100 Jahre Sophie Scholl: Ikone des Widerstands … und mehr als das

Am kommenden Sonntag jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag von Sophie Scholl. Wie wurde aus ihr, die sich viele Jahre begeistert im "Bund Deutscher Mädel" engagierte, eine Widerstandskämpferin in der Gruppe "Weiße Rose"? Eine neue Biografie von Robert Zoske entwirft ein vielschichtiges Bild von Sophie Scholl.

"Sophie Scholl: Es reut mich nichts" von Robert Zoske (Cover: Propyläen Verlag)

"Sophie Scholl: Es reut mich nichts" von Robert Zoske (Cover: Propyläen Verlag)

„Die junge Frau signalisiert schon durch ihre äußere Erscheinung geistige Unabhängigkeit, Klarheit und Weisheit und die Kraft, zu ihren humanitären Prinzipien auch in höchster Lebensgefahr zu stehen.“ So beschreibt das deutsche Finanzministerium das Porträt auf der 20-Euro-Sondermünze, die zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl erscheint.

Weniger plakativ, dafür umso tiefgründiger hat Robert M. Zoske sein „Porträt einer Widerständigen“ gezeichnet: „In der Öffentlichkeit gibt es eine ‚gefühlte Wahrheit‘ über Sophie Scholl. Sie passt nicht zur historischen Wirklichkeit. (…) Diese Charakterisierung entspricht ihrem Öffentlichkeitsbild, aber nicht den Tatsachen. Man verehrt Sophie Scholl als National-Ikone, wie eine Heilige – was sie nicht war.“

„Es reut mich nichts“ ist die Biografie überschrieben. Robert Zoske wertet dazu neue Quellen und bisher unveröffentlichte Dokumente aus. „Ihre Tagebuch-Eintragungen und Briefe zeigen sie in ihrer ganzen Ambivalenz als verletzbaren und verletzenden Menschen: mit- und zartfühlend, spirituell, um Glauben und Liebe ringend, unsicher, zweifelnd, aber auch willkürlich, unausstehlich, gehemmt, eine, die zwischen hoher Begeisterung und schwermütiger Todessehnsucht taumelt.“

Ende Juni 1940, mit 19, schreibt Sophie Scholl an ihren Freund Fritz Hartnagel:

„Du findest es sicher unweiblich, wie ich Dir schreibe. Es wirkt lächerlich an einem Mädchen, wenn es sich um Politik bekümmert. Sie soll ihre weiblichen Gefühle bestimmen lassen über ihr Denken. Vor allem das Mitleid. Ich aber finde, dass zuerst das Denken kommt, und dass Gefühle oft irreleiten, weil man über dem Kleinen, das einen vielleicht unmittelbarer betrifft, vielleicht am eigenen Leib, das Große kaum mehr sieht.“

Neue Aspekte

Als evangelischer Theologe hat sich Robert Zoske auf die Suche nach den geistigen Grundlagen der Widerständlerin gemacht. „Warum ging sie in den Widerstand? Was gab ihr die Kraft dazu?“

Zoske stützt sich nicht auf Erzählungen und Anekdoten, sondern auf Fakten, die schriftlich vorliegen, und belegt das mit einem besonders ausführlichen Anmerkungsapparat. Er beleuchtet eine Vielzahl neuer Aspekte: unberücksichtigte Passagen aus ihren Briefen und Tagebüchern, ihre Zeit als Konfirmandin, die Bedeutung des Kriegshilfseinsatzes für ihren Schritt in den Widerstand. Er schildert die intensive Korrespondenz mit dem Soldaten Waldemar Gabriel und die Person des nationalsozialistischen Anklagevertreters vor Gericht. Er zeigt, wie durch Inge Scholls früheste Schilderung aus Sophie eine Ikone gemacht wurde. Und er veröffentlicht erstmals vollständig die zeitnahen Erinnerungen ihrer Freundin und die ihrer Zellenkameradin.

„Am wichtigsten war für Sophie Scholl die Familie“, sagt Zoske. „Zusammen mit ihren Geschwistern und Eltern fühlte sie sich wie in einer Trutzburg , sicher gegen alle Unbill von außen. ‚Allen Gewalten zum Trutz‘ war das Motto der Scholls. (…) Ab Mai 1942 war ihr Bruder Hans für sie von entscheidender Bedeutung im Widerstand gegen Hitler“.

