Die australische Sopranistin ist in Lüttich keine Unbekannte. So hat sie schon an einigen Produktionen der Königlichen Oper der Wallonie teilgenommen, dabei ist sie eigentlich die großen internationalen Bühnen gewohnt, wie beispielsweise die Mailänder Scala oder die Wiener Staatsoper.
Trotzdem fühlt sie sich im relativ kleinen Lütticher Opernhaus pudelwohl, weil die intimere Atmosphäre ihrem Repertoire, dem Belcanto, entgegenkommt und sie hier die unterschiedlichen Klangfarben ihrer Stimme besser einsetzen kann. Jessica Pratt sieht auch die räumliche Nähe des Publikums als einen Vorteil bei kleineren Theatern, weil die Zuschauer viel besser die Gesichtsausdrücke der Sänger erkennen können.
In Lüttich steht Pratt als Lucrezia Borgia im Mittelpunkt des Geschehens. Die Oper von Belcanto-Komponist Gaetano Donizetti basiert auf dem gleichnamigen Drama von Victor Hugo und vertont eine fiktive Geschichte rund um die historische Figur der Lucrezia Borgia, einer ehrgeizigen und teilweise skrupellosen Adeligen, die viele ihrer Widersacher einfach aus dem Weg räumen ließ.
In Donizettis Oper wird Lucrezia Borgia allerdings nicht nur als machtgierige Frau dargestellt, sondern auch als liebende Mutter - dabei kennt ihr erwachsener Sohn sie allerdings nicht, und wie alle anderen fürchtet und verachtet er sie wegen ihrer Grausamkeit.
Jessica Pratt bietet in Lüttich eine tolle Personifizierung der Lucrezia Borgia. Man merkt, dass Gaetano Donizetti einer ihrer Lieblingskomponisten ist - nicht nur, weil sie ihren allerersten Opernauftritt in der Hauptrolle seiner "Lucia Di Lammermoor" absolviert hat, sondern auch, weil seine Handlungen dramatisch immer sehr gut ausgearbeitet sind.
Die Sopranistin singt hauptsächlich Opern von drei Komponisten: Donizetti, Rossini und Bellini, wobei Rossini eher klassisch komponiert und Bellini wunderschöne musikalische Linien schreibt, dabei aber die Handlung oft zu wünschen übrig lässt - ganz im Gegensatz zu Donizetti.
Im Zentrum der Lütticher Aufführung von "Lucrezia Borgia" steht also Jessica Pratt, aber daneben begeistern auch auch der Tenor Dmitry Korchak, der ihren unehelichen Sohn Gennaro darstellt, und der Bass Marko Mimica in der Rolle ihres Ehemanns, des Fürsten Alfonso von Este.
Einmal mehr gebührt auch dem Chor der Lütticher Oper ein großes Lob, der in dem Werk von Donizetti eine wichtige Rolle spielt. Dabei haben vor allem die Männer viel zu tun, sowohl stimmlich als auch darstellerisch, wobei sie sich zwischen den einzelnen Szenen auch oft noch schnell umziehen müssen. Die Kostüme sind toll, die Farben eher einfach gehalten, dabei aber sehr wirkungsvoll.
Donizettis wunderbare Musik wird zum Leben gebracht vom gut aufgelegten Lütticher Orchester, wie immer perfekt vorbereitet durch seinen Chefdirigenten Giampaolo Bisanti, der die Oper vor wenigen Monaten zum ersten Mal überhaupt dirigiert hat, übrigens gemeinsam mit Jessica Pratt, die damals auch zum ersten Mal die Rolle der Lucrezia gesungen hat. Dass die beiden Neulinge in diesem Werk sind, hat man bei der Premiere nicht gemerkt, ganz im Gegenteil.
Wer Donizettis herrliche Oper selbst live in Lüttich erleben möchte, hat dazu noch bis zum kommenden Samstag die Gelegenheit. Allerdings sind nur noch wenige Karten zu haben, schnell sein ist also die Devise.
Patrick Lemmens