Spurensuche einer jüdischen Familie

Einem Drehbuchautor hätte man die Geschichte wahrscheinlich gar nicht erst abgenommen: Ein jüdischer Arzt aus Brüssel macht sich auf Spurensuche in Nürnberg. Dort lebten einst seine Großeltern. Er findet das Haus wieder und trifft dort auf eine jüdische Familie, die das Haus vor kurzem gekauft hat. Und beide Familien haben auch noch polnische Wurzeln.

Der Comic zur Familie Jesuran wurde von Schülern des Albrecht-Dürer-Gymnasiums in Zusammenarbeit mit einem Comic-Zeichner realisiert (Bild: Melanie Ganser/BRF)

Der Comic zur Familie Jesuran wurde von Schülern des Albrecht-Dürer-Gymnasiums in Zusammenarbeit mit einem Comic-Zeichner realisiert (Bild: Melanie Ganser/BRF)

1931 hatten die Großeltern von Alain Jesuran Nürnberg verlassen. Der Brüsseler Arzt wollte nun den Spuren seiner Familie auf den Grund gehen. Wenige Tage bevor er zu seiner Reise nach Nürnberg aufbrach, entdeckte er in den Papieren seines Vaters die Adresse des ehemaligen Wohnhauses der Familie in Nürnberg, Volprechtstraße 21.

Alain Jesuran traf im Haus eine junge Frau, Johanna Drozak, der er seine Familiengeschichte erzählte. Sie übergab ihm einige Erinnerungsstücke an die Großeltern, die sie im Keller des Hauses gefunden hatte. Und dann kehrte, wie ein Engel, sagt Alain Jesuran, der Ehemann von Johanna, Jean-François Drozak, von einer Versammlung in der Synagoge zurück, in der gerade die Thematik behandelt worden war.

„Da ging es um die Enteignungen nach der Machtergreifung, aber auch um die durch Repressalien genau so stattgefundenen Enteignungen vor der Machtergreifung. Unsere Frage war: Ist unser Haus, auch wenn notariell beglaubigt, juristisch sauber verkauft worden? Aber wenn man die Atmosphäre der Situation anschaut, in der die Familie Jesuran das Haus verkauft hat, dann muss man davon ausgehen, dass sie haben fliehen müssen und man kann im Nachhinein nur froh sein, dass sie ihr Haus damals verlassen haben, auch wenn sie es weit unter Wert haben verkaufen müssen“, erklärt Jean-François Drozak.

„Es war ein Schock für uns, weil wir gemerkt haben, dass wir in einem Haus wohnen, in dem ein Verbrechen stattgefunden hat. Da war also jemand gewesen, der gemerkt hatte, da kann ich ein Schnäppchen machen mit der Not und dem Leid der Familie Jesuran. Natürlich stellten wir uns die Frage, sind wir ethisch verpflichtet Reparationszahlungen zu machen, wie kann Versöhnung aussehen, auch wenn wir selber und unsere Vorfahren nicht darin involviert sind? Aber wir sind die aktuellen Eigentümer des Hauses und haben damit auch eine Verantwortung gegenüber der Geschichte dieses Hauses. Für mich persönlich ist es auch noch mal so bewegend gewesen, weil ich selber Belgier bin. Alain Jesuran kommt zu unserem Haus nach Nürnberg, möchte sich von dem Haus verabschieden, denkt auf Deutsche zu treffen – meine Frau ist tatsächlich Deutsche – aber er trifft auf einen Belgier, dem das Haus gehört“, so Drozak weiter.