Bis dahin war es für Sophie Scholl ein langer Weg – das zeigen auch die Briefe und Tagebuch-Einträge. Im November 1938 lobt sie das Engagement ihrer Freundin Lisa im Bund Deutscher Mädel: „Das ist recht, daß Du so eifrig in Dienst gehst“ und sie betont: „Ich werde es auch tun.“

„Im Februar und September 1939 informiert sie ihren Freund Fritz von ihrem Dienst im BDM und grüßt ihn mit ‚Heil Hitler!‘ Noch im März 1941 schreibt sie, dass sie ihre ‚Pflicht als treues B.d.M. Mädel‘ erfülle.“

Umdenken

Sophie Scholls Umdenken begann, als sie 1941/42 ein halbes Jahr lang in einem Kinderhort in Blumberg im Schwarzwald einen „Kriegshilfsdienst“ ableisten musste. „Die Nazis wollten aus dem landwirtschaftlich geprägten Ort eine Bergarbeiterstadt machen. Verschleppte, Kriegsgefangene und Straftäter mussten dort arbeiten. Die Natur wurde brutal vernichtet, Menschen zerstört. Als durch Kriegseroberungen effizientere Abbaugebiete zur Verfügung standen, wurde die Erzförderung eingestellt. Sophie setzte dem rücksichtslosen Chaos eine göttliche Wohlordnung entgegen“, so Zoske.

„Ich glaube von jedem Blümlein und Gräslein (…), dass es gerade meinetwegen gewachsen ist (…) und sogar von jedem Stern am Himmel denke ich, dass er für mich da ist, wer weiß, ob unsere Erde nicht untergehen würde, wenn bloß ein kleinwinziger in dieser großen Ordnung fehlen würde.“ (Blumberg, 19. März 1942)

Zwei Monate nach Beendigung ihres Kriegshilfsdienstes lieh sie sich im Mai 1942 von ihrem Freund Fritz Hartnagel 1000 Reichsmark „für einen guten Zweck“ und bat ihn um einen Bezugsschein für einen Vervielfältigungsapparat. Vermutlich kaufte sie mit dem Geld eine Kopiermaschine und Druck- und Versandmaterialien.

Wie Robert Zoske schreibt, war den Widerstandskämpfern offensichtlich die Gefährlichkeit lange nicht wirklich bewusst. Anfang 1943 besuchte der Drehbuchautor und Regisseur Falk Harnack die Geschwister. Er hatte Kontakt zum Berliner Widerstandskreis um seinen Bruder Arvid. 1947 berichtet Harnack, er sei, als er Sophie und Hans in ihrer Wohnung aufsuchte, „ausgesprochen entsetzt“ gewesen über die „Leichtsinnigkeit“ der Studenten: „So befanden sich in der Wohnung in der Franz-Joseph-Straße nicht nur die Manuskripte der Flugblätter, der Abzugsapparat, die Adressenverzeichnisse, sondern gleichzeitig traf sich hier der Münchner Freundeskreis fast täglich.“

Mit einer Beobachtung durch die Gestapo rechneten die Studenten zu diesem Zeitpunkt also offensichtlich nicht. Ein paar Wochen vorher hatte sich Sophie Scholl Gedanken darüber gemacht, ob alles durch Gott vorherbestimmt sei – und wie das mit dem freien Willen des Menschen zusammenpasse:

„Dass Gott allwissend ist, daran glaube ich, und die notwendige Folgerung daraus ist, dass er auch von jedem einzelnen weiß, was nach seiner Zeit mit ihm ist, und von uns allen weiß, was nach der Zeit ist. (…) Meinen freien Willen fühle ich, wer kann ihn mir beweisen!“ (Tagebuch-Eintrag vom 12. Januar 1943)

Todessehnsucht

Aus den Tagebucheinträgen und Briefen von Sophie Scholl lässt sich aber auch fast der Eindruck einer gewissen Todessehnsucht gewinnen. „Sophies Schwermut zeigt durchaus depressive Züge“, sagt Zoske. „Mehrfach äußerte sie den Wunsch, gar nicht zu sein, oder ’nur eine Ackerkrume, oder ein Stücklein einer Baumrinde – heute leben und morgen vergehen zu dürfen‘.“

Immer wieder kämpfte sie gegen ihre Todessehnsucht an. Auch in einem ihrer letzten Briefe, im Februar 1943, ist das so. Ihr Bruder Hans dachte als Soldat in Russland daran, sich das Leben zu nehmen. „Er tat es nicht, so schreibt er, weil Christus gelebt habe und gestorben sei. Diese Gedanken werden auch Sophie nicht fremd gewesen sein“, meint Zoske. „Vielleicht war ihr mutiges, gar übermütiges Handeln, als sie die Flugblätter in den Lichthof der Universität schleuderte, der Versuch, ihr Leben bis aufs Äußerste einzusetzen und dabei den Tod billigend in Kauf zu nehmen…“

