Saisonauftakt am Theater Lüttich: Es liegt Vorfreude in der Luft - auf eine neue Saison, neue Geschichten und neue Begegnungen. Auf dem Programm steht die Premiere von "Zinc", nach dem gleichnamigen Buch von David van Reybrouck. Schon allein dieses kuriose Stück Regionalgeschichte ist den Ausflug ins Theater wert.
Wie das Buch folgt auch das Theaterstück der Lebensgeschichte von Joseph Rixen. Ihn gab es wirklich. Er wurde 1903 in Neutral-Moresnet geboren. An einem Ort, der niemandem verpflichtet und deshalb offen für alle war. Einem neutralen Ort.
Doch so schön sich das auch anhört, so schwierig ist diese Neutralität für Rixen und seine Schicksalsgenossen im Alltag. Nicht nur, dass die Einwohner des Gebiets im Machtspiel um die Altenberger Zinkreserven eigentlich nie mehr als Kollateralmasse sind. Sie sind als Neutrale auch nicht Teil einer Nation, haben keine echten Bürgerrechte. Wie weiß Joseph Rixen also, wer er wirklich ist? Und wer bestimmt das? Ein Staat? Die Familie? Ein Beruf? Eine Kultur? Oder eine Sprache? Diese Fragen sind von Anfang an gesetzt.
"Ich bin hier, um verstanden zu werden und ich hoffe, dass ihr bis zum Ende des Abends verstanden habt, wer ich bin", sagt eine der fünf Personen, die abwechselnd Joseph Rixen verkörpern. Hier entsteht ein erster Mehrwert durch die Inszenierung. Indem fünf Schauspieler eine Figur darstellen - manchmal gleichzeitig, manchmal abwechselnd - wird die schwierige Frage nach Rixens Identität auf der Bühne sichtbar.
Aber nicht nur das. Durch ihre Inszenierung macht auch das Theater selbst zum Thema. Wo in den meisten Stücken Bühne und Schauspieler hinter der Geschichte und den Figuren darin verschwinden sollen, wird diese Illusion in "Zinc" von Anfang an gebrochen. So muss der Zuschauer sich bewusst damit auseinander setzen, wie Vorstellungskraft funktioniert.
"Theater fängt immer so an. Im Nirgendwo, mit einer leeren Bühne. Erst dann fängt man an sich vorzustellen, wo man gerne wäre." Die Idee dahinter ist, das das Theater selbst ein neutraler Ort ist - wie Neutral-Moresnet. Ein Ort, an dem man andere Identitäten anprobieren kann, wie ein Schauspieler ein Kostüm. Diese Freiheit findet man in der Realität selten.
"Die Bühne ist ein neutraler Ort, auf den man Ideen projiziert", erklärt eine Schauspielerin auf der Bühne. "Und für mich ist es dasselbe. Mit jedem Wort, das ich sage und jeder Bewegung, die ich ausführe beginnt ihr, meine Person mit meiner Rolle zu überlagern."
So willkürlich, wie das Theater unsere Vorstellungskraft lenken kann, ging das Leben auch mit Joseph Rixen um. Er kannte seinen Vater nicht, seine Mutter gab ihn zur Adoption frei. Die neue Familie nannte ihn Emil, denn einen Joseph gab es in der Familie schon. Und so geht es weiter: Im Lauf seines Lebens wird Rixen fünf Nationalitäten haben, ohne einmal umzuziehen. "Plötzlich musste ich aufhören so zu tun, als wäre ich Deutscher, und mir vorstellen, ich käme aus Belgien. (…) Es hat mich mir selbst fremd gemacht."
So schleudert das Leben den kleinen Jungen ohne Wurzeln - Bürger eines neutralen Gebiets - ständig und beliebig umher. Er ist Spielball der Geschichte. Selbst bestimmen kann er quasi nicht. So wird deutlich, dass Moresnets Neutralität vor allem dem Bergwerk diente. Das Zink wurde frei, die Menschen nicht unbedingt.
In ihrem Stück erzeugen die beiden Regisseure der Kompanie "Dead Centre" also aus dem historischen Kuriosum eine Metapher für das Ungleichgewicht zwischen Vorstellung und Realität, zwischen Herrschern und Beherrschten. Unterm Strich geht es um Grenzen: Ein Diplomat zieht mit dem Lineal eine Grenze auf einer Karte. Eigentlich nur eine Vorstellung, manifestiert als Strich auf Papier. Doch was auf dem Verhandlungstisch des Wiener Kongresses bloß eine Linie ist, wird in der Realität zur Grenze, die die Identität einer ganzen Region verändert.
Aber wenn eine Identität durch eine Linie bestimmt wird, durch eine Grenze, die willkürlich trennt oder vereint, was ist so eine Identität dann wert? Wer das Stück sieht, erkennt direkt den Bezug zu heutigen Debatten über Migration und das Recht auf Staatsangehörigkeit. So macht "Zinc" aus der Geschichte von Neutral-Moresnet einen hochaktuellen Kommentar über den Wert von Identität und den Preis unserer Freiheiten.
Anne Kelleter