„Mein Großvater selber war Pole, ist noch vor dem Zweiten Weltkrieg nach Gosselies, hat wie viele Polen dort in der Industrie gearbeitet. Als dann die Deutschen in Belgien einmarschiert sind, konnte er sich auf einem Bauernhof verstecken. Er war auch nach dem Krieg viele Jahre als Staatenloser in Belgien, auch mein Vater war bis zu seinem 18. Lebensjahr Staatenloser. Mit 18 Jahren ist er dann, um nicht den Militärdienst machen zu müssen, nach Brasilien ausgewandert. Dort erhielt meine Mutter als sehr gute Physikerin ein Stipendium, um in Europa zu studieren, nämlich in München. Und zum Schluss treffen wir in Nürnberg Monsieur Jesuran zum Abschluss einer europäischen Reise von zwei Familien. Jesurans haben ja auch polnische Vorfahren, die dann über Nürnberg nach Brüssel sind und das ist für mich dann alles schon sehr bewegend.“

Jean-François Drozak stellte sich die Frage, wie kann man an die zahlreichen jüdischen Familien erinnern, die vor dem Zweiten Weltkrieg im Gostenhofer Viertel in Nürnberg lebten? Für Alain Jesuran kamen Stolpersteine, wie wir sie in vielen Städten finden, nicht in Frage, viel sympathischer war ihm die Idee, mit Namensschildern an den Briefkästen an die Deportierten zu erinnern. Gesagt getan, und vor allem entwickeln sich aus dieser kleinen Geste immer wieder Gespräche mit den Nachbarn über die Geschichte.

Denn für Alain Jesuran ist es wichtig ausgehend von der Vergangenheit die Zukunft aufzubauen: „Wir leben zusammen in unserer Zeit und ausgehend von diesem Haus, diesem Haufen Steine können wir ein gemeinsames Leben aufbauen“.

Neben dem Comic ist auch ein Buch zur Familie Jesuran erschienen (Bild: Melanie Ganser/BRF)

Neben dem Comic ist auch ein Buch zur Familie Jesuran erschienen (Bild: Melanie Ganser/BRF)

So widmete sich ein Projektseminar am Albrecht-Dürer-Gymnasium dem Schicksal der jüdischen Familien in Nürnberg. Die beiden Schüler Finn Sanders und Lina Das begleiteten die Drozaks auf ihrem Brüssel-Besuch. Sie haben mit Klassenkollegen ein umfangreiches Sachbuch sowie einen Comic zur Geschichte des Hauses und der Familie Jesuran geschrieben.

„Vier der acht Schüler haben gemeinsam mit einem Comiczeichner besprochen, wie wir die Geschichte strukturieren, welche Bilder größer aufgezeichnet werden können, weil sie einen wichtigen Zeitpunkt in der Geschichte darstellen, und haben sich dazu die Dialoge ausgedacht“, erklärt Lina Das.

Nürnberg ist natürlich eine in vielerlei Sicht von Geschichte erfüllte Stadt. Hier fanden die Reichsparteitage statt, aber auch die Nürnberger Prozesse. „Klar, dass man sich mit der Geschichte auseinandersetzt“, sagt Finn Sanders. „Das Memorium Nürnberger Prozesse ist gerade mal 150 Meter von unserer Schule entfernt. Da geht man während seiner Schullaufzeit mehrmals hin. Das Dokumentationszentrum, das sich auf dem Gelände der Reichsparteitage befindet, besucht man natürlich auch. Es ist schon so, dass die Geschichte durchaus präsent ist und man sich damit auseinandersetzt.“

Jean-Francois Drozak ist diese Form der Aufarbeitung ganz besonders wichtig. „Solange es noch Zeitzeugen gab, die Auschwitz und Holocaust überlebten, war Erinnerungskultur sehr stark geprägt durch Begegnungen zwischen diesen Menschen und den nachfolgenden Generationen. Aber was ist, wenn sie sterben? Wie sieht die Erinnerungskultur dann zukünftig aus? Daher war es uns wichtig, keinen Historiker zu bitten, die Geschichte des Hauses aufzuschreiben. Dazu wären zig Historiker bereit gewesen, weil es eine Wahnsinnsgeschichte ist, aber wir haben uns dann eher gesagt, lassen wir doch Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums daran arbeiten und vielleicht ihre Sicht, wie Erinnerungskultur zukünftig aussehen kann, darin integrieren.“

Hans Reul

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