Monschau 1962: Wie sich Menschen in einer Pandemie verhalten

Infektionsgefahr, Quarantäne, Schutzimpfung - Begriffe, die uns zurzeit ständig begleiten, spielten auch vor knapp 60 Jahren in der Region eine große Rolle: In Lammersdorf waren Anfang 1962 die hochansteckenden Pocken ausgebrochen. Der Schriftsteller Steffen Kopetzky hat die Ereignisse in einem Roman verarbeitet: "Monschau" heißt das Buch, es ist am Dienstag im Rowohlt-Verlag in Berlin erschienen.

Autor Steffen Kopetzky (Bild: Joerg Schulz)

Autor Steffen Kopetzky (Bild: Joerg Schulz)

Herr Kopetzky, worum geht es in Ihrem Buch?

Es ist tatsächlich eine veritable Pocken-Epidemie, die damals ausgebrochen ist, und die den Hintergrund bildet für den Roman, den ich geschrieben habe. In dem Roman geht es natürlich auf dem Hintergrund dieser Epidemie vor allem um den Menschen. Wie benimmt sich jemand in Quarantäne? Was macht es mit den Menschen, wenn man in Isolation ist? Wie begegnet man als Gesellschaft einer Infektionskrankheit, die im Grunde alle erreichen kann, alle auch krank machen kann? Welche Gefühlswelten werden da ausgelöst? Und, eine der wichtigen Figuren in dem Roman: Wie verhalten sich die Ärzte, um das Ganze unter Kontrolle zu bringen?

Wie sind sie denn auf diesen Stoff gekommen?

Also es war tatsächlich ein Arzt, Günter Stüttgen, der schon in meinem Roman ‚Propaganda‘ vorkommt. Da war er nämlich als Arzt im Zweiten Weltkrieg während der Allerseelen-Schlacht im Hürtgenwald beteiligt und hat dort amerikanischen Soldaten das Leben gerettet. Darum geht es in meinem Roman Propaganda. Und seine Witwe hatte mir erzählt, dass er 1962 – dann eben von Düsseldorf aus, wo er dann Professor geworden war – sich auch noch Verdienste erworben hatte im Bekämpfen der Pocken in Monschau. Ich habe das zunächst einmal zwar wahrgenommen, aber keine weiteren Konsequenzen daraus gezogen.

Dann war ich aber auf Lesereise in Hürtgenwald am Rursee. Das war der Tag, an dem der erste Corona-Tote in Europa vermeldet wurde, ein 82-jähriger Franzose. Und als der Veranstalter mich dann mit dem Auto zur S-Bahn fuhr, war plötzlich das Schild „Monschau 20 Kilometer“ zu sehen. Und da schaltete irgendetwas in meinem Gehirn und ich erinnerte mich an diese alte Geschichte und fragte den Mann, der mich gerade mit dem Auto chauffierte, ob er sich selbst an diese Pocken-Epidemie erinnern könne. Und er sagte „Ja, ja, das war bei uns eine wirklich große Geschichte. Meine Tante zum Beispiel hat als junges Mädchen in Quarantäne befindliche Personen aus ihrem Lebensmittelladen heraus versorgt.“ Und in diesem Dreiklang, also das Bewusstsein, Corona würde uns lange beschäftigen, dann eben die Tatsache dieser Epidemie, und dass jemand, den ich frage – quasi eine Art Zeitzeuge – sich gleich daran erinnern konnte, hat mich dann darauf gebracht, diese Geschichte zu recherchieren.

Sie haben dann sehr gründlich recherchiert, die Geschichte auch nacherzählt. Allerdings, wie es sich für eine Romanform gehört, auch so ein bisschen verfremdet.

Ja, also es ist letztlich eine Geschichte, wie man sie aus den Ritter-Romanen von Walter Scott oder von anderen Autoren kennt. Da ist ein Land, eine Art kleines Reich, in dem Fall ist es Monschau mit seiner Fabrik hinter den sieben Bergen, und dort ist irgendein Übel ausgebrochen. In einem Ritter-Roman könnte das ein Drache sein oder ein böser Zauberer oder eine Hexe. Hier bei Monschau sind es eben Variola, das ist ja der lateinische Name der Pocken. Variola sind also ausgebrochen und es brechen dann um Hilfe gerufene Ritter auf, um dieses Übel zu bekämpfen. Das sind in dem Fall die Ärzte, die von Düsseldorf kommen, um dieses epidemische Geschehen wieder unter Kontrolle zu bringen.

Und so habe ich mich in vielerlei Hinsicht am Ritter-Roman orientiert, um diese Geschichte aufzuschreiben. Es gibt da eben einen alten, erfahrenen Ritter – Doktor Stüttgen – und einen jungen Assistenzarzt, einen jungen Ritter sozusagen, der ihm im Kampf hilft. Und der bleibt dann auch vor Ort, um dem Übel zu wehren. Und natürlich lernt er die Prinzessin kennen, das ist in dem Fall die Alleinerbin der Fabrik, die der Ausgangspunkt für die Epidemie war. Und auf dem Hintergrund habe ich den Roman entworfen.

Diese Fabrik, dieses mittelständische Unternehmen, das entspricht dann schon wieder ganz genau den historischen Vorgaben, so wie es über einen Mitarbeiter, der aus Indien zurückkam, geschehen ist, dass diese Pocken quasi eingeführt wurden.

