bin. Aber ich glaube, dass meine Bücher sich schon ganz gut verkaufen. Vor allem die Bücher für Jugendliche, denn in Deutschland ist es einfacher, Comics für ein junges Publikum zu verkaufen, als für Erwachsene.“

Dass seine Bücher sich in Deutschland wohl ordentlich verkaufen würden, habe auch mit seiner Nationalität zu tun. Als Belgier sei es relativ einfach, im deutschen Comic-Markt Fuß zu fassen. „Denn wenn man in Deutschland an Belgien denkt, dann denkt man sofort an Comics. An Tim und Struppi, an Spirou. Ich gehöre deshalb schon von vornherein zu den Gewinnern, einfach weil ich Belgier bin.“

Kay Wagner