Ein Hausmeister erwischt die Geschwister Scholl, als die die Flugblätter im Lichthof der Universität verteilen und übergibt sie der Gestapo. Vier Tage später, am 22. Februar 1943, werden sie vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und noch am selben Tag mit dem Fallbeil hingerichtet. Mit ihnen stirbt Christoph Probst. Im April 1943 wird weiteren Mitgliedern der Weißen Rose der Prozess gemacht. Alexander Schmorell, Professor Kurt Huber und Willi Graf werden ebenfalls zum Tode verurteilt, die anderen zu Haftstrafen. In den folgenden Monaten verhaftet die Gestapo weitere Freunde und Unterstützer der Weißen Rose. Der Volksgerichtshof verhängt Todes- und Freiheitsstrafen.

Bei ihrer Vernehmung, die in dem Buch von Robert Zoske ausführlich wiedergegeben wird, gibt Sophie Scholl zu Protokoll:

„Als weiteren und schließlich als hauptsächlichsten Grund für meine Abneigung gegen die Bewegung möchte ich anführen, dass nach meiner Auffassung die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise eingeschränkt wird, die meinem inneren Wesen widerspricht. Zusammenfassend möchte ich die Erklärung abgeben, dass ich für meine Person mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben will.“

Bruder Hans Scholl

„Nichts mehr“ ließe sich hinzufügen. Sophie Scholl überstrahlt heute die anderen Mitglieder der „Weißen Rose“. Robert Zoske, der eine Dissertation über ihren Bruder geschrieben hat, relativiert: „Ohne Hans Scholl hätte es die ‚Weiße Rose‘ nicht gegeben. Er war eindeutig der Impulsgeber, der Kopf der Widerstandsgruppe – aber ohne Sophie hätte es so nicht den zweiten Teil des Widerstands gegeben, in dem die Gruppe Tausende von Flugblättern verteilte. Im Austausch mit ihrem Bruder hat sie sicher Impulse gesetzt, ihn zu Formulierungen angeregt und gemeinsam überlegt, was zu tun sei. Einen direkten Nachweis dafür gibt es aber nicht.“

Ab Herbst 1942 setzte Sophie Scholl organisatorische Impulse. Sie war verantwortlich für die Finanzen, die Druck- und Versandmaterialien, teilweise auch für die Verbreitung, wie hier des sechsten Flugblatts:

Kommilitoninnen! Kommilitonen!

Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken Dir! Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigen Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest der deutschen Jugend opfern? Nimmermehr (.)

Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung unserer deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat. Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat. (…)

„Bei Hans Scholl und bei Sophie Scholl beeindrucken mich die Übereinstimmung von Glauben und Handeln“, sagt Zoske. „Sie hatten zuhause und in der Kirche gelernt, dass eine Christin, ein Christ nicht nur auf die Worte Jesu hören, sondern auch in seinem Sinne handeln soll. Sophie schrieb, sie wolle ‚das Gute tun‘, Hans wollte ‚das Rechte tun‘. Beide versuchten das in einer extremen Zeit – bis zum Einsatz ihres Lebens.“

Während des Verhörs gab der Gestapo-Beamte ihr am Schluss die Möglichkeit, die Todesstrafe zu umgehen: Sie sollte sich von ihrem Bruder und den anderen distanzieren und erklären, dass ihre Handlungsweise und das Vorgehen aufs Schärfste zu verurteilen seien. Darauf antwortete Sophie Scholl laut Vernehmungsprotokoll:

„Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“

„Sophie Scholl war eine außergewöhnliche, bewundernswerte Frau“, schließt Robert Zoske sein Porträt. Sie dürfe angesichts ihrer Tat Ikone sein im Sinne von Vorbild oder Leitbild für Glaubensmut, Mitmenschlichkeit und Widerständigkeit. Sie sei aber mehr als das.

Die Biographie von Robert Zoske über Sophie Scholl ist im Propyläen Verlag erschienen.

Robert Zoske (Bild: Frederika Hoffmann)

Robert Zoske (Bild: Frederika Hoffmann)

Stephan Pesch

2 Kommentare
  1. Guido Scholzen

    Danke für diesen historischen Beitrag.

  2. marcel Scholzen Eimerscheid

    Ein Vorbild für die Jugend. Besser als Greta Thunberg.