Ja, ganz genau. Da war damals die Globalisierung, die wir heute kennen, auch schon im Gange. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich der Flugverkehr und der Warenaustausch wieder ganz schnell beschleunigt. Und diese Firma, in der Wirklichkeit, war in der ganzen Welt präsent. Sie verkaufte Industrieöfen, also Schmelzöfen, an die ganzen Länder, die sich zu dieser Zeit eben industrialisierten, so wie China oder Indien, und brachten dann eben auch alles Mögliche mit. Das heißt also, die Pocken, die in Mitteleuropa, Deutschland, Belgien ja schon lange Zeit eigentlich mehr oder weniger zurückgedrängt und fast ausgestorben waren, kamen über diese wirtschaftlichen Aktivitäten immer wieder zurück.

Was jetzt aus heutiger Sicht besonders frappiert, das ist, wie diese hoch ansteckende Krankheit damals falsch eingeschätzt wurde, wie man es zuerst für etwas viel Harmloseres gehalten hat, wie auch die Menschen nachher mit dieser möglichen Gefahr umgingen. Sie schildern da beispielsweise den Besuch einer Karnevalsveranstaltung im benachbarten Kreis Düren, so als ob gar nichts gewesen wäre. Man feiert einfach weiter.

Der Mensch ist ein widersprüchliches Wesen. Jeder hat zwar Angst vor der Ansteckung, aber dann denkt er sich naja, mich wird es schon nicht erwischen und jetzt ist doch Karneval. Von diesen „Pocken-Karnevalsabenden“ habe ich auch schon ganz früh erzählen gehört: dass es so halb verboten war, dass sie sich zum Teil auch aus der Quarantäne geschlichen haben, die jungen Leute, um Karneval zu feiern. So ist der Mensch eben. Also seine Lust geht ihm über alles und er riskiert dann sogar Gefahr an Leib und Leben.

Nun war diese Pocken-Epidemie 1962 im Raum Monschau nach einer gewissen Zeit vorbei. Was können wir jetzt aus heutiger Sicht daraus lernen, wenn wir jetzt die Parallelen zur aktuellen Corona-Krise ziehen?

Nun, wenn man in diese Zeit zurückschaut, dann kann man eigentlich sagen: Die Pocken waren in den 50er und 60er Jahren das Corona dieser Zeit. Denn auch wenn es in Mitteleuropa und im Westen ziemlich zurückgedrängt und ausgestorben war, bis auf einzelne epidemische Ausbrüche wie in Monschau, so war es doch weltweit immer noch ein gigantisches Problem, eine wirkliche Geißel der Menschheit. Also Vermutungen sagen, dass jedes Jahr in den frühen 60er Jahren z.B. 75 Millionen Menschen weltweit an Variola erkrankt sind und jedes Jahr zwei Millionen gestorben sind. Ein Drittel aller Erblindungen in der Welt war auf eine Variola-Infektion zurückzuführen. Also wenn die Pocken in die Augen kamen, dann war sehr oft die Folge, dass die Menschen ihr Augenlicht verloren.

Es war eine Geißel, die eben auch schon ganz lange bekämpft wurde. Also die Pocken-Impfung ist ja die allererste Impfung überhaupt. Sie wurde Ende des 18. Jahrhunderts in England entdeckt. Mit Hilfe der Kuh-Pocken konnte man ein erstes Vakzin herstellen. Der Name Vakzin kommt übrigens auch von der Kuh, lateinisch Vacca. Diese allererste Impfung gab den Namen für die Impfung überhaupt. Und dann hat es beinahe 200 Jahre gedauert, bis die Pocken ausgerottet waren. Also ein langer, langer Zeitraum trotz Impfung. Dementsprechend ist es eigentlich so, dass wir natürlich Hoffnung schöpfen können, auch bei Corona, dass wir das Ganze in den Griff bekommen werden. Dass es nicht von heute auf morgen passieren kann, das ist allerdings klar.

Nun geht das Erscheinen eines neuen Buches meistens einher mit Lesereisen, dass Sie auch Ihren Lesern begegnen. All das ist im Moment nicht möglich.

Nein. Also ich habe am Donnerstag eine erste Lesung online im Salon-Festival Köln, auf die ich mich schon sehr freue. Wir haben im April Lesungs-Termine gehabt, die haben wir jetzt schon alle verschoben. Jetzt haben wir momentan im Mai Lesungs-Termine ausgemacht. Mal sehen, ob wir die durchhalten können. Aber es geht ja nun allen so. Das ist eben in dieser Zeit etwas, womit wir leben müssen.

Und geplant ist auch, dass Sie in die engere Region kommen?

Oh ja, es gibt einige Termine, natürlich in Düsseldorf und in Köln, aber auch in Würselen. Und auch Anfragen für den Herbst. Dann bei der Lit Eifel und noch an einigen anderen Orten der Region.

Steffen Kopetzky: Monschau (Rowohlt)

Steffen Kopetzky: Monschau (Rowohlt)

sp/km

Ein Kommentar
  1. Andrée Müller-Bragard

    Besten Dank für diesen interessanten Artikel. Ich werde mir das Buch kaufen, denn diese Zeit habe ich auch erlebt.
    Es wäre auch sehr interessant eine Autorenlesung mit dem Schriftsteller in unserer Gegend zu organisieren, natürlich, wenn diese Coronazeit vorbei ist, wir hoffen alle bald.
    Ich danke Ihnen sehr für Ihre kulturellen Sendungen, die mich immer wieder begeistern wie auch andere Themen.
    Wir gratulieren dem ganzen Team für die tolle Arbeit
    Andrée und Joseph Müller-Bragard
    Malmedy